Stall – Anselm Grün

Stall

Christus wurde im Stall geboren. Für C. G. Jung ist das ein wichtiges Symbol geworden. Er meint, wir sollten immer daran denken, dass wir nur der Stall sind, in dem Gott geboren wird. Wir sind folglich nicht der Palast, nicht das neu erbaute und schön eingerichtete Haus, nicht das behagliche Wohnzimmer. Jeder von uns verbindet mit dem Stall andere Erfahrungen und Gefühle. Eine Frau erzählte, dass sie als Kind von der Schule immer sofort in den Stall ging. Dort hat sie sich daheim gefühlt. Der Stallgeruch vermittelte ihr ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit. Im Stall sind Tiere, die einfach da sind. Da ist Leben, da geschieht immer wieder Geburt, aber da ist auch Sterben, da sind auch Sorgen. Im Stall ist der Alltag mit seinen Höhen und Tiefen. Die Kinder spüren eine Nähe zu den Tieren. Die Tiere lassen sich streicheln, lassen etwas an sich geschehen. Sie sind geduldiger als Menschen. Sie hören zu, was die Kinder ihnen erzählen. Und im Stall ist immer gleichmäßige Wärme. Die Tiere wärmen auch im Winter den Stall mit ihrer Körpertemperatur.

Der Stall ist nicht blank geputzt. Da liegen Mist und Unrat, vermischt mit Stroh und Heu. Der Stall wird zwar immer wieder gereinigt. Aber stets sammelt sich von neuem der Mist an. Der Mist dient als Dung für die Felder. Das ist Bild für unser Inneres. Auch unser Herz ist nicht rein und sauber, nicht keimfrei. Da hat sich so mancher Unrat angesammelt. Alles, was wir verdrängt haben, liegt da unter der Oberfläche verborgen und fault vor sich hin. Der eine hat seine Aggressionen verdrängt. Unter der Oberfläche von Wohlanständigkeit und Freundlichkeit lauert da eine eisige Kälte, und durch die lächelnde Fassade werden aggressive Pfeile herausgeschossen. Der andere hat seine Bedürfnisse unterdrückt. Aber sie geben keine Ruhe. Sie liegen in ihm herum und werden ständig wieder aufgewirbelt, wenn der Ehepartner oder die Kinder dieses Bedürfnis frei ausleben. Ein Dritter geht über die Verletzungen seiner Kindheit hinweg. Er möchte sie nicht anschauen. Aber die Wunden lassen sich nicht zukleben. Sie schwären unter dem Pflaster weiter, so dass der Eiter durch den Verband hindurchdringt. Gerade dort, wo all der „Mist“ in uns liegt, will Gott in uns geboren werden. Wir können Gott keine saubere Stube anbieten, sondern nur den schmutzigen Stall unseres Herzens. Das ist uns peinlich. Aber es befreit uns von dem Wahn, als ob wir die Gottesgeburt verdient hätten. Gott will in uns geboren werden, weil er uns liebt, nicht weil wir ihm etwas vorweisen können.

Der Stall wird durch die Geburt Jesu mit Licht erfüllt, mit einem warmen und milden Licht, das nicht alles schonungslos ausleuchtet, sondern es so läßt, wie es ist. In der Nähe des göttlichen Kindes darf alles in Dir sein, da verliert auch das Schmutzige und Weggeworfene, das Zertretene und Verächtliche seine Unansehnlichkeit. Im milden Licht Christi darfst Du alles betrachten. Es bekommt durch Christus ein neues Ansehen und wird von seiner Liebe verwandelt. Das ist das tröstliche Bild des Stalles, dass alles in Dir dadurch verwandelt wird, dass Christus in die Dunkelheit und in das Chaos Deines Herzens kommt. Ja gerade das, was nicht chemisch rein geputzt ist, schenkt dem göttlichen Kind Geborgenheit und Heimat. Es macht seine Liegestatt weich und wohnlich. Was zu perfekt ist, wirkt eher befremdend in der Nähe eines Kindes. Das Kind will ein weiches Bett und nicht ein vollkommen keimfreies Leinen. So darfst Du vertrauen, dass Du gerade so, wie Du bist, für Christus Wohnstatt sein darfst, der Stall, in dem er für Dich und für diese Welt geboren wird.

Anselm Grün: Weihnachten – Einen neuen Anfang feiern.
Wien, 1999, Herder.

Über kindg

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