Archiv der Kategorie: Tod

Leb wohl, lieber Dachs

 

Der Dachs war verlässlich, zuverlässig und immer hilfsbereit. Er war auch schon sehr alt, und er wusste fast alles. Der Dachs war so alt, dass er wusste, er würde bald sterben.

Der Dachs fürchtete sich nicht vor dem Tod. Sterben bedeutete nur, dass er seinen Körper zurückließ. Und da sein Körper nicht mehr so wollte wie in früheren Tagen, machte es dem Dachs nicht allzu viel aus, ihn zurückzulassen. Seine einzige Sorge war, wie seine Freunde seinen Tod aufnehmen würden. Er hatte sie schon vorbereitet und ihnen gesagt, irgendeinmal würde er durch den Langen Tunnel gehen. Er hoffe, sie würden nicht zu traurig sein, wenn seine Zeit gekommen war. Weiterlesen

Julia bei den Lebenslichtern

kerz„Oma?“
Leise öffnet Julia die Tür zu Omas Zimmer. Es ist schon Mittag und Oma liegt noch immer im Bett. Nicht einmal die Vorhänge hat zur Seite gezogen. Auf Zehenspitzen geht Julia ins Zimmer. Sie sieht, dass Omas Augen geschlossen sind. Ihr Kopf ist ein wenig zur Seite gerutscht, als hätte sie sich den Hals verrenkt. Noch nie hat Oma im Bett gelegen und geschlafen, wenn Julia von der Schule nach Hause gekommen ist!
„Oma, warum sagst du nichts?“ Weiterlesen

Oma lebt weiter – Max Bolliger

„Erkennst du sie?“ fragt der Vater.

Judith betrachtet ein Kind nach dem andern.

„Das muss Oma sein, da, in der zweiten Reihe.“

„Ja“, sagt die Mutter. „Das ist Oma. Das Mädchen mit den beiden dicken Haarzöpfen, auf die sie als Kind so stolz war.“

„Wie alt ist dieses Klassenfoto?“ fragt Judith. Weiterlesen

Die Heilige Nacht – Selma Lagerlöf

Die Heilige Nacht

Selma Lagerlöf

Als ich fünf Jahre alt war, hatte ich einen großen Kummer. Ich weiß kaum, ob ich seitdem einen größeren gehabt habe. Das war, als meine Großmutter starb. Bis dahin hatte sie jeden Tag auf dem Ecksofa in ihrer Stube gesessen und Märchen erzählt. Ich weiß es nicht anders, als dass Großmutter dasaß und erzählte, vom Morgen bis zum Abend, und wir Kinder saßen still neben ihr und hörten zu. Das war ein herrliches Leben. Es gab keine Kinder, denen es so gut ging wie uns.

Ich erinnere mich nicht an sehr viel von meiner Großmutter. Ich erinnere mich, dass sie schönes, kreideweißes Haar hatte und dass sie sehr gebückt ging und dass sie immer dasaß und an einem Strumpf strickte. Weiterlesen

Erikas Geschichte

Erikas Geschichte

Fünfzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, im Jahr 1995, also, begegnete mir die Frau aus dieser Geschichte. Mein Mann und ich saßen in Rothenburg ob der Tauber auf einer Bank und sahen zu, wie Einsatzkräfte zerbrochene Ziegel entfernten, die vom Rathausdach heruntergefallen waren. Ein schwerer Sturm war in der Nacht zuvor durch diese wunderschöne mittelalterliche Kleinstadt gefegt und hatte überall seine Spuren hinterlassen. Ein älterer Ladenbesitzer, der in der Nähe stand, erzählte uns, dass der Sturm ebenso große Verwüstungen verursacht habe wie der letzte alliierte Luftangriff während des Krieges. Weiterlesen

Opa ist woanders – Evelyne Stein-Fischer

»Komm«, sagt die Mama, »wir fahren den Opa besuchen«. Aber es ist nicht wie sonst.

Herbert braucht keinen Fußball mitzunehmen, weil der Opa nicht mit ihm spielen wird. Er braucht auch nicht seinen Pyjama einzupacken, weil er nicht bei ihm übernachten wird. Herbert braucht nur seine Gedanken mitzunehmen, alle, die er hat, wenn er an den Opa denkt. Weiterlesen

Jakob nimmt sich etwas vor

Susi kommt mit verweinten Augen in die Schule.

„Was ist los?” fragt Jakob.

„Mein Meerschweinchen ist gestorben”, sagt Susi. „Mein Sebastian mit dem schwarzen Fleck auf der Nase.”

„Oje”, sagt Jakob. „Und jetzt bist du traurig.”

Susi nickt.

„Kannst du deine Eltern nicht bitten, dass sie dir ein neues kaufen?” fragt Max. Weiterlesen

Pia sieht »grau«

Pia sieht »grau«

Es regnet schon wieder. Wie so oft hockt Pia am Fenster und starrt auf die nasse Stadtlandschaft hinunter. Nichts als Häuser und Straßen! Pia sieht nur grau, und sie fühlt sich auch so. Grau und düster und allein. Zu nichts hat sie Lust. Lachen kann sie schon lange nicht mehr. Seit Papa zu seiner Freundin gezogen ist. Das ist schlimm gewesen. Mutti hat nur noch dagesessen, gegrübelt und geweint. Auch Pia hat immer wieder gefragt: »Warum hat Papa das getan?«

»Wir müssen weg von hier«, hat Mutti eines Tages gesagt. »Weit weg. Zum Vergessen! Und ich muss wieder arbeiten gehen. Dann habe ich keine Zeit mehr zum Grübeln!«

So sind Pia und Mutti in die Stadt gezogen. Mutti hat Arbeit bei einer Zeitung gefunden und arbeitet sehr hart. Zum Grübeln und Weinen ist sie nun zu müde, wenn sie abends zu Pia in die kleine Hochhauswohnung kommt. Sie ist aber auch zu müde, um sich mit Pia zu unterhalten, mit ihr zu spielen oder etwas zu unternehmen. Weiterlesen

Die neue Sklaverei – Kevin Bales

Kevin Bales: Die neue Sklaverei.
München: Verlag Antje Kunsmann, 2001
(Auszüge)

Die neue Sklaverei

Im Sommer wird das ländliche Frankreich seinem Ruf vollauf gerecht. In einem kleinen, etwa hundertfünfzig Kilometer von Paris entfernten Dorf sitzen wir im Freien; die leichte Brise weht den Duft nach Äpfeln aus dem Obstgarten nebenan zu uns herüber. Ich bin hierher aufs Land gefahren, um mich mit Seba zu treffen, einer erst vor kurzem befreiten Sklavin: eine hübsche, lebhafte Zweiundzwanzigjährige. Doch als sie mir ihre Geschichte erzählt, zieht sie sich immer mehr in sich zurück, raucht hektisch, zittert unkontrollierbar. Und dann kommen die Tränen.

Ich wurde in Mali von meiner Großmutter aufgezogen. Als ich noch ein kleines Mädchen war, ist eine Frau gekommen, die meine Familie gekannt hat, und hat sie gefragt, ob sie mich mit nach Paris nehmen kann, damit ich mich dort um ihre Kinder kümmere. Sie hat meiner Großmutter erzählt, dass sie mich auf eine Schule schicken und dass ich Französisch lernen würde. Aber als ich nach Paris gekommen bin, hat sie mich nicht in die Schule geschickt. Den ganzen Tag über habe ich arbeiten müssen. In dem Haus, das ihnen gehört hat, habe ich die ganze Arbeit gemacht; ich habe geputzt, gekocht, mich um die Kinder gekümmert und das Baby gebadet und gefüttert. Jeden Tag habe ich schon vor 7 Uhr morgens angefangen; ungefähr um 11 Uhr abends war ich fertig; einen freien Tag habe ich nie gehabt. Meine Herrin hat gar nichts getan; sie hat lange geschlafen, und dann hat sie ferngesehen oder ist ausgegangen. Weiterlesen

Balkanische Zeit

Balkanische Zeit

Wieder schießen die Redner ins Kraut
die schönen Sprüche in Uniform und Zylinder
feiern Auferstehung im Namen der Freiheit
Porzellanglocken bimmeln zum heiteren Sterben
an Särgen ist kein Mangel Weiterlesen

Der Krieg und sein Bruder – Irmela Wendt

Der Krieg und sein Bruder

Als der Krieg bereits
ein hohes Alter
erreicht hatte —

es gab ihn
schon immer,
sagten die Leute —

wurde den Mächtigen in der Welt
angst,
es könne eines Tages
aus sein mit ihm.

Sie kamen zusammen,
Freund wie Feind, Weiterlesen

Der Mutter Hand – Josef Guggenmos

Der Mutter Hand

Wie schmal diese Knabenhand noch war, wie leicht in einer Frauenhand zu bergen. Noch war es die Hand eines Kindes, ihres Kindes, noch war es ein Teil von ihr. Und schon rangen kalte, erbarmungslose Finger mit ihr um diesen süßen Besitz.

„Wenn kein Wunder geschieht…“, hatte der Arzt achselzuckend gesagt und war gegangen. Die Augen der Mutter glitten von dem erschöpften, röchelnden Knabengesicht in den Kissen zu den Dingen ringsum, als musste sie diese stummen Zeugen um Beistand anrufen in ihrem einsamen Ringen.

Auf dem Bildkalender beim Fenster leuchtete eine farbige Fotografie: ein Eskimo mit goldbraunem Gesicht saß in seinem Schlitten; Rentiere mit klugen Augen waren vorgespannt, und die Polarhunde zur Seite schienen von einer Gesundheit, die kein Tod je einholen würde. Weiterlesen

Hubert und der Apfelbaum

Hubert und der Apfelbaum

Am Rande einer kleinen Stadt lebte einst ein Mann. Hubert war sein Name. Hubert war ein freundlicher Mann mit gutmütigen Augen und einer winzigen Brille auf der Nase. Seine braunen Locken sahen aus wie das Fell eines Schafes. Er bewohnte ein altes, windschiefes Haus, das sich ängstlich, beinahe verschämt hinter einem hübschen Garten versteckte. Darin stand auf einer farbigen Blumenwiese ein Apfelbaum.

Jeden Morgen beim Aufstehen freute sich Hubert über die Schönheit seines Baumes. Abends, wenn er von der Arbeit zurückkehrte, saß er stundenlang am Fenster und beobachtete die Vögel in der Baumkrone.

Nun müssen wir wissen, dass es überhaupt nicht langweilig ist, Bäume zu beobachten. Manche von ihnen sind nämlich richtige Verwandlungskünstler. Weiterlesen