Die Kinder und der alte Baum

Die Kinder und der alte Baum

Viele, viele Jahre stehe ich schon hier. Meine Wurzeln reichten tief in die Erde, und meine Krone ragt hoch in den Himmel.

Im Frühling, wenn mich die ersten Sonnenstrahlen treffen, wachsen meine Blätter. Leuchtend grün sind sie zuerst und zart. Meine Äste sprießen, und ich wiege mich sanft im leuchten Wind. Die Kinder tanzen um meinen dicken Stamm und singen Lieder.

Vögel bauen ihre Nester in meinem Geäst. Sie legen ihre Eier und brüten sie aus. So sind sie vor Regen und Kälte geschützt. Schon bald schlüpfen die jungen Vögel.

Die Kinder hören das laute Piepen und Zwitschern. Sie schauen gespannt nach oben und können kaum erwarten, dass die kleinen Vögel fliegen lernen.

Im Sommer wird es heiß. Die Sonne brennt vom Himmel, und die Erde trocknet aus. Die Kinder tollen über die Wiese und ruhen sich dann in meinem Schatten aus.

Die Kinder klettern hoch in meine Krone. Wenn es zu gefährlich wird, lasse ich meine Äste zur Warnung knarren.

Die Kinder haben in meinen Ästen ein Baumhaus gebaut. Mit dicken Seilen haben sie es festgebunden. Wie schön, dass sie mich dafür ausgesucht haben. Jetzt bleiben sie manchmal über Nacht bei mir.

Im Herbst lassen die Kinder ihre Drachen steigen. Der Wind jagt sie wild durch die Luft. Aber die Kinder passen auf, dass mir die Drachen nicht zu nahe kommen.

Meine Blätter leuchten jetzt in den schönsten Farben, gelb, rot und braun. Wenn die Herbststürme an mir zausen, muss ich sie alle fallen lassen. Die Kinder wühlen in dem Blätterhaufen. Sie suchen sich die schönsten Blätter aus und nehmen sie mit nach Hause.

Manchmal kommt auch ein weinendes Kind zu mir. Es kauert sich an meinen Stamm und erzählt mir, warum es so traurig ist. So erfahre ich die Sorgen der Kinder.

Es ist Winter geworden. Kahl stehe ich nun da. Im Nebel erscheine ich jetzt als schwarze Gestalt. Doch wenn er verzogen ist, zeigen sich die Misteln an meinen Ästen. Die Kinder nehmen sie mit. Und wenn ich in die Ferne schaue, sehe ich die Misteln an ihren Haustüren hängen.

Heute ist der erste Schnee gefallen. Die Kinder sind ganz aufgeregt. Bei der Schneeballschlacht muss ich als Deckung herhalten. Die Kinder haben riesigen Spaß dabei, und meiner dicken Rinde machen die Schneebälle nichts aus.

Unter meinen Zweigen bauen die Kinder einen Schneemann. Keck streckt er mir die rote Rübennase entgegen. Aber ich weiß genau: In den ersten Sonnenstrahlen des Frühlings wird sein Stolz dahinschmelzen.

Eines Tages kommt ein Mann zu mir. Als er mit der Hand über meine Rinde streicht, erkenne ich ihn wieder. Er ist als kleiner Junge oft bei mir gewesen. Da weiß ich, es ist eine lange Zeit vergangen.

Mathias Karl: Die Kinder und der alte Baum.
Stuttgart, 1995, Thienemann

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