Wüste – Anselm Grün

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Am Zweiten Adventssonntag hören wir: „Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!“ (Mk l,3f). Johannes tritt in der Wüste auf. Und die adventliche Stimme erklingt in der Wüste. Der Advent verheißt uns, unsere Wüste zu verwandeln, dass sie zu blühen beginnt. Die Wüste ist für uns heute ein Bild für unser Daseinsgefühl. Wir sprechen von einer Betonwüste in unseren Städten, von der Wüste in den menschlichen Herzen, wenn alles leer und öde geworden ist. Wüste ist ein Bild für die Einsamkeit, für das Alleingelassenwerden. Wüste heißt Sinnlosigkeit, ohne Beziehung sein, vertrocknet, ausgedörrt sein. Für die Mönche im 4. Jahrhundert war die Wüste der Ort der Dämonen, der Ort, an dem das Dunkle sich herumtreibt, an dem das Böse nach dem Menschen greift. Oder man kann im Blick auf heute sagen: der Ort, an dem die Zeitgeister herrschen, der Zeitgeist der Gewalt, des Mißtrauens, der Ausbeutung, der Zerstörung. Entsprechungen für das Wort Wüste sind: „öde, unbebaut, unbewohnt, einsam, wild, ungezügelt, häßlich, widerwärtig“. Mit all diesen Wörtern wird auch unser heutiger Seelenzustand beschrieben. Wir spüren in uns Einsamkeit und Leere. Wir sind unbehaust, nirgendwo zu Hause. In uns sind wilde und ungezügelte Kräfte, die unser Gesicht häßlich erscheinen lassen. Die Wüste ist der Ort, an dem wir schonungslos mit uns und unserer widerwärtigen Wirklichkeit konfrontiert werden.

In dieser Wüste unseres Herzens sollen wir dem Herrn den Weg bereiten. Um den Weg für den Herrn bahnen zu können, müssen wir uns zuerst einmal hinauswagen in die eigene Wüste. Wir müssen all das Verdrängte, das Unterdrückte, das Schattenhafte in uns anschauen und Gott hinhalten. Gerade dort will Gott zu uns kommen, nicht auf den Prachtstraßen Babylons, nicht auf den Straßen unseres Erfolgs und unserer Leistungen. Wir möchten Gott gerne außerhalb von uns begegnen, in erbaulichen Gottesdiensten, in der Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Doch Gott will uns gerade in unserer Wüste entgegenkommen. Dort will er uns antreffen, um mit uns das Fest der Erlösung zu feiern, um mit uns eins zu werden und alles in uns zu verwandeln. Nur wenn wir Gott in unsere Wüste hineinlassen, kann Wirklichkeit werden, was Jesaja uns verheißt: „Die Wüste und das trockene Land sollen sich freuen, die Steppe soll jubeln und blühen… In der Wüste brechen Quellen hervor, und Bäche fließen in der Steppe. Der glühende Sand wird zum Teich und das durstige Land zu sprudelnden Quellen“ (Jes 35,1.6f). Mitten in unserer Wüste werden Quellen hervorbrechen. Aber die Wüste wird bleiben. Wir werden um die Quelle herum immer wieder in die eigene Wüste geraten und mit unserer inneren Leere konfrontiert. Aber der Advent verheißt uns, dass wir in unserer Wüste eine Quelle finden, aus der wir trinken können. Sie genügt, um unsere Wüste zu befruchten.

Anselm Grün: Weihnachten – Einen neuen Anfang feiern.
Wien, 1999, Herder
Auszug

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