Der Mutter Hand – Josef Guggenmos

Der Mutter Hand

Wie schmal diese Knabenhand noch war, wie leicht in einer Frauenhand zu bergen. Noch war es die Hand eines Kindes, ihres Kindes, noch war es ein Teil von ihr. Und schon rangen kalte, erbarmungslose Finger mit ihr um diesen süßen Besitz.

„Wenn kein Wunder geschieht…“, hatte der Arzt achselzuckend gesagt und war gegangen. Die Augen der Mutter glitten von dem erschöpften, röchelnden Knabengesicht in den Kissen zu den Dingen ringsum, als musste sie diese stummen Zeugen um Beistand anrufen in ihrem einsamen Ringen.

Auf dem Bildkalender beim Fenster leuchtete eine farbige Fotografie: ein Eskimo mit goldbraunem Gesicht saß in seinem Schlitten; Rentiere mit klugen Augen waren vorgespannt, und die Polarhunde zur Seite schienen von einer Gesundheit, die kein Tod je einholen würde. Neben dem schimmernden Aluminiumflugzeug auf der Kommode lag die rosige, gezackte Muschel, in der das Weltmeer rauschte. Nichts hier war Erinnerung, wie sie in die Räume der Erwachsenen einzieht – alles in diesem Knabenzimmer war Zukunft und tausendfache Verheißung.

An Ansehen eingebüßt hatte lediglich der Hampelmann gleich hier über dem Bett. Er gab seine Vorstellungen nur noch, wenn ein Spielkamerad einmal ein jüngeres Geschwister mitbrachte. Dann aber konnte der Achtjährige, der selbst keinen Vater mehr besaß, von einer geradezu rührenden Aufmerksamkeit gegen die Kleineren sein. Und so umsichtig, so rührend besorgt war er auch immer wieder zu seiner Mutter. Es war, als wollte er sagen: Wir halten zusammen gegen die ganze Welt.

Aber nun machte einer seine Rechte geltend, der stärker war als die Welt. „Mutter!“ Ja, Kind!“ „Muss ich jetzt sterben?“ „Ich bin ja bei dir!“ „Mutter, wie ist das, wenn man stirbt, kommt dann der Tod?“ „Wenn man stirbt, dann geht die Seele des Menschen zu Gott.“ „Nein, ich meine, kommt dann der richtige Tod, wie er im Buch abgebildet ist: so ein schrecklicher Mann, aus nichts als Knochen?“ „Nein, nein, Kind, diesen Tod gibt es ja gar nicht, das ist ja nur ein Märchen.“ „Mutter – Mutter!“ „Was hast du?“ „Dort beim Schrank!“ „Was ist denn?“ „Der Wolf, der Wolf!“ „Ruhig, ruhig, Kind, das träumst du nur!“ „Aber sieh doch, Mutter, was für wilde, rote Augen er hat!“ „Hab keine Angst, Kind! Ich halte dich ganz fest bei der Hand, da kann dir nichts geschehen.“ „Der Wolf kommt immer näher! Jetzt ist er schon bei dir!“ „Ich will den Wolf streicheln. Siehst du, er ist ja gar nicht so schlimm. Wenn ihn die Mutter streichelt, dann ist er ganz brav. Und jetzt wird er immer kleiner und kleiner. Nun ist er nur noch so groß wie ein Kätzlein. Ein richtiges liebes Kätzlein ist er geworden. Und drei Farben hat unser Kätzlein: Weiß, Braun und Schwarz. Die dreifarbigen Kätzchen sind Glückskätzchen, weißt du. Freust du dich nicht, dass wir jetzt ein Glückskätzchen haben?“ „Ja, Mutter. Wie es die Pfoten hebt. Komm, Mutter, setz es zu mir aufs Bett!“ „Schau, Kind, jetzt sitzt das Kätzlein bei dir auf dem Bett. Jetzt streichle ich mit deiner Hand darüber. Fühlst du, wie weich es ist?“ „Ja, richtig weich und warm! – Mutter, Mutter, da an der Decke.“ „Was ist an der Decke?“ „Fledermäuse, so groß wie Raben, viele, viele!“ „Fürchte dich nicht, Kind! Die Mutter weiß schon das rechte Zauberwort. Mutantur! Mutantur! Jetzt sind aus den Fledermäusen wunderschöne Paradiesvögel geworden, mit langen, bunten Federn.“ „Mutter, sind wir jetzt im Paradies?“ „Ja, Kind, jetzt sind wir im Paradies, und ich führe dich bei der Hand und will dir alles zeigen. Wie grün und samten die Wiese ist, über die wir gehen! Alle Bäume sind über und über weiß und rosa von Blüten. Große, schöne Schmetterlinge setzen sich uns auf den Arm. Ein Hase macht vor uns sein Männchen, und Rehe und Gazellen kommen gesprungen. Im Paradies, weißt du, gibt es keine Furcht. Und alles, was schön ist, gibt es im Paradies. Wenn wir fliegen wollen, brauchen wir es nur dem Schwan dort im Teich zu sagen. Dann nimmt er uns auf seinen Rücken und trägt uns zu einem Berg, der ist ein einziger leuchtender Rubin. Und wenn…“ „Mutter, Mutter!“ „Ja!“ „Du darfst nie – nie – nie – meine – Hand – loslassen!“ „Nein, Kind, nie, nie!“ „Mutter!“ „Kind! – Um Gottes willen, was ist? – Hörst du mich noch? – Kind! Kind! – Nun bist du ins Paradies gegangen. Warum hast du mich zurückgelassen bei den Wölfen und Fledermäusen?“

Josef Guggenmos

SOS-Kinderdorf Jahresbuch, 1996

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