Das fremde Mädchen – Evelyne Stein-Fischer

Das fremde Mädchen

 

Salima heißt die Neue in der Klasse.

Sie ist kein stilles schüchternes Mädchen wie Gabi.

Salima macht sich überall bemerkbar.

Sie spricht lauter als die anderen.

Sie kleidet sich bunter als die meisten.

Und sie lässt sich von keinem etwas gefallen.

Dabei versuchen die Kinder dauernd, sie zu ärgern. Es macht ihnen Spaß, Salima wütend zu machen, sie schreien zu hören, sie wild um sich schlagen zu sehen.

Sie spotten über sie wegen ihrer gekrausten Haare, wegen ihrer Nase mit den großen Nasenlöchern und wegen ihrer dunklen Haut.

Salima ist eine Negerin.

Sie spricht gut deutsch, weil sie schon als kleines Kind mit ihren Eltern nach Europa gekommen ist.

Gabi findet alles an dem neuen Mädchen schön.

Sie mag die großen Augen, die kehlige Stimme, die schokoladebraune Haut.

Wenn Salima lacht, lacht ihr ganzer Körper mit. Wenn sie wütend ist, gleicht sie einem Vulkan, in dem es kocht und brodelt.

Gabi hat dem neuen Mädchen in der Klasse gleich ihr Heft zum Nachschreiben geborgt.

Zu ihr ist Salima auch nie frech oder grob.

Wenn man die Neue in Ruhe lässt, ist sie genau wie alle anderen.

Das fremde Mädchen ist vor einem Monat in die Klasse gekommen. Gleich ist das Getuschel losgegangen.

»Eine Negerin!« hat Bettina ziemlich laut gesagt. Sie sitzt neben Gabi und ist ihre beste Freundin.

»Bum, ist die schwarz!« Georgs Augen waren groß wie Spiegeleier geworden.

»Ist die schwarze Kochin da… ja… ja… ja…«, hat Inge leise in der vorletzten Bank gesummt.

Am schlimmsten ist es leider mit Bettina. Dauernd hat sie etwas an der Neuen auszusetzen. Daran ist ihre Mutter schuld. Sie hat Bettina sogar verboten, mit »dieser Schwarzen« nach der Schule heimzugehen. Dabei kennt die Mutter das neue Mädchen gar nicht. Trotzdem mag sie es nicht.

»Die gehört nicht zu uns«, sagt sie. »Man sieht ja auf zehn Meter Entfernung, dass sie anders aussieht als wir.«

Bettina findet das auch.

Gabi versteht das nicht. Das ist doch kein Grund, jemanden nicht zu mögen, denkt sie. Echt gemein ist das sogar, jemanden auszuschließen, nur weil er anders aussieht.

Gabi weiß, was es heißt, nicht dazuzugehören. Sie ist auch einmal die Neue in der Klasse gewesen, das ist noch nicht so lange her. Die Neue mit den langen Vorderzähnen und der viel zu langen spitzen Nase. »Schwertfisch« haben sie sie damals gerufen. Ein ganzes Jahr hat sie gebraucht, bis sie das Spotten der Kinder endlich ausgehalten hat, ohne zu weinen.

Trotzdem hat sie es besser gehabt als Salima jetzt. Denn Gabi ist weiß. Die Angst vor den anderen hat sie allmählich verbergen können.

Ihre dunkle Haut konnte Salima nicht verstecken.

Gabi würde den Kindern in der Klasse gerne sagen, dass die Neue nur deshalb so frech ist, weil sie sich andauernd verteidigen muss. Warum können sie sie nicht endlich in Ruhe lassen!

Aber Gabi hat Angst, sich eindeutig auf die Seite des fremden Mädchens zu stellen. Sie will ihm zwar zeigen, dass sie es mag, aber die anderen sollen es nicht merken.

Sie möchte nicht noch einmal die Mehrheit der Klasse gegen sich haben wie damals, als sie selbst neu hinzugekommen ist.

Und doch.

Ich muss es irgendwie schaffen, der Salima zu zeigen, dass ich zu ihr halte, überlegt Gabi. Und dass ich sie gern habe.

Manchmal nach der Schule, wenn die anderen schon fort sind, trödelt Gabi absichtlich, damit sie mit Salima noch eine Weile allein sein kann. Weil die immer so lange braucht, um alle ihre Sachen einzusammeln und in die Schultasche zu stopfen.

Plötzlich fällt ihr das Federmäppchen aus der Hand, und alle Buntstifte, Bleis, zwei Radierer und ein Stück angebissene Schokolade rollen unter die Bank.

»Komm, ich helf dir«, bietet Gabi an.

Auf dem Bauch liegend, versuchen sie die Schreibutensilien und die Schokolade wieder hervorzufischen. Dabei prallen sie mit den Nasen unter der dunklen Bank aneinander, weil sie zur gleichen Zeit nach demselben Blei greifen.

»Autsch!« – »Au weh!« rufen beide im Chor und reiben sich die eingedrückten Nasen. Dann geht es los: kichern, lachen, prusten!

Plötzlich sagt Salima: »Du bist nett, weißt du. Aber die anderen…« Und sie macht eine wegwerfende Handbewegung, die wie ein Schwimmversuch aussieht, weil Salima immer noch auf dem Bauch liegt, während Gabi sich aufrichtet und den Staub von der Hose klopft.

Salima kriecht unter der Bank hervor, bleibt aber auf dem Boden hocken: »Weißt du«, sagt sie, und deutet in die leere Klasse, »wenn ich’s denen nicht gleich von Anfang an zeige, machen die mich fertig. Das hab ich schon gelernt, als ich noch klein war und wir hierher übersiedelt sind. Manche Leute benehmen sich echt blöd, nur weil ich eine schwarze Haut habe. Die glauben, ich muss mir alles gefallen lassen!« Salima steht auf. Sie hält sich kerzengerade. »Aber mit mir können sie sowas nicht machen. Mit mir nicht!«

Für einen Augenblick sieht es aus, als würde sie weinen.

Aber sie weint nicht.

Gabi bewundert das fremde Mädchen für seinen Mut, sich nichts gefallen zu lassen. Sie selbst hatte sich immer in ihr Schneckenhaus verkrochen.

Geduckt, ängstlich, gekränkt.

Die Salima aber ist ein bisschen wie ein Igel: Sie stellt gleich die Stacheln auf, wenn Gefahr droht. Aber in Wirklichkeit ist sie gutmütig und lacht gern. Man braucht diese Stacheln nur ein wenig beiseitezuschieben und darf Salima nicht reizen, denkt Gabi.

Und man musste selber auch lieb zu ihr sein.

Warum konnten das die meisten nicht begreifen?

Die Mehrzahl der Kinder gab sich gar keine Mühe, das fremde Mädchen zu verstehen. Sie fanden: Die Neue kann man beleidigen. Die schreit einen zwar an, aber sie grinst gleich wieder.

Die Neue, die kann man treten. Die tritt zwar zurück, aber wenn sie heimgeht, singt sie.

Die verträgt eine ganze Menge. Der kann man ruhig zeigen, dass sie anders ist. Es ist richtig fein, dass so eine da ist wie die. Da ist wenigstens öfters was los.

Immer wieder ist es Bettina, die das schwarze Mädchen herausfordert und die andern aufstachelt. So wie jetzt.

Bettina zielt mit ihrem Radiergummi auf Salimas Rücken. Der Gummi prallt ab und hüpft auf den Tisch zurück. Vier-, fünfmal wiederholt sich das Spiel.

Einige lachen bereits.

»Du blöde Gans!« schreit Salima, der es zu dumm wird.

»Reg dich ab«, zischt Paul, den es gar nichts angeht.

»Lasst sie doch in Ruhe!« mengt sich Alexa ein, die neben Salima sitzt.

Alexa hat Salimas Partei ergriffen. Sie kann es sich leisten, offen zu zeigen und zu sagen, was sie denkt.

Sie ist sowieso bei den anderen beliebt, sie kann also ruhig zugeben, dass sie die Neue mag, denkt Gabi.

Aber bei der Gabi ist es mehr als ein Nur-Mögen. Sie fühlt mit Salima mit. Sie weiß, was sie durchmacht, was sie aushalten muss. Sie tut ihr leid. Dass sie es nach außen hin besser schafft als Gabi damals, heißt noch lange nicht, dass es nicht genauso weh tut.

Ich muss endlich etwas tun, überlegt Gabi. Ich muss ihr beweisen, dass ich ihre Freundin bin.

Zu zweit, denkt Gabi, tut alles ein bisschen weniger weh. Zu zweit kann man den Schmerz aufteilen.

Was kann ich nur tun, ohne gleich die anderen gegen mich aufzuhetzen?

Gabi beschließt, sich jeden Mittag nach der Schule auf ihren Balkon zu legen und in der Sonne zu braten. Eine volle Stunde lang, bis sie schokoladebraun ist. Dann wäre Salima mit ihrer dunklen Haut nicht mehr allein. Die Mama sagt doch immer im Sommer zu Gabi: »Du bist schon braun wie ein Neger!«

Also würde die Gabi von heute an langsam eine Negerin werden.

»Blödsinn«, sagt sie laut und verwirft den Gedanken wieder. Gar nichts würde sich ändern. Eine Negerin wird man nicht, nur weil man sich ein paar Stunden in die Sonne legt. Man kriegt keine breite Nase und keine diken Lippen und kein Kraushaar davon. Und überhaupt … gehört noch viel mehr dazu. Vor allem eine Mama oder ein Papa, die Neger sind. Gabi grübelt weiter. Sie hat die Ellbogen aufgestützt und das Gesicht in den Händen. Sie merkt gar nicht, was um sie herum vorgeht. Sie starrt in das grasgrüne Jackenmuster von Salimas Rücken.

Plötzlich schiebt sich eine Bleistiftspitze schräg nach vorne. Sie gehört dem Blei, den Bettina in der Hand hält.

»Was machst du denn jetzt schon wieder?!« Gabi stupst Bettina in die Seite.

»Lass mich!«

Bettina hält den scharfgespitzten Blei so, dass die Mine auf Salimas Hinterkopf zielt. Sie streckt den Arm aus, bis sie den Hinterkopf beinahe berührt.

»Ob sie das spürt?« flüstert sie Gabi zu.

»Du sollst aufhören!«

Aber Bettina will schon lange wissen, wie das ist, wenn man so ein Kraushaar antupft. Ob es immer so steif vom Kopf absteht oder sich bewegt?

Bettina streckt den Arm noch ein bisschen weiter aus. Einige beobachten das Spiel. Plötzlich beginnt Salima auf ihrem Sessel zu wippen. Sie schaukelt. Sie stößt sich von der Tischkante ab, schwingt kraftvoll zurück. Trifft mit dem Hinterkopf in die Bleistiftspitze.

Ein Schrei. Kurz und schneidend.

Mit der rechten Hand am Hinterkopf wirbelt Salima herum. Mit der linken haut sie Bettina eine herunter.

»Bist du verrückt!!« schreit Bettina. »Ich hab’ dir nichts getan!«

»Du hast mich gestochen!«

»Hat sie nicht!« bestätigt Brigitte, die es gar nicht gesehen hat.

Zu dumm, dass die Lehrerin noch nicht in der Klasse ist. Sie hätte den Streit schlichten können.

»Die Watsche zahl‘ ich dir heim!« faucht Bettina.

Gabi streckt den Arm aus. Sie will das schwarze Mädchen streicheln.

Aber Salima ist aufgesprungen, läuft zur Tür, die Hand noch immer am Kopf. Über die Hand rinnt ein bisschen Blut. Bevor Salima hinausrennt, bleibt sie plötzlich stehen. Sie dreht sich langsam, ganz langsam zur Klasse um, die sie angafft.

Das fremde Mädchen weint. Stumm. Nur das Heben und Senken des Oberkörpers und das leise Hochschnupfen zeugen von der Heftigkeit des Weinens. Die großen Augen wirken noch größer unter den Tränen.

Eine Weile bleibt Salima regungslos stehen.

Dann knallt sie die Tür zu.

Beklemmende Stille.

Salima weint. Sie lacht nicht. Sie singt nicht. Sie weint, wie jeder andere auch geweint hätte.

Gabi sitzt wie eingeklemmt in ihrer Bank. Stumm vor Schreck. Ihre Beine sind schwer, als hätte sie Eisen in den Waden. Warum steht sie nicht auf? Warum läuft sie Salima nicht nach? Sie begreift es selbst nicht. Gerade jetzt hätte Salima sie gebraucht.

Ihr seid gemein, will Gabi schreien. Aber sie bekommt keinen Ton heraus.

»Ihr seid gemein!« ruft Michael an ihrer Stelle. Er sitzt in der ersten Reihe. »Sie hat euch nichts getan. Von mir hättest du gleich zwei Watschen bekommen, Bettina.«

Jetzt sagt er das, wo Salima draußen ist und es nicht hören kann, denkt Gabi.

Und sie selbst, die so gerne zu ihr hingelaufen wäre, sie festhalten wollte, sie beschützen,… sie hat es nicht geschafft!

Plötzlich reden alle gleichzeitig.

»Was kann sie denn dafür, dass sie schwarz ist«, meldet sich Alexa wieder, die das fremde Mädchen als erste verteidigt hatte. »Stellt euch vor, ihr seid der einzige Weiße in einer schwarzen Klasse. Möchtet ihr, dass es euch auch so geht?«

»Salima kann ja nichts dafür, dass sie schwarz ist« sagt Inge. »Aber von meinem Wurstbrot würd’ ich sie nie abbeißen lassen!«

»Pfui!« sagt Helga und schüttelt sich.

»Pfui!« sagt Paul und schüttelt sich auch.

»Dich lässt sowieso keiner abbeißen mit deinen tausend Pickeln!« ruft Martina dazwischen.

»Spucke ist Spucke«, sagt Paul.

»Eben! Warum dann bei der Salima nicht?« Alexa schlägt mit der Faust auf den Tisch.

Gabi schreckt zusammen. Die Stimmen dröhnen in ihrem Kopf. Der Faustschlag hat sie herausgerissen aus dem Gewirr von Worten und Lauten.

Vorhin, wie Salima weinend bei der Tür gestanden ist, da hätte Gabi eine Chance gehabt. Da hätte sie zeigen können, dass sie es abscheulich findet, wie sich die anderen verhalten. Besonders Bettina. Stattdessen hat sie nur den Versuch gemacht, die Neue zu streicheln. Feige, von ihrem Platz aus, wo Gabi nicht aufzustehen brauchte und die Klasse im Rücken spüren musste. Aber noch einmal dieses Gefühl von damals… Nein.

Die Angst, wieder verspottet zu werden, ist immer noch stärker als die Verbundenheit mit Salima.

Und doch sagt Gabi plötzlich ganz leise: »Die Salima ist lieb. Warum bist du so ekelhaft zu ihr?«

Bettina hat es gehört.

»Sehr lieb«, sagt sie giftig. »Aber sie stinkt!«

»Blödsinn!« ruft Michael, der nur das letzte Wort gehört hat.

»Bist du schon einmal neben dem Markus gesessen? Der stinkt, dass meine Turnsocken vor ihm davonrennen!«

Markus fehlt heute. Ihm tut die Beleidigung nicht weh. Wäre er da gewesen, hätte ihm das keiner gesagt, denkt Gabi.

Aber der Neuen sagt man alles ins Gesicht.

Bettina ist wieder still. Ihre Wange ist noch ein bisschen rot von der Ohrfeige. Plötzlich beginnt sie noch einmal zu schimpfen. »Die geht angezogen wie ein Papagei. Fehlen nur noch die Federn am Hintern!«

Kichern.

»Halt endlich den Mund«, sagt Gabi jetzt laut.

Aber der Satz geht im allgemeinen Gelächter unter. Jeder brüllt seine Meinung in die Klasse.

»Aufhören! Aufhören! Ihr sollt aufhören!!!« Gabi brüllt jetzt lauter als die anderen. Sie brüllt und hält sich gleichzeitig die Ohren gegen den Lärm zu.

Niemand merkt, dass sich leise die Klassentür öffnet. Erst als Salima still auf ihren Platz zugeht, wird es mit einem Schlag ruhiger. Sie sieht keinen an, blickt fest auf den Fußboden und hat auf dem Hinterkopf ein großes Pflaster.

Da steht Gabi auf, noch bevor sich Salima setzen kann. Es geht ganz von selbst, das Eisen in den Waden ist weg. Gabi braucht gar nicht zu denken. Sie geht auf Salima zu und legt vor der ganzen Klasse liebevoll den Arm um sie. Es ist gar nicht schwer.

»Es tut uns allen leid«, sagt Gabi laut, dass es jeder hören kann. »Der Bettina tut es besonders leid.«

Salima sagt nichts.

Jetzt stehen auch Alexa und Michael auf. Inge und Martina. Sogar Paul kommt nach vorne. Die kleine Gruppe baut sich vor Bettina auf.

»Ich hab’s nicht mit Absicht getan!« sagt sie leise.

»Tut es sehr weh?« fragt Gabi.

Endlich blickt Salima hoch. Sie schaut Gabi an. Sie legt ihren Arm um sie.

»Jetzt nicht mehr«, sagt sie.

Evelyne Stein-Fischer: 13 Geschichten vom Liebhaben.
München: DTV 1989

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