Bisenkappe

Bisenkappe

Aus England

In längst vergangenen Zeiten lebte ein sehr reicher Mann, der hatte drei wunderschöne Töchter. Die älteste war so schwarz wie die Nacht, die zweite hatte Augen so grün wie die einer Katze, und die dritte war so hell wie der frühe Morgen. Ihr Vater liebte sie zärtlich alle drei, doch die jüngste hatte er am liebsten von allen.

Eines Tages brachte er seinen Töchtern aus der Stadt drei prächtige Ballkleider als Geschenk mit. Das erste war über und über mit Rubinen bedeckt, das zweite mit Smaragden und das dritte mit schimmernden weißen Perlen. »Probiert eure neuen Kleider an«, drängte er seine Töchter, »und lasst mich sehen, wie schön ihr darin ausseht.«

Die Schwestern rannten aufgeregt davon, um sich umzukleiden, und kamen dann prachtvoll herausgeputzt zu ihrem Vater zurück. Sie machten einen Knicks vor ihm, und er war sehr zufrieden. »Gefallen euch die Kleider auch wirklich?«, fragte er immer wieder, und sie sparten nicht an ihrem Dank. »Hab Dank, lieber Vater«, sagten sie, »wir freuen uns immer über deine großzügigen Geschenke.« Sie küssten und umarmten ihn, während der Abendhimmel über den Hügeln vor ihrem Fenster immer dunkler wurde.

»Bin ich euch ein guter Vater, meine Lieben?«, fragte er, was sie immer mit lautem Gelächter beantworteten. Doch dann wurde sein Ton dringlicher: »Meine geliebten Töchter, glaubt ihr wirklich, dass ich euch ein guter Vater bin?«

»Aber sicher, Vater! Du bist der liebste Vater in der ganzen Welt«, antwortete die dunkle Tochter.

»Lieber Vater«, fügte die grünäugige Schwester hinzu, »du bist alles, was sich eine Tochter wünschen kann.«

Nur die jüngste Schwester sagte nichts, denn sie war völlig in den Anblick ihres Kleides versunken.

Der Vater war immer noch nicht zufrieden und fuhr fort zu fragen: »Aber wie sehr liebt ihr mich? Könnt ihr mir das sagen?«

Die dunkle Schwester betrachtete sich und ihr reich geschmücktes Kleid im Spiegel und sagte: »Lieber Vater, ich liebe dich so sehr wie das Leben selbst.« Ihr Vater war glücklich und wandte sich an seine grünäugige Tochter, die die glitzernden Smaragde auf ihrem Kleid betrachtete.

»Liebster Vater, ich liebe dich mehr als alles auf der Welt.« Er hörte ihre Worte voller Freude und zog dann die jüngste Tochter zu sich heran und wiederholte seine Frage.

»Wahrlich, mein Vater«, antwortete sie, »ich liebe dich so sehr, wie frisches Fleisch nach Salz verlangt.«

Ihr Vater war enttäuscht und verärgert über diese Antwort und bat sie, sich näher zu erklären, doch sie stand vor ihm und schwieg. Er wurde wütend und schrie: »So liebst du mich also nicht wirklich und weißt meine Geschenke nicht zu schätzen. Dann mach, dass du fortkommst! Geh hinaus in die Welt und sieh zu, wie es dir ohne mich ergehen wird.« Mit diesen Worten öffnete er die Tür, und sie verließ wortlos das Haus.

Eine Magd kam ihr nach und brachte ihr einen alten Mantel, der sie vor der Kälte schützen, und eine Laterne, die ihr den Weg weisen sollte. Damit ging das Mädchen in die Nacht hinaus und blieb nicht stehen, bis es Morgen war. Da fand es sich vor den Toren eines Palastes wieder, weitaus prächtiger als das Haus seines Vaters. Nicht weit von dem Palast war ein Fluss, und aus den Binsen und Gräsern, die an seinem Ufer wuchsen, machte sich das Mädchen ein einfaches Kleid. Das Ballkleid zog es aus und wickelte es in den zerlumpten Mantel, dann ging es zur Küchentür und bat um Arbeit. Die Wirtschafterin hatte Mitleid mit dem Mädchen und ließ es hereinkommen. Sie trug ihm auf, als Erstes den Fußboden zu schrubben. Die anderen Dienstboten lachten über das Aussehen des neuen Küchenmädchens und nannten es Binsenkappe. Und so begann das arme Mädchen sein bescheidenes Dasein.

Einige Wochen später wurde verkündet, dass der König einen Ball geben wolle, zu dem alle heiratsfähigen jungen Frauen geladen würden, damit sich der Prinz eine Braut auswählen könne. Die Dienstboten arbeiteten von morgens bis abends, um das große Fest vorzubereiten, und als Dank wurde ihnen erlaubt, sich zurechtzumachen und dem Ball von der Galerie aus zuzusehen. Binsenkappe gab vor, müde zu sein, und legte sich ins Bett, während die anderen Dienstmädchen davonliefen, um den Ball nicht zu versäumen. Doch sobald sie allein war, nahm sie ihr perlenbesticktes Ballkleid hervor, zog es an und ging auf den Ball. Jeder, der sie sah, war von ihrer Schönheit geblendet.

»Willst du mit mir tanzen?«, fragte sie der Prinz immer und immer wieder. Doch als der Ball zu Ende ging, stellte er mit Schrecken fest, dass sie verschwunden war, als er ihr einen Augenblick den Rücken zugewendet hatte.

»Was für ein prächtiger Ball«, schwärmten die Dienstboten am nächsten Morgen. »Du hättest mitgehen sollen, Binsenkappe, um die allerschönste Prinzessin zu sehen. Sie trug ein herrliches Kleid aus Seide und Perlen, und der Prinz tanzte nur mit ihr allein.«

Fest entschlossen, die Prinzessin wiederzufinden, befahl der Prinz, am nächsten Abend solle wieder ein Ball stattfinden. Wieder täuschte Binsenkappe Müdigkeit vor und ging unerkannt auf den Ball, während die anderen Dienstboten von der Galerie aus zusahen. Die geheimnisvolle Prinzessin tanzte den ganzen Abend, und dieses Mal steckte ihr der Prinz einen goldenen, mit Perlen besetzten Ring als Zeichen seiner Liebe an den Finger. Am nächsten Morgen berichteten die Dienstboten wieder über die Ereignisse der Ballnacht und sprachen aufgeregt von der schönen Prinzessin in ihrem perlenübersäten Kleid.

»Sie muss eine fremde Prinzessin sein«, sagten sie, »denn niemand kennt sie. Aber der Prinz tanzte nur mit ihr allein. Und wieder ist sie so schnell verschwunden, wie sie gekommen ist, und niemand weiß, wo man sie finden kann.«

Der Prinz war so betrübt darüber, die Prinzessin ein zweites Mal aus den Augen verloren zu haben, dass er noch einen Ball abhalten ließ. Jeder wollte die fremde Prinzessin in ihrem prächtigen Kleid sehen, wie sie den ganzen Abend mit dem Prinzen tanzte. Sie erschien, sie tanzte mit dem Prinzen, und dann verschwand sie wieder so geheimnisvoll, wie sie gekommen war. Binsenkappe ging in ihre Dachkammer zurück und versteckte das Kleid, wie sie es auch die Nächte zuvor getan hatte. Die Dienstboten berichteten, dass die Prinzessin dem Prinzen wieder entkommen war.

Der Prinz aber war verzweifelt. Vor Sehnsucht nach der verschwundenen Prinzessin wurde er immer blasser. Tag für Tag suchte er das Land nach ihr ab und fragte Arm und Reich, ob sie seine Tänzerin in dem perlenbestickten Kleid gesehen hätten. Doch nirgends war eine Spur von ihr zu entdecken, und der Prinz wurde immer kränker vor Sehnsucht.

»Der Prinz wird bald sterben, wenn man die Prinzessin nicht findet«, bekam Binsenkappe von den Dienstboten zu hören. »Er will nicht essen und wird immer schwächer. Er wünscht sich nur noch zu sterben, denn er sagt, er könne nicht ohne sie leben.«

Binsenkappe ging zur Wirtschafterin und sagte: »Ich kenne ein ganz besonderes Gericht. Es wird den Prinzen stärken. Lasst es mich für ihn zubereiten.«

Die Wirtschafterin war einverstanden und das Mädchen kochte eine Hafersuppe und legte den perlenbesetzten Ring hinein. Die Wirtschafterin brachte die Schüssel ins Schlafgemach des Prinzen, und hungrig aß er alles auf. Auf dem Boden der Schüssel fand er den Ring. Sein Herz schlug laut und er fragte die Wirtschafterin, wer die Suppe gekocht habe.

»Ein junges Mädchen, das in der Küche arbeitet«, antwortete sie.

»Ich muss sie sofort sehen!«, rief der Prinz. »Schickt sie zu mir.«

Binsenkappe legte unter ihrem Mantel schnell ihr Ballkleid an und ging in das Schlafgemach des Prinzen. Er nahm ihre Hand und steckte ihr den Ring an den Finger, und er passte haargenau. Binsenkappe warf den alten Mantel ab und stand in all ihrer Pracht vor dem Prinzen. Sie umarmten sich und schworen einander, sich nie mehr zu trennen. Ihre Hochzeit wurde umgehend verkündet und die Vorbereitungen für das Fest begannen noch am selben Tag.

Die junge Braut aber bat den Prinzen: »Lasst meinen Vater zu dem Fest einladen, aber er soll nicht wissen, wer die Braut ist.«

Der Prinz tat, wie sie gesagt hatte, und der alte Mann machte sich auf den Weg in den Palast. Er hatte schon lange bedauert, seine Tochter so böse und grausam behandelt zu haben, und war im ganzen Land herumgereist und hatte nach ihr gesucht. Seine anderen Töchter hatten ihr Glück gemacht und ihn seinem Schicksal überlassen, als er nach seiner jüngsten Tochter suchte. Erschöpft erschien er im Palast, um an dem Hochzeitsfest teilzunehmen, und saß dort unter den niedrigsten Gästen.

Die Braut hatte den Koch angewiesen, das Festessen auf zweierlei Weise anzurichten: Jedes Gericht sollte einmal ganz ohne Salz und dann wie üblich gesalzen zubereitet werden. Als das Fest begann, wurde zuerst das salzlose Essen serviert. Es sah köstlich aus, doch nachdem die Gäste gekostet hatten, zogen sie lange Gesichter und wollten nicht mehr als ein paar Bissen davon essen, denn den Gerichten fehlte es an Geschmack.

Der alte Mann saß schweigend auf seinem Platz, und als er im Mund einen salzlosen Bissen schmeckte, da fiel ihm ein, was ihm seine jüngste Tochter als Zeichen ihrer Liebe gesagt hatte. Er schaute auf, erblickte die strahlende Braut und schrie auf vor Verwunderung, denn er erkannte in ihr sein lange vermisstes Kind. Er sprang auf und lief zu ihr hin. Nachdem er sie zärtlich geküsst hatte, wandte er sich an die Gäste.

»Liebe Freunde«, begann er, »ich bin ein sehr törichter Vater gewesen.« Dann erzählte er allen, wie er von seinen Töchtern hatte wissen wollen, wie sehr sie ihn liebten, und was ihm seine jüngste Tochter zur Antwort gegeben hatte. »>Ich liebe dich so sehr, wie frisches Fleisch nach Salz verlangt<, sagte sie zu mir, und ich habe sie nicht verstanden. Doch jetzt weiß ich, was sie meinte, und mir ist klar geworden, dass sie mich von ganzem Herzen liebt.« Er wandte sich wieder an seine Tochter und bat sie um Verzeihung.

»Liebster Vater«, antwortete sie, »gern verzeihe ich dir. Ich bitte dich nur, dich jetzt mit mir an meinem Glück zu freuen und mit uns zu feiern und fröhlich zu sein.«

»Gern will ich mit euch feiern«, entgegnete der Vater, und während er neben dem Brautpaar Platz nahm, wurde das gesalzene Festessen aufgetragen. Es schmeckte besser, als man sich vorstellen kann, und alle aßen mit großem Genuss.

Josephine Evetts-Secker: Väter und Töchter – Märchen aus aller Welt.
Stuttgard, 2000, Urachhaus

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