Fasten – Anselm Grün

flor-de-cerezoZur Wüste gehört das Fasten. Mose hat in der Wüste vierzig Tage gefastet. Elija mußte vierzig Tage ohne Nahrung durch die Wüste wandern, bis er am Berg Horeb Gott erfahren durfte. Jesus hat in der Wüste gefastet. Das Fasten unterstützt die Wüstenerfahrung. In den Klöstern des Mittelalters hat man vom Martinsfest, dem 11. November, bis Weihnachten gefastet. Die Adventszeit war gleichsam eine zweite Fastenzeit. Durch Fasten hat man sich auf das Kommen des Herrn vorbereitet. Auch heute gibt es viele Menschen, die sich in der Adventszeit eine Woche herausnehmen, um zu fasten. Andere verzichten in dieser Zeit bewußt auf Alkohol oder Süßigkeiten, damit sie an Weihnachten Gottes gute Gaben neu genießen können. Das Weihnachtsgebäck war früher ja bewußt eine Stärkung für den Winter. Da gab es alle köstlichen Dinge, um damit auszudrücken, daß Gott in seinem Sohn den Menschen reichlich beschenkt hat.

Fasten will Leib und Seele reinigen. Früher hat man Fasten oft negativ als bloßen Verzicht gesehen. Wer Fastenerfahrung hat, der weiß, daß ihn eine Woche Fasten wacher und sensibler machen kann, daß er sich freier fühlt, lebendiger und offener. Aber die ersten Tage beim Fasten sind auch beschwerlich. Da muß ich mich bewußt dazu durchringen, mich innerlich darauf einstellen. Ich spüre den Hunger, und ich fühle mich zunächst müder als sonst. Aber nach drei Tagen ist das Hungergefühl weg, und ich erlebe mich wacher und freier. Ich brauche weniger Schlaf. Ich träume intensiver. Ich kann besser beten. Da fällt mancher Ballast nicht nur von meinem Leib, sondern auch von meiner Seele. Ich kreise nicht mehr um meine Probleme, sondern halte sie Gott hin. Fasten ist Ausdruck meiner Ohnmacht, daß ich die Probleme nicht selber lösen kann. Und indem ich mich in meiner Ohnmacht Gott überlasse, erfahre ich Gelassenheit und Freiheit.

Du kannst auch versuchen, in der Adventszeit bewußt einmal einen Tag für einen anderen Menschen zu fasten. Im Fasten kannst Du Dich mit ihm eins fühlen. Du denkst an ihn, was er braucht, was ihm gut täte, worunter er leidet und wonach er sich sehnt. Das Fasten erinnert Dich den ganzen Tag an den Menschen, für den Du fasten und beten willst. Es ist keine Fürbitte, die unverbindlich in den Gedanken formuliert wird. Es wird eine leibhafte Fürbitte. Du setzt Dich mit Deiner ganzen Existenz, mit Leib und Seele für den andern ein. Wenn ich für einen anderen faste und bete, wächst in mir die Hoffnung, daß sich im andern etwas verwandelt. Ich kann ihn mit neuen Augen anschauen und werde ihm auf neue Weise begegnen. Und ich spüre, wie dieses fastende Beten eine neue Verbundenheit zu ihm schafft. Du kannst ja einmal überlegen, für wen Du gerne fasten möchtest. Wer fällt Dir aus Deiner Umgebung ein? Vielleicht ist es Dein Ehepartner, mit dem das Gespräch so schwierig geworden ist oder der momentan mit sich nicht zurechtkommt? Vielleicht sind es die Kinder, die Wege gehen, die Du nicht verstehen kannst. Aber Du spürst auch, daß Du ohnmächtig bist. Deine Worte erreichen sie nicht. Oder Du kannst Dir überlegen, wer in Deiner Umgebung Angst hat vor dem Weihnachtsfest, wer am liebsten davor fliehen möchte. Ein Mann hat seine Frau verloren und weiß nicht, wie er ohne sie Weihnachten feiern soll. Eine Frau wurde von ihrem Mann verlassen. Weihnachten wird sie mit ihrer Einsamkeit konfrontiert. All die schönen Weihnachtsfeste, die sie zusammen mit ihm und mit der Familie gefeiert hat, zählen nicht mehr. Jetzt ist sie allein. Wenn Du für so einen Menschen fastest, wird Dir auch einfallen, wie Du ihm begegnen und welche Zeichen der Verbundenheit Du ihm schenken kannst.

Anselm Grün: Weihnachten – Einen neuen Anfang feiern.
Wien, 1999, Herder.
Auszug

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Ein Gedanke zu „Fasten – Anselm Grün

  1. Sandra Loretan-Matteotti

    ich freue mich den Text über’s Fasten gefunden zu haben. Ich habe heute meinen dritten Fastentag. Ich möchte meinen Körper entgiften am Leib und in der Seele. Die vierzig Tage Fasten haben mich beeindruckt. Ich werde vorerst sieben Tage Fasten und dann vorwärts schauen. Es ist wahr ich spüre viel mehr.

    Antwort

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