Der Weihnachtsvogel

Der Weihnachtsvogel

Der Winter war kalt, und der Schnee lag hoch.
Es war Abendbrotzeit. Katjas Mutter deckte den Tisch. Es gab Milch und noch warmes Brot frisch aus dem Ofen.
»Als ich heute Morgen dem Wirt Eier brachte«, sagte Katja, »hab ich Fremde im Dorf gesehen.«
»Der Wirt hat mir erzählt, dass er sie in seinem Stall übernachten lässt«, sagte der Vater. »Er hat im Haus keinen Platz mehr. Aber im Stall haben sie es wenigstens warm mit dem vielen Heu und den Tieren.«
»Ich möchte wissen, was das für Leute sind«, sagte die Mutter. »Warum sind sie bei diesem Wetter unterwegs?«
Als Katja in ihr Zimmer ging, hörte sie Schritte vor dem Haus und dann ihren Vater, wie er die Tür öffnete. Katja schlich zur Treppe und lauschte.
»Wohin wollt ihr?«, hörte sie ihren Vater fragen.
»Siehst du den hellen Stern dort oben?«, antwortete jemand.
»Engel sprachen zu uns und sagten, dass wir den neugeborenen kleinen König finden werden, wenn wir dem Stern folgen. Wir wollen den neuen König sehen und ihm diese Lämmer bringen.«
Katja lief zum Fenster. Wahrhaftig, dort oben am Himmel stand ein heller Stern, den sie noch nie gesehen hatte.
Und er schien genau auf den Stall des Wirtes. Von allen Seiten kamen Leute herbei und folgten dem Licht.

Katja konnte lange nicht einschlafen. Sie dachte darüber nach, was sie gehört hatte.
Katja erwachte im ersten Morgenlicht. »Heute gehe ich zum kleinen König«, sagte sie zu ihrer Katze. »Aber was soll ich ihm mitbringen?« Katja hatte nicht viele Spielsachen, aber etwas Besonderes besaß sie doch: einen bunten Holzvogel, der pfiff, wenn man hineinblies. »Den werde ich ihm schenken«, dachte sie, »und die Katze nehme ich mit, damit sie ihn wärmt«
Katja ging in die Küche hinunter.
»Ich will den kleinen König besuchen«, sagte Katja. »Darf ich ihm etwas vom Brot mitbringen?«
Die Mutter gab ihr ein Brot und sagte: »Zieh die warmen Stiefel an, es ist sehr kalt draußen.«
Als Katja das Haus verließ, hielt sie die Katze, das Brot und den hölzernen Vogel fest an sich gepresst.
Glücklich ging sie mit den Geschenken durchs Dorf.
Bei den letzten Häusern aber wand sich die Katze aus Katjas Armen, sprang hinunter und lief zurück nach Hause.
Katja war ein wenig traurig.
»Aber ich habe immer noch zwei Geschenke für den kleinen König«, sagte sie und ging über die Brücke, die über den gefrorenen Bach führte. Dann stapfte sie den Hang hinauf – langsam, denn der Schnee hatte den Weg zugedeckt.
Ein Hirsch kam heran. War er hungrig?
»Das Brot ist groß genug«, dachte Katja, »warum soll ich es nicht mit dem Hirsch teilen?«
Während der Hirsch zufrieden kaute, aß sie auch von dem Brot. Plötzlich war keins mehr da.
Katja hatte ein schlechtes Gewissen.
»Aber ich habe immer noch den Vogel für den kleinen König«, sagte sie zu sich. »Der ist sowieso das schönste Geschenk.«
Es begann zu schneien. Die Kälte zwickte Katja in Zehen und Fingern.
Plötzlich stolperte sie, und der Vogel fiel ihr aus den Händen.
Katja suchte und grub im Schnee.
Eisig brannten Tränen auf ihren Wangen.
Sie hüpfte auf der Stelle, damit ihr wieder warm wurde, und dann grub sie weiter.
Endlich stießen ihre Finger auf etwas Hartes. Es war der hölzerne Vogel! Sie nahm ihn und blies hinein. Aber kein Ton war zu hören. Sie blies noch einmal, doch der Vogel blieb stumm.
Katja weinte. »Jetzt hab ich gar nichts mehr für den kleinen König«, sagte sie und wollte umkehren.
Da sah Katja einen goldenen Schein.
Aus der Stalltüre drang ein Licht – ein heller Weg, dem Katja nun folgte.
Im Stall waren viele Menschen und Tiere um das Strohlager versammelt. Die Frau schaute Katja freundlich an, und das kleine Kind lächelte.
Scheu trat Katja näher, denn die Katze war weg, das Brot, war weg, und der Holzvogel war kaputt.
Doch als Katja sich vor den neuen kleinen König hinkniete, fühlte sie nur Freude in sich.

Der kleine König schloss die Hände um den Vogel. Dann öffnete er sie wieder:
Aus seinen offenen Händen flatterte der Vogel auf! Und er sang wunderschön.

Als Katja den Stall verließ, flog der Vogel über ihr, er sang und blieb nah bei ihr.
Sie ging durch den tiefen Schnee, und ihr war warm.

Bernadette: Der Weihnachtsvogel.
Lüneburg, Findling Buchverlag

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Eine Antwort zu Der Weihnachtsvogel

  1. Herrmann schreibt:

    Das ist ein sehr schönes Gedicht.

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