Ines – Eine Geschichte aus Mittelamerika

Ines

Eine Geschichte aus Mittelamerika

Die Stadt heißt Marcala. Mar-ca-la, ein Name, so schön wie die roten Gladiolen, die hier wild auf den Wiesen wachsen.

Aber das Haus, in dem ich sitze, ist außen grau und innen grau, weil es aus Lehmziegeln gebaut ist. Die Ziegel sind nicht verputzt. Das Haus hat eine Brettertür und hölzerne Fensterläden. Wenn man sie zumacht, wird es ganz finster. Ich lege den Kopf zurück und sehe den Himmel in hellblauen Fäden durch das Dach leuchten. »Da wird es durchtropfen, wenn es regnet!« denke ich. »Dann wird der Lehmboden glitschig sein und das Bett und die ganze Einrichtung nass.« Die Einrichtung: ein Bett für die ganze Familie, ein Stuhl, zwei Schemel, eine Bank, ein paar Nägel an der Wand, an denen Kleider hängen.

Heute scheint die Sonne. Es ist Mitte August, da macht die Regenzeit in Honduras eine Pause. »Das ist der kleine Sommer!« sagen die Leute. Weil es zwei Wochen nicht mehr geregnet hat, gibt es schon wieder viel Staub, aber auch noch Blumen zwischen den Grasbüscheln. Zusammen mit dem blauen Himmel und den weißen Hühnern ein fröhliches Bild. Ich kann es durch die Türöffnung sehen.

Das graue Haus aber bedrückt mich, denn grau ist keine Farbe, grau ist wie Traurigsein. Es kommt mir vor, als sehe mich hier alles vorwurfsvoll an, weil ich selber so reich bin und mir gar nichts dabei denke. Ich habe in Österreich ein Haus ohne Löcher im Dach, eine Badewanne, eine Waschmaschine, Kopfwehtabletten in der Hausapotheke, jedes Jahr einen Urlaub . . .

Rund um mich sitzen ein Dutzend Frauen und Mädchen, die haben das alles nicht. Die haben Sorgen mit kranken Kindern, kein Geld für Medikamente, kein Geld für Kleider und Schuhe. Viele von ihnen haben schon lange nichts mehr von ihren Männern gehört, die in anderen Städten leben, weil es in Marcala zu wenig Arbeit gibt.

An diesem Nachmittag sind sie zusammengekommen, um über ihre Probleme zu reden und gemeinsam die Heilige Schrift zu lesen. Ich darf zuhören. Eine Freundin, die als Entwicklungshelferin arbeitet, hat mich mit genommen.

Was die Frauen erzählen, kommt mir fast unglaublich vor. Jeden Tag um 4 Uhr früh aufstehen. Immer nur Maisfladen essen. Den Mais dafür selbst mit der Hand mahlen. Das Holz für den Ofen sammeln und kleinhacken. Auf dem Feld hart arbeiten. Zwischendurch die Wäsche im Fluss waschen. Wasser schleppen für die ganze Familie. Am Abend die Kleider beim Herdfeuer flicken, weil es sonst kein Licht gibt. Dann ins Bett fallen vor Müdigkeit – oder auf eine Kuhhaut, denn nicht jeder hat ein Bett.

»Meine Kinder können nicht alle in die Schule gehen«, sagt eine Frau. »Sie haben nicht alle gleichzeitig etwas zum Anziehen.«

»Meine Tochter ist zwölf. Sie arbeitet schon auf einer Plantage, sonst könnten wir nicht leben«, sagt eine andere, die nur noch einen Zahn im Mund hat.

Ein Mädchen, das aussieht, als gehe es noch in die Schule, erzählt: »Ich sitze von 6 Uhr früh bis 6 Uhr abends an der Nähmaschine. Ich mache Heimarbeit. Täglich acht Kleider. Die muss ich immer pünktlich abliefern. Ich esse sogar an der Maschine.«

Mir gegenüber sitzt die Tochter der Hausfrau. Ich denke, sie ist acht Jahre alt. »Ines!« sagt die Mutter und hebt das Kinn in Richtung der Hühner, die durch den Raum laufen. Ines klatscht hinter den Hühnern her und scheucht sie zur Tür hinaus. Den kleinen Bruder, der sich an ihrem Kleid festhielt, hat sie zuvor gegen die Bank gelehnt wie einen Regenschirm. Er scheint von der langsamen Art zu sein, bleibt bewegungslos, hat eine Hand in den Mund geschoben und lutscht an den Fingern.

Ines setzt sich wieder. Sie legt ihren Arm um den Bruder und drückt mit der großen Zehe einen Hühnerdreck breit.

Ich lächle ihr zu. Ines lächelt zurück. Sie steht auf und setzt sich neben mich. Der Schemel ist gerade breit genug für zwei. Den Bruder nimmt sie auf den Schoss. Ich fühle mich geehrt, weil Ines so zutraulich ist. Ich kann auf sie hinabsehen, ihr Kopf ist gerade auf meiner Schulterhöhe. Ich sehe die Läuse auf ihrem Kopf, sie marschieren neben- und hintereinander. Mit dem Geehrtsein ist’s vorbei. Ich überlege mir, wie ich von Ines wegkomme.

Ein paar Meter weiter steht ein freier Stuhl. Auf den setze ich mich und bin froh, dass mir nun niemand mehr nahekommen kann. Gleichzeitig aber schäme ich mich. So ist das also: ich rede von Nächstenliebe und habe Angst vor Läusen. Wahrscheinlich habe ich Ines gekränkt. Neben ihr sitzt jetzt der kleine Bruder. Er hat noch immer die Hand im Mund.

Eine der Frauen liest eine Stelle aus der Bibel vor. Die Bergpredigt: »Selig, die arm sind vor Gott…« Ich habe mir oft Gedanken gemacht über diesen Satz und wie ich ihn auslegen könnte, damit er auch mir Seligkeit verspricht. Wenn ich die Bergpredigt höre, möchte ich auch arm sein, aber auf eine Art, die nicht wehtut. Jetzt kommt mir vor, dass Jesus den Satz genauso gemeint hat, wie er hier steht:… die arm sind vor Gott. So wie diese Frauen arm sind und doch nicht auf Gott vergessen. Sie glauben daran, dass sein Reich kommen wird und dass sie dabei mitarbeiten können. Sie sprechen darüber.

»Auch wenn ich müde bin, stehe ich in der Nacht auf, wenn mich jemand braucht«, sagt eine. »Wir sollen keine Gewalt anwenden, vor allem weil wir selber wissen, wie weh das tut.«

»Wir sollen für unsere Rechte mit friedlichen Mitteln kämpfen, auch wenn das gefährlich ist. So wie die Bauernführer von Orlanjo.«

»Ich soll nicht wegschauen, wenn jemand ungerecht behandelt wird, aber ich tu es trotzdem, weil ich mich fürchte.«

Den Frauen fallen viele Beispiele aus ihrem Leben ein. Sie klingen gar nicht fromm. »Unser gemeinsames Gemüsebeet, das gehört auch zum Reich Gottes. Und dass wir die Kinder mitversorgen, wenn eine von uns krank ist.«

Ines hat in der Zwischenzeit dem Bruder drei Zöpfchen geflochten. Sie rutscht auf dem Schemel hin und her und sagt schließlich auch etwas: »Dass ich auf Antonio aufpasse, obwohl ich lieber spielen will…«

Auf dem Tisch steht eine Gladiole in einer Blechdose, ein fröhlicher Farbtupfen, trotzdem bemerke ich sie erst jetzt. Ob Ines sie hingestellt hat? Die Frauen singen zum Abschluss ein Lied. »Jo tengo fe…« (Ich habe Vertrauen…) Ines wirft einen erstaunten Blick auf ihre Mutter. Wahrscheinlich hört sie die Mutter nur selten singen. Dann singt auch Ines mit. Sie kräht. Es klingt nicht schön, aber begeistert.

Die Frauen verabschieden sich. »Komm,« sagt Ines, »ich zeige dir unseren Mangobaum!«

Hinter dem Haus ist eine steile Böschung. Die Erde ist rissig und bröckelt unter den Füßen. Oben steht der Baum. Er hängt voller Früchte. Ines schüttelt einen Ast. Sie beult meinen Pullover aus wie einen Sack und legt die Mangos hinein. »Da, für dich!«

Verzeih, Ines, dass ich Angst gehabt habe vor deinen Läusen. Und dass ich die Gladiole so lange nicht gesehen habe!

Hannelore Bürstmayr

Lene Mayer-Skumanz (Hrsg.) : Hoffentlich bald.
Wien, 1986, Herder Verlag

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