Eine Rose im Poncho – Legende aus Mexiko

Eine Rose im Poncho

Ohne anzuklopfen, betritt Dr. Simancas das Labor. Sein junger Kollege aus den USA hört ohnedies nichts. Tag für Tag sitzt er über sein Mikroskop gebeugt. Er nimmt seinen Forschungsauftrag ernst. Aber jetzt muss Dr. Simancas ihn aus seinen Beobachtungen herausreißen.

»Wir müssen diese Fotoserie genau untersuchen«, sagt er ohne Begeisterung.

Dr. Dalton nimmt die erste Farbaufnahme, die ihm sein mexikanischer Kollege reicht. Das Foto stellt einen Poncho dar.

»Was ist daran Besonderes?«, fragt er. »So weben die Indios eben ihre Ponchos. Agavefasern.«

»Hören Sie den Bericht des chemischen Institutes. Dieser Poncho ist um 1530 hergestellt worden. Material: Agavefasern. In die Innenseite eingepresst das Bild einer Mestizin, 143 cm mal 55 cm. Keine Grundierung. Öl-, Tempera-, Wasserfarben.«

»Sagten Sie 1530?«, fragt Dr. Dalton erstaunt. Als Dr. Simancas nickt, fährt er fort: »Unsinn. Ein Bild auf dem Poncho, der 450 Jahre alt sein soll?«

»Es kommt noch toller. Nachweislich stand das Bild über 100 Jahre ungeschützt in einer Kapelle. Dem Rauch der Kerzen und der Hitze ausgesetzt. Dem salzfeuchten Wind preisgegeben, der vom Texoco-See herüberweht, und auch dem Staub, wenn der Wind zum See hin weht. Berührt von vielen tausend Händen, angefasst, geküsst.«

»Zeigen Sie mir die anderen Fotos«, bittet Dr. Dalton.

Dr. Simancas reicht ihm das ganze Päckchen. »Die Bilder stellen das Marienbild der Jungfrau von Guadalupe dar. Die Farben entsprechen denen des Originals genau.«

Dr. Dalton betrachtet aufmerksam Foto um Foto. »Ich habe von dem berühmten Wallfahrtsbild gehört«, sagt er. »Es ist erstaunlich. Die Farben müssten längst verblasst sein. Wenn sie in Wirklichkeit so leuchten, dann habe ich dafür keine Erklärung. Ja, dass der Poncho nicht längst verrottet ist, scheint mir unglaublich.«

»Beinahe noch unglaublicher ist die Geschichte, die mit diesem Poncho verknüpft ist.«

»Eine Geschichte?«

»Es ist die Geschichte eines Indios mit einem Namen, der für westliche Zungen kaum aussprechbar ist: Cuauhtlatóhuac. Später tauften ihn die Franziskaner, die ein paar Jahre zuvor nach Mexiko gekommen waren. Seitdem heißt er Juan Diego.

Dieser Indio lebte bei seinem alten Onkel Bernardino. Am 9. Dezember 1531 machte sich Juan Diego auf zur Stadt Maciko. Eine Entfernung von etwa 20 km. Er ging den Weg nicht gern, denn er führte an dem Hügel Tepeyak vorbei. An dieser Stätte waren der Pachamama, die die Indios für die Göttin der Erde hielten, noch wenige Jahre zuvor Menschenopfer dargebracht worden. Juan Diego geht unwillkürlich schneller. Genau dort ruft ihn eine Stimme beim Namen. >Juanito<, hört er ganz deutlich. Er schaut auf und sieht auf dem Hügel eine strahlend schöne Mestizin. Sie gibt sich ihm als die Jungfrau Maria zu erkennen. Sie spricht zu ihm von ihrem Wunsch, bei den Indios zu bleiben und ihnen ihr Erbarmen, ihre Hilfe und ihren Schutz zu gewähren. Er soll in die Stadt gehen, den Bischof aufsuchen und diesem sagen, was er gesehen hat. >Genau an der Stelle, an der die Menschen in Angst und Schrecken der Pachamama opfern, da soll mir ein Heiligtum gebaut werden.<« »Guadalupe«, unterbricht ihn Dr. Dalton. »Nun, wie Sie sich denken können, hat der Indio beim Bischof zunächst wenig Erfolg. >Komm ein andermal wieder<, sagt man ihm. Juan Diego hat nicht viel mehr erwartet. Wer ist er schon? Soll doch die Jungfrau einen anderen schicken, einen, dessen Stimme mehr Gewicht hat. Aber auf dem Rückweg erscheint sie ihm wieder. Eindringlich wiederholt sie ihren Auftrag. Er soll dem Bischof sagen, dass die Botschaft von der Mutter des Herrn Jesus komme. Juan versucht es noch einmal. Der Bischof hört ihn kurz an. >Was haben diese Indios für eine lebhafte Fantasie!<, murmelt er. >Aber er glaubt, was er da berichtete Zweifel klingt in seiner Stimme, als er sagt: >Ein Zeichen! Bitte, sie soll dir ein Zeichen geben.< Am Tepeyac-Hügel verspricht Maria Juan Diego für den folgenden Tag ein Zeichen. Aber am nächsten Tag wird nichts daraus. Der Onkel ist wenige Tage später erkrankt und verlangt nach dem Priester. Juan rennt los. Er macht einen Umweg. Am Tepeyac-Hügel will er nicht vorbei. Doch kurz vor der Stadt erscheint ihm die Jungfrau. >Was ist mit dir, Juanito? Warum läufst du weg vor mir?< Er stottert etwas von dem schwer kranken Onkel. >Mañana<, sagt er verlegen, >morgen, morgen.< >Sorge dich nicht um deinen Onkel. Ich war bei ihm. Er ist gesund. Geh jetzt zurück zum Tepeyac. Dort findest du eine Blume. Bring sie dem Bischof. Aber niemand sonst soll sie sehen. Es ist mein Zeichen für ihn.< Juan Diego zögert. Kakteen und Steine, Steine und Kakteen, nichts sonst auf dem Hügel. Und Kakteen blühen dort nicht um diese Zeit im Dezember. Dann aber macht er sich auf. Mitten in der dürren Wildnis findet er eine herrliche, halb erblühte Rose. >Niemand soll sie sehen<, hat die Jungfrau gesagt. Behutsam hüllt er sie in seinen Poncho. >Schon wieder dieser Indianers meldet der Pförtner. >Aber er trägt etwas unter seinem Poncho. Das Zeichen, behauptet er.< – >Das Zeichen?< Der Bischof wird aufmerksam. Er gibt dem Pförtner einen Wink. Juan Diego tritt in sein Zimmer, kniet nieder und schlägt den Poncho auf. Die Rose duftet. Was aber den Bischof in die Knie zwingt, das ist nicht die Rose. Im groben Überwurf zeigt sich das herrliche Bild der Gottesmutter Maria in der Gestalt einer Mestizin. Ein weiteres Zeichen wird dazugegeben. Der alte Bernardino erkennt am folgenden Tag in dem Bildnis jene Frau, die an sein Krankenlager getreten war und ihn gesund gemacht hatte. Das war im Morgenlicht des 12. Dezember 1531. Sie hatte auch ihren Namen genannt. >Ich bin die Jungfrau, die der Schlange den Kopf zertritt.< In der Sprache der Náhuatl-Indianer >Coatlaxópeuh<. Heute >Santa Maria Virgen de Guadalupe<. Der größte Schatz Mexikos, ihr Heiligtum, zu dem Jahr für Jahr unendlich viele Menschen kommen mit Dank und Bitten, Bitten um Frieden, Gesundheit und Glück. >Bitte für uns, Morenita<, geflüstert, gesprochen, geschrien.« – Dr. Simancas verstummt.

»Sie erzählen, dass man fast annehmen könnte, Sie glaubten das alles«, lächelt der Amerikaner.

Dr. Simancas zuckt die Schultern.

Etwas ratlos schaut Dr. Dalton mit der Lupe die Fotos an. Plötzlich stutzt er. Er ruft seinen Kollegen. Sie schauen und schauen, greifen nach einer stärkeren Lupe, machen schließlich Ausschnittvergrößerungen von der Pupille im Auge des Madonnenbildes und betrachten genau, was sich dort zeigt. Schließlich lehnt Dr. Simancas sich zurück.

»Kein Zweifel«, sagt er, und er scheint ein wenig glücklich über die Entdeckung. »Kein Zweifel. Im Bild der Pupille spiegelt sich, wie bei einem lebendigen Auge, das, was ein Mensch sieht. Ganz winzig. Aber doch klar und deutlich. Im Auge der Gottesmutter zeichnet sich scharf die Gestalt eines Indios ab.«

»Juan Diego«, sagt der Amerikaner.

»Juanito«, fügt Dr. Simancas leise hinzu.

Willi Fährmann
Folget dem Stern
München: OMNIBUS Taschenbuch 2004

Über kindg

Guten Tag! Wir sind kein Verein oder Institution; nur eine Gruppe Freunde, die an Gymnasien und Universitäten unterrichtet. Dieses Projekt ist aus reinen pädagogischen Gründen entstanden und hat überhaupt keine finanziellen Interessen.
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