Magier – Anselm Grün

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Matthäus berichtet, dass nach der Geburt Jesu Magier aus dem Osten nach Jerusalem kamen. Sie wollten nach dem neugeborenen König der Juden suchen, dessen Geburt ihnen ein Stern angezeigt hatte. Die Magier dürften wohl babylonische Astrologen gewesen sein, die die Sterne erforschten und Träume deuteten. Sie waren Angehörige der persischen Priesterkaste und zeichneten sich durch übernatürliches Wissen aus. Die nach Babylon vertriebenen Juden haben den dortigen Astrologen sicher etwas von der Messiashoffung erzählt. Die altchristliche Kunst hat die Magier als Priester der Mithrasreligion dargestellt, der ernstesten Konkurrentin der jungen Kirche.

Das hat eine besondere Bedeutung. Matthäus und die Kirchenväter haben die Anbetung dieser Magier so verstanden, dass die Wissenden und Weisen der ganzen Welt zu Christus kommen, um ihm zu huldigen und ihm ihre Geschenke zu bringen, Was auch immer die Menschen an Wissen und Erfahrung gesammelt haben, das mündet in die Anbetung des göttlichen Kindes. Es ist eine weite Sicht, die Matthäus uns da vermittelt. Ganz gleich, wo und wie man forscht, welche Erfahrungen man sammelt, ob in der Astrologie oder Traumdeutung, in Magie oder esoterischen Praktiken, in allem steckt eine Sehnsucht nach dem göttlichen Kind, nach dem Gott, der im Fleisch sichtbar geworden ist. Es gab in der Kirche immer wieder ängstliche Strömungen, die das Christentum von allen ändern Religionen schieden und alle anderen Wege verdammten. Matthäus zeigt uns einen anderen Weg. Es geht darum, das Wissen der Welt zu Ende zu denken. Man kommt auf Fragen: Wohin zielt die Astrologie, was möchte die Esoterik mit ihren vielen verschiedenen Zweigen? Sie möchten das Geheimnis des Lebens entdecken: Wer ist der Mensch, und wer ist Gott? Woher komme ich, und wohin gehe ich? Wer seinem Wissen dann bis zum Ende folgt, der wird beim menschgewordenen Gott landen. Sein Wissen wird ihn zu Christus führen. Daher brauchen wir nicht ängstlich auf andere Richtungen zu schauen. Sie sind keine Gefahr für unsern christlichen Glauben. Im Gegenteil, sie alle tragen in sich die Sehnsucht nach dem neugeborenen König, nach dem göttlichen Kind, in dem Gottes Herrlichkeit aufleuchtet.

Die Magier stehen nicht nur für andere Völker und Kulturen, für andere religiöse Wege, sondern für unser eigenes Suchen. Dort, wo wir suchen, sind wir auf dem Weg zum neugeborenen König. Alle Wege führen letztlich zu ihm. Selbst der magische Weg, der in den Magiern aufscheint, kann uns zum menschgewordenen Gott führen. Es gibt eine Magie, die des Göttlichen habhaft werden und es für sich vereinnahmen möchte. Sie führt uns nicht zu Gott. In ihr krampfen wir uns am eigenen Ego fest. Die ursprüngliche Magie dagegen glaubt daran, dass Gott sich in dieser Welt manifestiert und dass wir Gott daher auch erkennen, indem wir auf das Irdische achten und durch konkrete Praktiken erleben. In der Geburt Christi hat Gott sich wahrhaft im Irdischen geoffenbart, im Fleisch, im Menschen. Aber die Magier kommen nur zu Christus, wenn sie sich auf den Weg machen, wenn sie aufhören, Gott durch magische Praktiken in Griff zu bekommen. Sie müssen weite Wege gehen, alles Wissen hinter sich lassen und staunend niederfallen vor dem Geheimnis Gottes, das im Kind Mariens aufleuchtet.

Die Magier werden in der Bibel auch Sterndeuter genannt. Sie deuten die Sterne, die am Himmel stehen, aber auch die Sterne, die in unserem Herzen aufgehen. Wenn Du die Sterne Deines Schicksals richtig deutest, wirst Du überall in Deinem Leben Gottes Hand schützend und leitend über Dir erfahren. Gott selbst nimmt Dich auf den verschlungenen Wegen Deines Lebens an die Hand, um Dich über Sternstunden und Stunden der Enttäuschung hinzuführen zu dem Stern, der über dem göttlichen Kind leuchtet. Auch wenn Du in der Dunkelheit Deiner Nacht den Stern oft nicht mehr siehst, wenn Du Dich von Gott auf Deinen Wegen verlassen fühlst, Gott führt Dich, bis auch Du niederfallen kannst, bis Du Dich vergessen kannst, frei wirst vom Grübeln, was das nun alles gebracht hat. Dort, wo Du Dich vergessen kannst, bist Du angekommen, bist Du ganz bei Dir und ganz in Gott.

Der Stern, der am Firmament Deines Herzens steht, ist ein Bild für die Sehnsucht, die Dich treibt. Trau Deiner Sehnsucht, folge ihr bis an den äußersten Rand. Deine Sehnsucht wird Dich nicht in Ruhe lassen, bis Du Gott findest als das letzte Ziel Deines Sehnens. Die Wege werden manchmal beschwerlich sein. Du wirst die Sehnsucht nur als Schmerz empfinden, weil Du das Eigentliche noch nicht gefunden hast. Aber Du wirst Gott finden, wenn Du Dich nur von Deiner Sehnsucht leiten läßt. Sie führt Dich in das Haus, in dem Maria und das Kind ist. Dort, wo Du das göttliche Kind in Deine mütterlichen Arme nimmst, bist Du wahrhaft zu Hause.

Anselm Grün: Weihnachten – Einen neuen Anfang feiern.
Wien, 1999, Herder

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