Das Mädchen, das dem Donner half

Das Mädchen, das dem Donner half

Märchen der Muskogee (Nordamerika)

Vor langer, langer Zeit lebte einmal ein junges Mädchen mit Namen Tapferes Herz, das die Kunst der Jagd beherrschte. Jedes Mal, wenn ihre Brüder auf die Jagd gingen, war sie ihnen auf den Fersen gefolgt, und jeder Versuch, sie wieder nach Hause zu schicken, war vergebens. Sie hatte ihre Brüder genau beobachtet, ahmte ihre Bewegungen nach, und bald schon war sie zu einer ausgezeichneten Bogenschützin geworden, die sicher mit Pfeil und Bogen umging.

Während der Sommermonate lebte ihr Stamm von den Fischen aus den Flüssen, die durch ihr Gebiet flossen, sowie von dem Mais, den Bohnen und den Kürbissen, die in den Tälern wuchsen. Doch wenn der Winter kam, waren die Menschen auf das Fleisch von Waschbären und Hirschen angewiesen, um sich zu ernähren. Jedes Jahr wartete Tapferes Herz sehnsüchtig darauf, dass die Jagdzeit beginnen möge. Wenn die Tage anfingen, kürzer zu werden, verbrachte sie viele Stunden damit, sich mit ihren Brüdern beim Bogenschießen zu messen, und die ärgerten sich, wenn sie gewann. Sie wünschte sich nichts sehnlicher, als eines Tages Fleisch für ihre Familie mit nach Hause zu bringen. Sie träumte davon, von den Männern der Muskogee aufgefordert zu werden, sie zur Jagd zu begleiten, doch lange Zeit wurde sie deshalb immer nur ausgelacht. Doch als ihre Oheime sie an einem schönen Herbsttag einluden, mit ihnen in die Berge zu gehen, ging ihr Traum in Erfüllung.

Doch wie enttäuscht war Tapferes Herz, als man das erste Zeltlager aufschlug und ihr klar wurde: Die Männer erwarteten von ihr, dass sie das Kochen übernahm, während sie selbst auf die Jagd gingen! Sie war sehr aufgebracht, doch hielt sie ihre Tränen zurück und bemühte sich tapfer ihrer Aufgabe gerecht zu werden. Bald darauf waren die Männer alle verschwunden, und Tapferes Herz war allein. Während sie sich um das Feuer kümmerte und das Essen zubereitete, hörte sie plötzlich ein merkwürdiges grollendes Donnern. Das Geräusch kam jedoch nicht vom Himmel, sondern aus dem Boden unter ihr und um sie herum. Voll Verwunderung blickte sie sich um und folgte dann dem Geräusch bis zu dem Fluss, der nahe an dem Lager vorbeifloss. Als sie sich dem Fluss näherte, sah sie einen sehr alten Mann, der mit einer riesigen Wasserschlange kämpfte. Es war der Donner, der verzweifelt versuchte, sich aus der Umklammerung der Schlange zu befreien, und bei jeder Bewegung ein schreckliches Donnergrollen hervorbrachte. Inmitten des ganzen Aufruhrs bemerkte Tapferes Herz einen leuchtend weißen Kreis auf dem Hals der Schlange. Während sie dem Kampf zusah, riefen beide, der alte Mann wie auch die Schlange, sie um Hilfe an.

Der Mann schrie ihr zu: »Schieß! Schieß doch! Ziel auf den weißen Punkt auf ihrem Hals! Nur so kannst du mich vor dem sicheren Tod retten.«

Die Schlange rief: »Töte den alten Mann, bevor sein Donner dich zerstört. Rette mich, dann rettest du dich selbst!«

Tapferes Herz war beunruhigt und verwirrt. Wem soll ich nur helfen?, fragte sie sich. Wenn ich den Donner töte, verlieren wir vielleicht auch den Regen, den er mit sich bringt, und dann werden wir keinen Mais mehr zu essen haben. Ich habe keine andere Wahl, als die Schlange zu töten. Traurig spannte sie ihren Bogen, fasste den weißen Punkt am Hals der Schlange genau ins Auge und schoss. Der Pfeil bohrte sich in das weiche Fleisch des Tieres. Sofort ließ die Schlange von dem Mann ab und versank im Wasser.

Alter Mann Donner stieg aus dem Fluss und kam froh auf Tapferes Herz zu. Als er erkannte, dass sie ein Mädchen war, war er sehr erstaunt. »Du bist so jung und doch so geschickt«, sagte er bewundernd, »du kannst dir für alle Zeiten meiner Freundschaft gewiss sein. Dein Volk wird bald Hilfe brauchen, hör mir also gut zu, bevor ich dich verlasse.«

Tapferes Herz merkte sich jedes seiner Worte genau. »Obwohl du ein Mädchen bist, musst du dich denselben Riten unterziehen wie deine Brüder, wenn sie die Geister um Weisungen bitten. Ich will dich einen Gesang lehren, der dir große Macht verleiht und es dir ermöglicht, deinem Volk beizustehen, aber du darfst ihn nur singen, wenn es unbedingt erforderlich ist.«

Kurz darauf kamen die Männer zurück ins Lager und machten sich daran, in ihr Dorf zurückzukehren, denn die Jagd war erfolgreich gewesen. Tapferes Herz folgte ihnen dicht auf den Fersen, und während sie dem Dorf zueilten, bat sie die Oheime, ihr dabei zu helfen, sich schnell den Riten zu unterziehen. Sie bestanden darin, vier Tage lang zu fasten und so den Geist für die besondere Aufgabe vorzubereiten. Die Männer waren von der Dringlichkeit, mit der sie sprach, belustigt. »Du bist viel zu jung! Und Mädchen brauchen diese Dinge sowieso nicht.«

Sie ließ jedoch in ihrem Bitten nicht nach, und schließlich sagte der jüngste ihrer Oheime: »Ich weiß zwar nicht, warum du dir dies in den Kopf gesetzt hast, aber ich werde dir helfen, Tochter mit dem tapferen Herzen.«

In den folgenden Wochen bereitete er die Zeremonie vor und stand ihr in allem zur Seite, wie es die Aufgabe eines Oheims ist. Während der schweren Nächte in der Schwitzhütte verließ er sie keine Sekunde, und dann führte er sie an den Ort des Fastens und des Gebets. Tapferes Herz musste in diesen vier Tagen immer an die Worte des alten Mannes denken: »Ich werde dich einen Gesang lehren, der dir die Macht verleiht, deinem Volk beizustehen«, und sie war sich ihrer Sache sicher.

Als der Winter näher kam und die Männer in den Bergen auf der Jagd waren, um das Fleisch für die kalte Jahreszeit zu beschaffen, entdeckten sie, dass sich die Krieger der Cherokee auf dem Kriegspfad befanden und das Dorf der Muskogee angreifen wollten. Da machte sich der Oheim auf die Suche nach seiner Nichte Tapferes Herz. Er erblickte sie in der Ferne, wie sie weg vom Dorf nach Osten schritt. Dann bewegte sie sich in einem großen Kreis um das Dorf herum und sang dabei einen merkwürdigen Gesang. Sie wiederholte den Gesang viermal und schritt viermal um das Dorf. Dann änderte sie ihre Gestalt und verwandelte sich in einen prächtigen Regenbogen, der sich hoch über das Dorf wölbte. Der Oheim sah voller Verwunderung alles mit an.

»Schaut hinauf in den Himmel!«, schrie da einer der Krieger der Cherokee, denn auch er hatte den mächtigen Regenbogen über ihren Köpfen gesehen. Da erhob Tapferes Herz ihren Bogen und schoss aus der Mitte des Regenbogens Blitze auf die Krieger der Cherokee, als diese gerade ihr Dorf angreifen wollten. Ihre Pfeile flogen und der Donner grollte, während die Blitze durch den Himmel auf die Erde hinabschossen. Nun war es ein Leichtes, die Cherokee gefangen zu nehmen, und zitternd sahen sie mit an, wie Tapferes Herz wieder ihre Mädchengestalt annahm und ihnen zurief: »Vergesst niemals, was ihr heute hier gesehen habt. Und nun geht zurück in eure Dörfer, erzählt es eurem Volk und lasst uns in Frieden leben.«

Bei diesen Worten ergriffen die Krieger der Cherokee die Flucht und begaben sich nie mehr auf den Kriegspfad gegen das Volk der Muskogee. Tapferes Herz hatte ihr Dorf gerettet, und ihr jüngster Oheim war stolz, dass er ihr dabei geholfen hatte. »Unser Volk wird Geschichten von dir erzählen«, sagte er. »Man wird sich für alle Zeiten an dich erinnern, an das Mädchen, das dem Donner half.«

Josephine Evetts-Secker: Väter und Töchter – Märchen aus aller Welt.
Stuttgard, 2000, Urachhaus

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