Das Grammophon im Wald

Das Grammophon im Wald

Eines Tages fanden zwei Mäuse auf der Waldlichtung nahe beim See ein blaues Sofa und ein komisches Gerät. Einen Holzkasten mit einem golden glänzenden Metalltrichter darauf.

Was war denn das für ein Ding? Wozu sollte das gut sein? Und wem gehörte es?

Die Mäuse blickten um sich und schnupperten, aber es war niemand zu sehen und zu riechen. Das fremdartige Ding sah irgendwie lustig aus. Die Mäuse kamen näher und betasteten es überall. An der einen Seite des Kastens entdeckte die graue Maus eine kleine Kurbel. Sie drehte an der Kurbel und plötzlich begann sich die Platte auf dem Kasten ebenfalls zu drehen und aus dem Trichter scholl eine laute menschliche Stimme. Die zwei Mäuse schrien auf und rannten davon. Sie liefen tief in den Wald hinein, bis die Stimme aus dem Trichter nur noch leise zu hören war. Nun merkten die Mäuse erst, dass die Stimme ein Lied sang. Sie horchten eine Weile, und als sie sich ganz beruhigt hatten, gefiel ihnen die Stimme aus dem Trichter mehr und mehr. Doch mit einem Mal verstummte der unsichtbare Sänger. Die Mäuse berieten, was sie tun sollten, ob sie noch einmal zu der Lichtung gehen sollten. Die graue Maus war dafür. Sie wollte noch einmal an der kleinen Kurbel drehen. Aber die braune Maus traute sich nicht. Ihr war das Ding auf der Lichtung doch zu unheimlich.

Den ganzen Tag dachten sie an das Ding auf der Lichtung. Sie waren hin- und hergerissen zwischen Furcht und Neugierde. Es war schon später Nachmittag, da hörten die zwei Mäuse plötzlich wieder die Stimme aus dem Gerät. Sie sang diesmal etwas anderes. Nun wurden die Mäuse so neugierig, dass sie ihre Furcht überwanden und leise zu der Lichtung schlichen. Dort sahen sie folgende Szene: Ein Eichhörnchen lag auf dem Baumstumpf vor dem Trichter und lauschte hingebungsvoll der Musik. Auf dem blauen Sofa aber saßen drei Katzen. Die Musik hatte sie ganz in ihren Bann gezogen. Als die Platte zu Ende gespielt war, legte das Eichhörnchen eine neue auf. So ging das stundenlang. Niemand sprach ein Wort, alle waren von der Musik verzaubert.

Das Grammophon gehörte wahrscheinlich dem Bewohner des Hauses auf der anderen Seite des Sees. Vielleicht hatte er es vergessen, vielleicht saß er auch an einem der Fenster des Hauses und beobachtete voller Vergnügen die Gesellschaft, die sich um sein Grammophon versammelt hatte…

Erwin Moser: Das Findelkind.
Weinheim, 2004, Parabel

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