Weise Affen? – Karlhans Frank

Weise Affen?

Auf der Theke meiner Dorfkneipe steht eine kleine Skulptur. Sie zeigt drei Affen — einer verdeckt mit den Händen seine Augen, der zweite seine Ohren, der dritte hält sich den Mund zu. Das ist ein bekanntes Bild, und der Wirt will damit signalisieren, dass er nicht hinsieht, wenn beispielsweise ein Liebespaar knutscht, nicht hinhört, wenn ein Betrunkener über seinen Chef Schimpfworte lallt, niemandem sagt, was in seinem Lokal gesprochen wird.

Ist ja in Ordnung.

Wenn eine Frau ihr Strumpfband verliert, sollte man darüber hinwegsehen — wie es die folgende Anekdote erzählt:

Als im 14. Jahrhundert bei einem Fest während des Tanzes der Gräfin Alix Salisbury ein solches Missgeschick passierte, hob König Eduard III. das delikate Bändchen auf, gab es der Dame, die angeblich seine Geliebte war, zurück, tadelte die grinsenden Hofleute mit den Worten »Honny soit qui mal y pense«, was bedeutet: »Ehrlos sei, wer Böses dabei denkt«, stiftete im Andenken daran den Hosenbandorden, ein dunkelblaues Samtband mit dem in Gold aufgestickten Spruch, das von Herren zum Galaanzug unter dem linken Knie zu tragen ist.

Es gibt noch eine andere Entstehungsgeschichte für diese Ehrung, dass nämlich im Jahre 1346 Eduard III. in der Schlacht bei Crecy sein eigenes Strumpfband als Fahne geschwenkt habe und zur Erinnerung an diesen Sieg über die Franzosen den Hosenbandorden erfunden hat.

Und wenn einem Gentleman in Gesellschaft versehentlich ein peinliches Körpergeräusch entfährt, ist der mit dem Finger auf den Unglücklichen Zeigende taktloser als der Pupser.

Auch dass Tratschen und Petzen und Angeben zwar zu den verbreitetsten, keinesfalls aber zu den vornehmsten Tätigkeiten des Menschen gehören, weiß eigentlich jeder Prahlhans und jedes Waschweib.

Aber ist Wegsehen, Ohrenschließen, Schweigen tatsächlich immer weise?

»Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen« ist in Wirklichkeit gar nicht positiv gemeint, bedeutet eher, feige und meinungslos zu sein. Und das alte Sprichwort aus dem Lateinischen, das man als Quelle für die Aussage ansehen kann, heißt: »Höre! Sehe! Schweige! — Wenn du in Frieden leben willst.« — Aber auch das stimmt nicht. Manchmal muss man laut aussprechen, was einem nicht passt.

Was die berühmten Affen uns sagen sollen, ist sowieso nicht ganz klar.

Ziemlich unumstritten ist, dass sie aus Japan stammen. Nicht sehend, nicht hörend, nicht sprechend heißt in dieser Sprache »mi-zaru, kika-zaru, iwa-zaru«, und »zaru« bedeutet nicht, aber »saru« bedeutet Affe, und so kann es sein, dass dieses Symbol aus einem Sprachspiel entstand, mit Weisheit überhaupt nichts zu tun hat, vielleicht mehr mit äffisch — wobei man den Affen Unrecht tut, denn ein ordentlicher Schimpanse passt ständig mit allen Sinnen auf, was um ihn herum geschieht, und in einer Schimpansenhorde wird fast ununterbrochen gequasselt.

Wer zu viel weghört und übersieht, dem könnte Hören und Sehen vergehen. Wer zu lange schweigt, könnte mit allen seinen Lieben mundtot gemacht werden.

Über Schwächen seiner Mitmenschen sollte man hinweg sehen, manche Dummheiten darf man getrost überhören, über vergangene Missgeschicke muss man nicht dauernd reden — aber bei drohenden Gefahren hört jede Toleranz auf.

Toleranz ist eine Tugend. Fremde Sitten, Kleidung, Musik, Haartracht, Speisen… müssten eigentlich neugierig machen — da braucht man die Toleranz kaum. Die Freiheit von Andersdenkenden muss man schützen, denn jede gefährdete Freiheit ist eine Gefahr für die eigene Freiheit.

Jedoch darf und kann man Intoleranz nicht mit Toleranz begegnen. Da gilt der Imperativ: »Wehret den Anfängen!« Da darf es kein Verharmlosen geben! Da kann kein Witz über einen Menschen aus einem anderen Volk lustig sein, keine fremdenfeindliche Verallgemeinerung diskutabel!

Wer seine Freiheit, sein Land, sein Leben liebt, muss sehen, hören, reden. Es gehört sogar noch mehr dazu. Er muss sich erinnern, aus Geschehenem lernen. Er muss denken und Mitdenker finden, um sich mit ihnen wehren zu können. Und manchmal reicht das Reden nicht aus, muss Handeln dazukommen.

Junge Menschen können sich natürlich nicht erinnern, wie das war mit dem Faschismus. Aber wir haben die Sprache. Durch die Sprache sind uns Ereignisse überliefert, können wir uns sogar an Geschehnisse erinnern, die vor tausend und mehr Jahren stattfanden.

Man kann aus der Geschichte lernen und dann in der Gegenwart genau hinsehen, hinhören, ob sich da nicht etwas anbahnt, was schon einmal böse geendet hat. Manchmal ist das nicht auf den ersten Blick zu erkennen, dann muss man darüber nachdenken, daraus Schlüsse ziehen. Und dann muss man reden, warnen, schreien, notfalls sich wehren, handeln.

P.E.N. steht für »Poets, Essayists, Novelists«. Es ist kein gewöhnlicher Verein, in dem jeder Mitglied werden kann. Wer in den P.E.N. aufgenommen werden will, kann sich nicht selbst bewerben. Er muss vorgeschlagen und zugewählt werden, muss nicht nur als Autor anerkannt sein, sondern auch gegen Militarismus, Rassenhetze und Völkerhass sein, sich nachweislich für Frieden und Menschenrechte einsetzen. Es ist eine literarische Ehrung, Mitglied des P.E.N. zu werden.

Eine der wichtigen Aufgaben des P.E.N. ist der Einsatz für bedrohte Autoren in aller Welt — denn immer noch versuchen Mächtige überall, Aufklärung zu verhindern. Und selbstverständlich ist der P.E.N. mit allen seinen Mitgliedern gegen das neue Aufflammen der alten Nazi-Ideologie. Also ist dieses Buch der Aufruf namhafter Autoren an alle: Seid wachsam und wehrt euch!

Karlhans Frank

Karlhans Frank (Hrsg.) : Menschen sind Menschen. Überall. – P.E.N.-Autoren schreiben gegen Gewalt
München, C. Bertelsmann Taschenbuch, 2002

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Über kindg

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