Winterspaziergang – Lene Mayer-Skumanz

Winterspaziergang

Der Weg zwischen den Raureifsträuchern ist an manchen Stellen so schmal, dass Jakob hinter Katharina geht. Kathis Stiefel drücken Muster in den Schnee: kleine gerippte Stiefelspuren, gleichmäßig links, rechts, links, rechts. Jakob stapft breitbeinig hinterher, damit er mit seinen Schuhen Kathis Spuren nicht zertritt.

Dann, zwischen den Weingärten, können sie wieder nebeneinander gehen. ,,Schau“, sagt Jakob und zeigt auf einen Zaun. „Das war einmal ein Gitterzaun, aber jetzt sind es viele kleine Zauberfenster in ein anderes Land.“

„Ja“, sagt Kathi. „Aber jetzt hör zu, wie das mit der Susi weitergegangen ist. Sie wollte ihr Mütze nur glatt stricken, aber dann sind ihr doch ein paar verkehrte Maschen dazwischengerutscht; die hat man natürlich sofort bemerkt. Stick mit weißer Wolle ein paar Schneesterne darüber, habe ich ihr vorgeschlagen, dann sieht man die Fehler nicht! – Aber sie, die Susi, schaut mich bös an und schreit: Kümmere dich um deine eigenen Fehler! – Ist das nicht allerhand?“

„Allerhand“, murmelt Jakob. Er hat eine Distel am Wegrand entdeckt.

„Schau, Kathi, eine Blume aus Kristall. Wer sie findet, darf sich etwas wünschen. Aber zuerst muss er dreimal um sie herumgehen und den geheimen Wünschelspruch sagen… Ich würde mir wünschen, dass ich jetzt Geburtstag hätte und diese Blume als Verzierung auf meiner Torte wäre…“

„Mhm“, sagt Kathi. „Und dann hat die Susi noch den Rudi beleidigt. Rudi Pistenschnecke hat sie ihn genannt, nur weil sie besser schifahren kann als er. Wie findest
du das?“

„Unerhört“, sagt Jakob. Er zeigt auf eine kleine Fichte oben auf dem Hügel. „Schau dir den Baum an, Kathi. Ihm war kalt, weißt du. Bitte einen Mantel! hat er zur Schneewolke gesagt. – Mehr sportlich oder mehr elegant? hat die Wolke gefragt. – Ganz egal, nur warm! hat der Baum gesagt. Jetzt hat er einen Umhang wie aus lauter weißen Pfoten.

„Genau“, sagt Kathi „Aber jetzt gib acht, wie das mit dem Rudi war –“

Jakob gibt acht. Er sieht, wie sich vor Kathis Mund weiße Nebelfetzchen bilden. Rudis Geschichte wird zu einer kleinen Wolke.

„Unglaublich“, brummt Jakob.

Kathi redet.

Die Raureifnadeln an den Spitzen der Zweige sind fast so lang wie Kathis kleiner Finger. Die Pfosten des Gartentors tragen weiße Mützen. Vom Dach der Weinberghütte blitzen Eiszapfen. An den Birkenästen hängen ein paar gelbe Blätter vom letzten Jahr. Sie sind von Silberstrahlenkränzen eingerahmt.

Jakob schaut und schaut.

„Wirklich allerhand“, sagt er zu Katharina. „Eine Frechheit… Das darf nicht wahr sein…“

„Jakob!“ ruft Kathi. „Du hörst mir überhaupt nicht zu! Ich habe gesagt: Schau, wie schön dieser Gitterzaun dort ist. – Aber du–“

„Oh–“, sagt Jakob. Das „Oh“ schwebt als Nebelfahne vor seinem Gesicht. Jakob schaut dem Nebel-Oh nach.

„Entschuldige, Kathi“, sagt er friedlich.

Lene Mayer-Skumanz (Hrsg.): Jakob und Katharina.
Wien: 1986, Herder Verlag

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