Mein Opa kann ganz schön anstrengend sein

Mein Opa kann ganz schön anstrengend sein

Seit meine Oma gestorben ist, wohnt mein Opa ganz allein in der Wohnung unter uns. Er versorgt sich morgens und abends selbst. Zum Mittagessen kommt er immer zu uns herauf. Meine Mutter besorgt ihm auch die Wäsche, und sie hält seine Wohnung in Ordnung.

Wenn der Opa zum Essen kommt, stöhnen meine Eltern immer ein bisschen. Er hört nämlich sehr schlecht, weigert sich aber, sein Hörgerät zu tragen. Er sagt, dass er dann ganz genau sein eigenes Kauen hört und dass ihm das gar keinen Spaß macht. Dafür hören wir es alle umso deutlicher. Aber keiner von uns würde das jemals dem Opa sagen.

Wenn ich aus der Schule komme und beim Mittagessen meiner Mutter etwas erzählen möchte, dann komme ich nicht dazu. Der Opa erzählt nämlich ständig und immer dasselbe. Er erzählt von früher und vor allem von seinem Auto. Immer wieder das gleiche. Dabei spricht er so laut, dass wir uns kaum noch verstehen können. Und er wird richtig ärgerlich, wenn wir ihm nicht zuhören. Meine Mutter sagt oft, dass ihr der Opa auf die Nerven geht. Und mein Vater nickt, denn das ewige Gerede über Opas Auto kann er schon lange nicht mehr hören.

Der Opa erzählt uns auch jeden Mittag, was er eingekauft hat und was er am Abend essen will. „Opa, das hast du uns vorhin schon einmal erzählt!“ sagt meine Mutter manchmal. Dann nickt mein Opa und erzählt doch wieder, was er erzählen will. „Das kommt daher, weil er den ganzen Tag über mit sonst niemand sprechen kann!“ sagt mein Vater, wenn wir manchmal so richtig über den Opa schimpfen. Dann tut uns der Opa leid, und wir nehmen uns vor, morgen beim Mittagessen ganz besonders lieb zu ihm zu sein. Dann kann er uns zum zwanzigsten Mal erzählen, was ihm so besonders gut an seinem kleinen Auto gefällt.

Wir werden zuhören und zuhören, so dass er spürt, dass wir uns alle ganz besonders für sein Auto interessieren. Aber alle Zeitungen und Reklameblätter müssen verschwinden. Und wenn es nachher Milch zum Kaffee gibt, dann kommt die Milch in einem Kännchen auf den Tisch. Nur nicht in der Verpackung oder in der Dose! Der Opa liest nämlich alles, was er findet, laut vor, und es stört ihn überhaupt nicht, dass wir nicht jeden Tag hören wollen, was auf der Milchpackung oder in dem Reklameblatt steht. Wir können nämlich alle selber lesen.

Aber so gut wir vorher auch aufpassen und alles wegräumen, was man vorlesen könnte, der Opa entdeckt doch wieder etwas. Gestern Mittag hat er uns allen die Rechnung vorgelesen, die am Morgen mit der Post gekommen ist. Meine Mutter hatte sie neben ihren Teller gelegt, um sie meinem Vater zu zeigen. Dabei sollte ich von der ganzen Sache nichts wissen, denn es handelte sich um ein Geburtstagsgeschenk für mich. Aber als Opa die Rechnung erwischt hatte, war es bereits zu spät.

Der Opa bringt auch immer seinen Kalender zum Mittagessen mit. Da liest er uns regelmäßig vor, was er sich für die nächste Zeit alles notiert hat, wann der Mülleimer raus muss, wann der Sperrmüll abgeholt wird, wann die Tante Gertrud Geburtstag hat und wann die nächste Nummer seiner Kreuzworträtselzeitung erscheint. Wenn es dann aber so weit ist, dann vergisst er den Sperrmüll, die Mülleimer und Tante Gertruds Geburtstag.

Manchmal muss ich sehr über meinen Opa lachen. Er hat für alles Patentrezepte. Er deckt zum Beispiel schon abends den Frühstückstisch. Und weil er nicht gern spült, stellt er eine Schüssel mit Wasser in den Spülstein, kippt ordentlich Spülmittel hinein und wirft dann alles in die Schüssel, was sich den ganzen Tag über an schmutzigem Geschirr bei ihm ansammelt. Abends kippt er alles auf die Ablage neben der Spüle und lässt es über Nacht trocknen. Er sagt, dass er deshalb schon lange keine Spültücher mehr braucht. Deshalb spült meine Mutter alles noch einmal extra, wenn mein Opa uns etwas wiederbringt. Und wenn er mir ein Glas Saft anbietet, dann spüle ich das Glas, das er mir gibt, zunächst gründlich aus. „Es ist doch sauber!“ sagt mein Opa und wundert sich. Dann sage ich, dass ich Saft am liebsten aus einem klatschnassen Glas trinke, denn dann schmeckt der Saft besonders gut.

„Jeder hat seinen Tick!“ lacht dann der Opa. Und ich muss auch lachen, wenn ich zusehe, wenn er mit dem kleinen Autostaubsauger sein Frühstücksbrettchen säubert. „Das ist viel hygienischer, als es mit Wasser zu spülen!“ belehrt er mich dabei. „Das Holz saugt nur das Wasser auf. Und die Brotkrümel packt der Staubsauger viel besser!“

„Bäh!“ sagt meine Mutter und schüttelt sich. Und mein Vater versucht, dem Opa das Patent mit dem Staubsauger auszureden. Aber der Opa hört überhaupt nicht zu, sondern erzählt meinem Vater lautstark etwas über sein Auto oder über den Käse, den er heute gekauft hat und später noch essen will. Da blickt mein Vater meine Mutter nur hilfesuchend an. Und meine Mutter lacht und zuckt mit den Schultern.

Weil der Opa so gerne mit seinem kleinen Auto fährt, kauft er jeden Morgen im Supermarkt ein. Weil er aber eigentlich nur sehr wenig braucht, kauft er immer zu viel. Und weil er alle Sonderangebote für besonders gut und preiswert hält, kauft er so viel davon, dass er uns abgibt, was er nicht gebrauchen kann. „Das ist ganz lieb gemeint!“ sagt mein Vater. Aber meine Mutter ist ärgerlich, weil sie schon selbst eingekauft hat und keiner von uns die allerbilligste Wurst aus der Dose und den billigen Doseneintopf essen will. Sie kauft alles frisch ein und achtet auf die Qualität. Der Opa aber achtet nur auf den Preis. Und wenn er ein riesiges Stück Käse anschleppt, dann freut er sich, dass er die große Portion so billig gekauft hat. Dass das Haltbarkeitsdatum bereits überschritten ist, stört den Opa nicht. So viel Käse kann er sowieso nicht essen. Deshalb schenkt er meiner Mutter gleich das ganze Stück. Da muss sich meine Mutter noch bedanken, obwohl sie eigentlich eher ärgerlich ist.

Richtig geschimpft hat meine Mutter nur einmal mit dem Opa. Das war, als er beschlossen hatte, meiner Mutter nicht so viel Arbeit zu machen und Waschpulver zu sparen. Deshalb zog er seine Unterwäsche eine ganze Woche lang an. „Ich spare eben!“ sagte er meiner Mutter. „Und früher hat kein Mensch die Unterwäsche täglich gewechselt. Dann braucht auch deine Waschmaschine nicht immer zu laufen, und ihr spart Energie! Es steht doch täglich in der Zeitung, dass wir Energie sparen sollen. Und damit fängt es an!“

„Damit fängt gar nichts an!“ hat meine Mutter gesagt. Sie hat den Opa richtig angeschrien, so dass er sie ganz erschrocken angesehen hat. „Ist ja schon gut!“ hat der Opa gesagt. „Ich wollte doch nur, dass du nicht so viel Arbeit mit mir hast!“

Da hat meine Mutter den Opa an sich gedrückt und gesagt, dass sie es nicht so gemeint hat. Und der Opa wechselt jetzt auch wieder regelmäßig seine Unterwäsche.

Vorige Woche hat mein Opa plötzlich morgens nicht aufstehen können. Es hat ihm alles so weh getan. Meine Mutter hat sogleich den Arzt gerufen, und wir haben ganz große Sorge um unseren Opa gehabt. Für zwei Tage kam er ins Krankenhaus.

Bis gestern musste er dann noch zu Hause im Bett bleiben. Meine Mutter hat ihm das Essen ans Bett gebracht. Aber heute Morgen ist der Opa wieder aufgestanden und hat in seiner Küche gefrühstückt. Gleich wird er zu uns zum Mittagessen kommen. Wir haben solche Angst um unseren Opa gehabt. Jetzt sind wir froh, dass er wieder beim Essen dabei sein wird. Er hat uns so gefehlt. Und ich habe mir ganz fest vorgenommen, ihm immer zuzuhören. Selbst wenn er mir etwas fünfzehn Mal hintereinander erzählt. Der Opa hat doch sonst keinen, der ihm zuhört. Er braucht uns einfach. Und wir brauchen ihn, weil wir ihn liebhaben.

Rolf Krenzer

Jutta Modler (Hrsg.): Brücken Bauen.
Herder, Wien 1987

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