Das schwarze Schaf

Das schwarze Schaf

Es läutet an der Tür. Sebastians Mama guckt durch das Guckloch. Draußen steht Herr Bärmann.

„Augenblick, Herr Bärmann! Wir kleben alle von oben bis unten! Ich wisch mir schnell die Hände sauber.“

„Ich will nicht stören, wenn Sie kleben!“, ruft Herr Bärmann.

Aber da macht sie ihm schon lachend die Tür auf. „Die Schafe, wissen Sie! Und der Sprühschnee auf den Tannenzapfenbäumen! Wir basteln an unserer Weihnachtskrippe.“

Nun will Herr Bärmann schon gar nicht stören. Er wollte ja nur sagen, dass er eine Woche wegfährt. Er will diesem grässlichen Weihnachtsrummel ausweichen. Beim Schneeschaufeln in der Siedlung muss ein anderer für ihn einspringen. Er wird das ausgleichen, nachher. Und jetzt mag er wirklich nicht länger stören. Entschuldigung und einen schönen Abend noch…

Die Mutter lotst Herrn Bärmann endlich doch ins Wohnzimmer. „Einen Schluck von meinem Punsch müssen Sie kosten!“

Am Tisch sitzen Sebastian, Papa und Hanna, Sebastians große Schwester, die mit ihrem Freund auf Besuch gekommen ist. Sie schneiden Schafe aus Karton und bekleben sie mit winzigen Locken aus weißen Seidenpapierröllchen.

„Eine Fuzzelarbeit ist das“, stöhnt Hanna. „Ich weiß nicht, wer sich das ausgedacht hat!“

„Verwenden Sie Zahnstocher!“, brummt Herr Bärmann. „Sehen Sie, so!“

Aus seiner Jackentasche kramt er einen Zahnstocher, wie man ihn in Restaurants neben dem Salzstreuer findet, schön verpackt in einer weißblauen Hülle. Er stößt den Zahnstocher heraus, taucht seine Spitze in Klebstoff, spießt eine Locke auf und drückt sie vorsichtig auf das Kartonschaf.

Sebastian pfeift. „Gute Idee! Wollen Sie auch eins machen?“

„Nein“, sagt er. „Und ein weißes schon gar nicht.“ Der Punsch schmeckt ihm. Die Mutter schenkt ihm nach.

„Wenn, dann ein schwarzes“, knurrt er nach einer Weile.

„Wie bitte?“, fragt der Papa.

„Ein schwarzes Schaf“, sagt Herr Bärmann. „Würde ich eventuell machen.“

Sebastian denkt nach. „Im Schuhkarton von meinen neuen Stiefeln ist schwarzes Seidenpapier. Ich hole es Ihnen!“

Herr Bärmann trinkt einen großen Schluck. „Ich hätte nicht gedacht, dass sich in diesem Haushalt schwarzes Seidenpapier befindet.“

„Pech gehabt“, sagt Hanna und reicht ihm ein nacktes Schaf. Sebastian rollt schon feine Streifen zu dünnen Röllchen und schnipselt sie zu Locken.

Herr Bärmann findet einen zweiten Zahnstocher in seiner Jackentasche und macht sich an die Arbeit. Auf der Truhe wartet der Krippenberg aus Moos und Steinen. Auch der Stall von Betlehem ist schon aufgebaut. Er ist leer. Glitzerwatte funkelt von den Spitzen der Tannenzapfen. Vier Lockenschafe grasen bereits am Ufer des blauen Seidenbandbaches.

„Wirkliches Wasser wäre mir lieber“, sagt Sebastian zu Herrn Bärmann.

„Man kann nie alles haben“, antwortet er. „Bäää, bäää, hier kommt das Bääärmannschaf.“

Das schwarze Schaf ist sehr schön geworden. Sebastian stellt es zu den weißen ins grüne Moos. „Passt super! Danke!“

„Meinst du, das es sich hier wohl fühlt?“, fragt Herr Bärmann.

„Warum nicht?“, fragt Sebastian.

„Na, als einziges schwarzes Schaf unter lauter weißen?“

„Sie meinen, es fühlt sich anders?“, fragt Sebastian erstaunt.

„Könnte ja sein“, sagt Herr Bärmann.

„Beim Huberbauern hab ich weiße Schafe mit schwarzen Köpfen gesehen“, sagt Sebastian. „Wissen Sie was? Ich mach dem Schwarzen ein Geschecktes zur Unterhaltung.“

Herr Bärmann trinkt ein drittes Glas und schaut Sebastian beim Lockenaufspießen zu. „Wir sind alle gescheckt“, sagt er langsam. Seine Stimme klingt auf einmal sehr tief und feierlich. „Alle, alle! Gescheckt! Gescheckt, sag ich!“

„Sind wir! Sind wir!“, murmelt der Papa friedlich.

Die Mutter füllt für Herrn Bärmann eine Dose mit Vanille-kipferln. „Da! Zum Mitnehmen in den Urlaub!“

Sie begleitet ihn zur Tür. Er trägt die Dose wie die Heiligen Drei Könige die Schatzkistchen tragen. „Man kommt nicht aus“, brummt er beim Fortgehen.

Lene Mayer-Skumanz: Anna und Sebastian.
Wien, Herder Verlag, 2003

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