Ein hartes Leben

Ein hartes Leben

Wolfgang L. war zehn, als in der Schule eines Tages bemerkt wurde, dass er gehbehindert ist. Am 13. Oktober 1940 ist er geboren. Es war also kurz nach dem Krieg, als diese merkwürdige Entdeckung gemacht wurde. Er konnte sich nicht vorstellen, wie es ist, wenn man behindert ist. Es gab so wenige. Nur manchmal sah er einen jungen Mann, in Decken verpackt, in seinem Behindertenstuhl irgendwo im Schatten sitzen und kleine Bilder malen.

Später erfuhr Wolfgang L., dass dieser Behinderte während des Krieges versteckt gehalten wurde. Deshalb hatte man ihn nicht vergast. Er hieß Josef Steinle. Aber wenn die Leute von ihm redeten, dann sagten sie nur: „Das Josefle“.

Die Erziehung von Wolfgang L. war von klein auf sehr streng. Sein Vater war Mitglied im Kirchenstiftungsrat. Am Sonntag mussten die Kinder zweimal zur Kirche. Morgens in die Messe und abends in die Andacht. Mit zwölf wurde er eigensinnig. Er ging eines Tages nicht in die Andacht. Er verkroch sich in seinem Schlafzimmer. Er wollte einen Roman von Gangho lesen. Sein Vater fand ihn dort. Es gab einen dramatischen Auftritt. Sein Vater war früher leidenschaftlich Laienschauspieler. Er liebte solche Szenen und steigerte sich immer mehr hinein. Er sprühte temperamentvoll sein Talent. Ganz fürchterlich rollten seine Augen. Zum Schluss flog der Roman von Ganghofer durch das Fenster, und seine Blätter flatterten in der Luft. Sein Vater schrie: „Du bist zu jung für Ganghofer!“ Er ahnte nicht, dass just zu jener Zeit der kleine Wolfgang heimlich die Erinnerungen des Casanova las.

Die Füße von Wolfgang L. verformten sich. Die Leute sagten: „Sie verkrüppeln.“ Erfolglos reiste Wolfgang L. von Arzt zu Arzt. Ein Professor sagte: „Hier ist die Wissenschaft zu Ende!“ Ein Arzt wollte ihn von der Schulpflicht befreien. Er sagte: „Der Junge hat ja ohnehin nicht mehr lange zu leben.“ Die Eltern von Wolfgang L. lehnten das entschieden ab.

In der Schule wurde Wolfgang fast nie von den anderen Kindern verlacht oder verspottet oder gehänselt. Nichts. Er wurde sogar zum Vertrauensschüler der Klasse gewählt.

Mit dreizehn hatte er die erste Freundin. Es war ein Mädchen aus dem katholischen Waisenhaus St. Anna. Wir sagten dazu nur: „Die Annapflege.“ Sie hieß Bärbel. Wegen seiner verkrüppelten Füße hatte er unförmige, klobige orthopädische Stiefel an. Wolfgang war deshalb plump und unbeholfen. Bärbel bemerkte das anscheinend nie. Wolfgang hatte entdeckt, wann die Mädchen ohne Beaufsichtigung durch die Nonnen in der Stadt waren. Einmal im Monat gingen die Mädchen unbeaufsichtigt auf dem kürzesten Weg von der Annapflege in die Kirche, um zu beichten. Zurück kamen sie in kurzen Abständen einzeln. Das war für Wolfgang die Gelegenheit, die Bärbel zu sehen und die wortlose Freundschaft zu erneuern.

Mit vierzehn Jahren wurde Wolfgang L. zweimal im Kreiskrankenhaus in Wangen operiert. Die Ärzte glaubten, die Folgen einer Kinderlähmung zu beseitigen. Beidseitig wurden Klumpfußoperationen gemacht und die Achillessehne verlängert. Nach den beiden Operationen konnte Wolfgang wieder einigermaßen gehen. Sein Schulfreund Jim hatte sich das Mädchen Erika aus der Annapflege angelacht. Erika war mutiger als Bärbel. Sie teilte es Jim mit, als sie nach Isny entlassen wurde. Ihre Eltern wohnten in Isny hinter dem Gasthof „Zum Bären“. Auf dem Fahrrad nahm Jim den Wolfgang mit. Bis Isny sind es 17 km. Sie pfiffen der Erika.

Derweil telefonierten Nachbarn von der Erika mit den Nonnen der Annapflege, verpfiffen den Jim und den Wolfgang. Der Vater von Wolfgang L. erwartete in Leutkirch mit hochrotem Kopf sein frühreifes Früchtchen. Natürlich hatten die Nonnen unverzüglich beim Mitglied des Kirchenstiftungsrates angerufen und eine geziemende Bestrafung des Sohnes erwirkt. Wolfgang lernt so, es ist böse und wird empfindlich bestraft, wenn man den Mädchen nachrennt.

Nach der Volksschule besuchte Wolfgang L. eine einjährige, private Handelsschule. Im Schreibmaschinenschreiben und im Steno zeigten sich merkwürdige Schwierigkeiten. Er war nicht so fix in der Handhabung. Er war ungeschickt, ungezielt und langsam. Gleichgewichtsstörungen traten auf. Beim Gehen begann er zu schwanken und wurde unsicher. Bald brauchte er die ganze Breite des Gehweges, weil er nicht mehr gezielt geradeaus gehen konnte. Niemand konnte sagen, was das war. Eine Nachbarin sagte: „Es ist schlimm mit dem L, der kann zu jeder Zeit aus der Stadt kommen, immer ist er vollauf betrunken!“ Wolfgang trank keinen Tropfen Alkohol.

Winfried Leuprecht

SOS-Kinderdorf Jahrbuch 1996

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s