Vitamine für Herrn Sanduhr – 20. Dezember

»Wie lange noch?«, fragte Laura und öffnete das zwanzigste Türchen ihres Adventskalenders. Auf dem Bild war eine Apfelsine zu sehen. Laura lächelte und schlüpfte in ihr Bett.
»Wie oft muss ich noch schlafen?«, fragte Laura und kuschelte sich in ihre Kissen.
»Bis es Weihnachten ist, musst du noch viermal schlafen«, sagte Lauras Mutter.
»Was?«, schrie Laura. »So lange kann ich nicht warten.«
Lauras Mutter lachte.
»Warte mal ab«, sagte sie. »Ich erzähle dir eine Geschichte, dann vergeht die Zeit wie von selbst.«
Und Lauras Mutter begann zu erzählen.

Es war einmal ein Mädchen, das hieß Laura. Laura konnte nicht gut warten. Eines Tages besuchte sie Herrn Sanduhr. Ich kann doch nicht warten, bis Herr Sanduhr von alleine wieder gesund wird, dachte Laura. Ich werde ihm dabei helfen.

Herr Sanduhr war Flugkapitän wie ihr Vater und krank. Er lag mit einer dicken Grippe im Bett, hustete dauernd und die Nase lief ihm wie ein Wasserhahn. Weil Herr Sanduhr krank geworden war und keine Flugzeuge fliegen konnte, sollte Lauras Vater Heiligabend arbeiten, und das passte Laura überhaupt nicht. Sie wollte Herrn Sanduhr besuchen und ihm helfen.

»Ich wünsche mir schon die ganze Zeit, dass mein Vater Heiligabend zu Hause ist, und nichts passiert«, sagte Laura zu ihrem Freund Tim.

Tim war gerade dabei, ein Gedicht auswendig zu lernen. Er hatte seiner Mutter versprochen, Weihnachten etwas Festliches aufzusagen, und hatte sich für Onkel Rolfs Wartegedicht entschieden.

»Du musst mir helfen«, bat Laura ihren Freund, »alleine traue ich mich nicht, Herrn Sanduhr zu besuchen.«

Tim schüttelte den Kopf. »Ich kann nicht mit«, sagte er. »Ich lerne gerade dieses Gedicht auswendig und kriege es einfach nicht in den Kopf. Ticktack, ticktack dideldum. Wer soll sich das denn merken?«

»Wenn du mir hilfst, Herrn Sanduhr gesund zu machen«, sagte Laura, »dann helfe ich dir auch bei deinem Wartegedicht.«

Tim dachte nach und legte schließlich den Zettel mit dem Gedicht beiseite.

»O.k.«, sagte er, »ich bin ganz Ohr.« Laura hatte einen Plan. Sie wollte Herrn Sanduhr besuchen und ihm Apfelsinen und anderes Obst bringen, dann würde er sicher bald wieder gesund werden.

»Dem Mann fehlen einfach Vitamine«, sagte Laura und schüttete ihr Sparschwein aus.

»32 Cent«, murmelte Tim und zählte die Münzen noch mal, aber es blieben trotzdem nur 32 Cent.

»Bekommt man denn für 32 Cent eine Apfelsine?«, fragte Laura.

Tim wusste es nicht, da mussten sie Murat fragen. Murat hatte das Gemüsegeschäft am Ende ihrer Straße. Tim und Laura liefen zu Murat und kramten ihre Münzen aus den Taschen.

»Was macht ihr mit Apfelsine?«, fragte Murat und packte zu der Apfelsine noch eine Banane und einen Apfel in die Tüte.

Laura nahm die Tüte entgegen und sagte: »Wir wollen Herrn Sanduhr Vitamine bringen, damit er schnell wieder gesund wird.«

»Das ist eine gute Idee«, sagte Murat und packte den Kindern noch eine Apfelsine in die Tüte. »Wenn man krank ist, kann man nicht genug Vitamine essen.«

Tim wusste, wo Herr Sanduhr wohnte. Sein Vater hatte einmal bei Herrn Sanduhr die Küche gestrichen und Tim hatte ihm dabei geholfen. Herr Sanduhr wohnte nur eine Straße weiter und hatte eine Türklingel, die kaputt war.

»Herr Sanduhr«, riefen die Kinder laut, »Herr Sanduhr!«

Endlich hörten sie jemanden zur Tür schlurfen. Herr Sanduhr öffnete die Haustür und sah Laura und Tim vor sich.

»Was wollt ihr denn hier?«, fragte Herr Sanduhr. Herr Sanduhr hatte einen Bademantel an und trug eine Wärmflasche vor dem Bauch.

»Wir wollen nicht warten, bis Sie von alleine gesund werden«, sagte Laura, »wir wollen Ihnen helfen.«

Obwohl Herr Sanduhr krank war, musste er lachen.

»Wie komme ich denn zu der Ehre?«, fragte Herr Sanduhr vergnügt und schlurfte wieder zu seinem Bett. Die Kinder liefen ihm hinterher und packten ihre Tüte aus. Da staunte Herr Sanduhr nicht schlecht, als er die Apfelsinen und das andere Obst auf seinem Bett sah.

»Ist denn heute schon Weihnachten?«, fragte Herr Sanduhr.

»Zum Glück noch nicht«, sagte Tim.

»Wir bringen Ihnen nämlich Vitamine, damit Sie bis zum Weihnachtsfest wieder gesund werden.«

Herr Sanduhr schälte sich eine Apfelsine und fragte: »Habt erst mal Dank, dass ihr euch um einen kranken Nachbarn kümmert, aber wie kommt ihr nur auf eine solche Idee?«

Während Herr Sanduhr die Apfelsine aß, erzählte ihm Laura von ihrem Wunschzettel und ihrem Wunsch, mit ihrem Vater und ihrer Mutter gemeinsam Weihnachten zu feiern.

Herr Sanduhr verstand. Solange er krank war, musste Lauras Vater ihn bei der Flugfirma vertreten und war dann Weihnachten nicht zu Hause.

»Dann muss ich schnell gesund werden«, murmelte Herr Sanduhr. »Es ist nur so, dass ich seit Tagen nicht schlafen kann, da ich immer wieder von meinem eigenen Gehuste wach werde. Wenn ich mal richtig schlafen könnte, dann ginge es mir bestimmt bald besser.«

»Wir werden jetzt hier warten, bis Sie wieder gesund geworden sind«, sagte Laura und setzte sich mit Tim in einen großen Sessel am Ende des Bettes.

»Mir geht es schon viel besser«, sagte Herr Sanduhr. »Was mir jetzt noch fehlt, sind Ruhe und ein festliches Gedicht.«

Tim traute seinen Ohren kaum. Herr Sanduhr wollte ein festliches Gedicht hören? Tim überlegte, was er noch von dem Gedicht wusste, das er für seine Mutter auswendig lernen sollte.

Laura stieß ihn an. »Los, trau dich!«, sagte sie, und Tim begann, sein Gedicht aufzusagen:

»Ticktack, ticktack dideldum
gehen die Sekunden um,
wenn sie sich stets sputen,
werden sie Minuten.
Und nach sechzig Runden
werden sie zu Stunden.
Vierundzwanzig hat der Tag,
wer die Nacht erwarten mag,
spricht ganz langsam dies Gedicht,
geht ins Bett und löscht das Licht.«

Tim hatte es überstanden. Er kannte jedes Wort und spürte, wie dabei die Zeit verging. Er war selbst überrascht, wie leicht ihm die Sätze aus dem Munde flössen.

Als sie auf Herrn Sanduhr schauten, sahen sie, dass er eingeschlafen war. Leise gingen sie aus dem Zimmer und verließen das Haus.

»Jetzt können wir nur noch hoffen, dass Herr Sanduhr schnell wieder gesund wird«, sagte Laura.

»Und ich mein Gedicht bis Weihnachten nicht wieder vergessen habe«, sagte Tim. Laura lachte, Tim dann auch.

Erwin Grosche: Weiss, Weisser, Weihnachten! – 24 Geschichten vom Warten.
München: Omnibus, 2006

Advertisements

Über kindg

Guten Tag! Wir sind kein Verein oder Institution; nur eine Gruppe Freunde, die an Gymnasien und Universitäten unterrichtet. Dieses Projekt ist aus reinen pädagogischen Gründen entstanden und hat überhaupt keine finanziellen Interessen.
Dieser Beitrag wurde unter Advent, Aufmerksamkeit, Freundschaft, Geschichten, Kinder, Weihnachten veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s