Der Kahlkopf

»Nimm doch nicht immer die dreckige Puppe mit ins Bett«, sagte die Mutter zu Evi.

»Meine Anita«, sagte Evi, »ist keine dreckige Puppe. Meine Anita ist lieb.«

»Aber sie ist wirklich unappetitlich«, sagte die Mutter. »Schau dir doch das Gesicht an und die Haare!«

Wenn man die Puppe Anita betrachtete, einfach nur so, ohne sie lieb zu haben, musste man es zugeben: Schön war sie nicht. Ihre Backen waren vom vielen Waschen und Abküssen grau und löchrig geworden. Sie hatte keine richtige Nase mehr, nur einen schmutzigen Knubbel, und von ihrem braunen Haar war gerade noch ein spärlicher Rest übrig geblieben.

Evi störte das nicht, aber Evis Mutter fing immer wieder davon an. »Willst du dir nicht zu Weihnachten eine neue Puppe wünschen?« fragte sie.

Evi drückte ihre Anita an sich und sagte: »Nein!«

»Ich weiß noch was anderes«, sagte die Mutter. »Wir bringen Anita in eine Puppenklinik, da bekommt sie neues Haar und eine neue Nase.«

Evi wehrte sich. Sie wollte Anita nicht fortgeben.

Aber eines Tages sagte ihr älterer Bruder Alex etwas Grässliches, etwas ganz Gemeines. Er sagte: »Deine Puppe ist ein räudiger Kahlkopf!«

Evi brach in Tränen aus. Und dann betrachtete sie ihre Anita zum ersten Mal mit prüfenden Augen: Es stimmte! Anitas Gesicht war abgeblättert und fleckig, und sie war wirklich fast kahl.

Da rannte Evi zu ihrer Mutter.

»Glaubst du«, schluchzte sie, »dass sie in der Puppenklinik auch wirklich gut sind zu meiner Anita?«

»Aber natürlich«, beruhigte sie die Mutter.

»Dann bring sie halt… meinetwegen…« sagte Evi.

Gleich am nächsten Tag ging die Mutter in die Puppenklinik. Es war die einzige in der Stadt, denn es gab nicht mehr viele Leute, die eine Puppe reparieren ließen.

Der Mann in der Puppenklinik untersuchte Anita und sagte dann: »Da ist nicht mehr viel zu retten. Sie müsste einen ganz neuen Kopf bekommen. Die Arme und Beine müssten auch erneuert werden.« Er legte der Mutter verschiedene Puppenköpfe vor, aber es war keiner dabei, der aussah wie Anita.

»Außerdem«, sagte der Mann, »kostet die Reparatur mehr als eine ganz neue Puppe.«

Evis Mutter suchte nun in allen Spielwarengeschäften nach einer Puppe, die der alten Anita wenigstens annähernd ähnlich war. Schließlich kaufte sie eine, die genausogroß war und genau die gleichen braunen Haare hatte. Sonst sah die neue allerdings ein bisschen anders aus, aber sie war ganz reizend und hatte ein abwaschbares Gesicht.

Als die Mutter mit der alten und der neuen Anita zu Hause ankam, war Evi noch im Kindergarten. Aber Alex war schon von der Schule zurück und entdeckte die Schachtel in Mutters Einkaufstasche.

»Aha«, sagte er, »Weihnachtseinkauf.«

»Eine neue Puppe für Evi«, antwortete die Mutter. »Sie darf es aber nicht wissen. Sie soll denken, es ist ihre Anita.«

»Aha«, sagte Alex, »Weihnachtsschwindel.«

»Sei nicht so frech«, sagte die Mutter. »Für Evi ist es so am allerbesten.«

»Lass ihr doch ihren räudigen Kahlkopf«, sagte Alex.

Die Mutter verstaute die Schachtel mit der neuen Puppe im Wäscheschrank. »Ich bin ja froh, dass das vergammelte Ding aus dem Haus kommt.« Sie warf Alex die Plastiktüte mit der alten Anita zu. »Da«, sagte sie, »steck sie in die Mülltonne — aber ein bisschen tiefer nach unten.«

Alex wog die Plastiktüte in der Hand, dann pfiff er leise vor sich hin und ging aus dem Zimmer.

Seitdem Anita verschwunden war, fragte Evi jeden Tag nach ihr. »Ist meine Anita noch in der Puppenklinik? Ist der Mann nett zu ihr? Hat sie auch kein Heimweh? Bekomme ich sie bestimmt an Weihnachten wieder?«

Und die Mutter antwortete immer: »Ja, Evi. Ganz gewiss, Evi. Mach dir keine Sorgen, Evi.«

Zum Weihnachtsabend zog Evis Mutter der neuen Puppe Anitas rotes Kleid an und setzte sie unter den Christbaum. Mit dem roten Kleid, fand die Mutter, sah sie Anita wirklich ähnlich.

Als sie dann aber Evi die Puppe entgegenhielt und sagte: »Schau doch nur, wie hübsch deine Anita geworden ist!«, da wich Evi zurück und verschränkte ihre Hände auf dem Rücken.

»Nein!« stieß sie hervor. »Das ist nicht meine Anita!« Sie starrte die neue Puppe entsetzt an. »Ich will meine Anita… meine Anita will ich… meine Anita!« Und dann begann sie zu weinen, ganz leise und ohne aufzuhören.

Das hatte die Mutter nicht erwartet. Sie versuchte, Evi zu beschwichtigen. Sie zeigte ihr andere Geschenke, führte sie vor den Weihnachtsbaum, aber Evi hielt die Augen gesenkt. Sie wollte nichts hören und keine Geschenke sehen.

»Anita«, klagte sie. »Wo habt ihr meine Anita?«

Da sagte Alex: »Wenn die nicht ihren räudigen Kahlkopf zurückbekommt, verdirbt sie uns das ganze Weihnachtsfest.«

»Aber…« stammelte die Mutter, »du hast sie doch…«

»Denkste!« sagte Alex.

Er lief in sein Zimmer und kam mit einer Plastiktüte zurück; die drückte er Evi in die Hände.

»Anita!« schrie Evi und zog ihre alte zerzauste Puppe aus der Tüte.

Alex grinste. »Und was«, fragte er, »machst du jetzt mit der neuen Puppe?«

»Die?« sagte Evi, »die verschenke ich. An ein ganz fremdes Kind.«

»An ein ganz fremdes Kind?« wiederholte Alex. »Ach so, klar! Das darf natürlich nicht wissen, was für eine tolle Puppe dein Kahlkopf ist.«

Tilde Michels

 

Anne Braun (Hrsg.): Weihnachtsgeschichten.
Arena Verlag, Würzburg 1991

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