Archiv der Kategorie: Geschichte

Lesevorschlag – eBücher

Eine kleine Auswahl an eBüchern zum Herunterladen

 

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Der Aufsatz

aufsZum Geburtstag bekam Pedro einen Fußball geschenkt. Pedro maulte, weil er einen aus weißem und schwarzem Leder wollte, so einen wie die, mit denen die richtigen Fußballer spielten. Dieser aus Plastik war ja viel zu leicht.

»Wenn man mit dem ein Tor köpfen will, fliegt er gleich ganz weg. Das ist ja eher ein Vogel als ein Ball.«

»Umso besser«, sagte sein Vater. »Dann kriegst du wenigstens kein Kopfbrummen.«

Und er legte einen Finger auf die Lippen und bedeutete Pedro still zu sein, damit er Radio hören könne.

Im letzten Monat, seit die Straßen voller Soldaten waren, hatte Pedro bemerkt, dass sein Vater sich abends in seinen Lieblingssessel vors Radio setzte, die Antenne aus dem grünen Apparat zog und aufmerksam Nachrichten hörte, die von weit her kamen. Manchmal kamen auch Freunde, die sich auf den Boden hockten, wie die Schlote rauchten und ihre Ohren aufsperrten. Weiterlesen

Der grüne Omnibus

Anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens
an die Opfer des Holocaust

Der grüne Omnibus

Theo Stemmler

Die Tage wurden kürzer, und obwohl die Mittagstemperaturen in jenem warmen September 1944 manchmal noch 25 Grad erreichten, gingen die Leute aus Waldau nicht mehr zum Dorfweiher, um dort zu baden. Die Erwachsenen brachten die Ernte ein, die Kinder gingen vormittags zur Schule und waren nachmittags mit Hausaufgaben beschäftigt — oder mit dem Einkaufen von Dingen, die ihnen ihre Mütter auf Zetteln notiert hatten.

Karl nahm sich für den Heimweg vom Fleischer viel Zeit. Er genoß die Freiheit vor dem erneuten Beginn der häuslichen Verwahrung. Trotzig ließ er das Einkaufsnetz, in dem ein Pfund Schweineleber schwappte, über die staubige Straße schleifen, verscheuchte einige Hühner, die ihm in die Quere kamen, und trat mit seinen genagelten Schuhen nach jedem erreichbaren Stein, dass Funken sprühten.

Gelegentlich blieb er stehen und wartete eine Weile, bis sich genügend Speichel in seinem Mund gesammelt hatte. Dann nahm er breitbeinig Aufstellung und ließ den schaumigen Riesentropfen in den Staub fallen. Der beim Aufschlag entstehende Knall bestätigte ihm zu seiner Freude immer wieder das Verbotswidrige seines Tuns. Spucken gehört sich nicht, und nimm gefälligst die Hand aus der Hosentasche. Weiterlesen

The Cats in Krasinski Square

The Cats in Krasinski Square

The cats come from the cracks in the Wall, the dark corners, the openings in the rubble.
They know I can offer only a gentle hand, a tender voice.
They have no choice but to come.
They belonged once to someone.
They slept on sofa cushions and ate from crystal dishes.
They purred, furrowing the chests, nuzzling the chins of their beloveds.
Now they have no one to kiss their velvet heads. I whisper, “I have no food to spare.”
The cats don’t care.
I can keep my fistful of bread, my watery soup, my potato, so much more than my friend Michal gets behind the Wall of the Ghetto.
The cats don’t need me feeding them.
They get by nicely on mice. Weiterlesen

Christmas in the trenches

Christmas in the trenches

The only thing separating the two armies on that cold December night in 1914 was a barren stretch of muddy ground called No Man’s Land. It was in this setting that the miracle began.

A faint sound of singing cut through the frosty air.

Stille Nacht, heilige Nacht…

Then other voices joined in.

Silent night, holy night.

For a brief time the enemies stopped fighting and behaved as friends. As many as 100,000 soldiers are assumed to have participated in what became known as the unofficial Christmas Truce.

It was a grand human moment. Weiterlesen

Erikas Geschichte

Erikas Geschichte

Fünfzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, im Jahr 1995, also, begegnete mir die Frau aus dieser Geschichte. Mein Mann und ich saßen in Rothenburg ob der Tauber auf einer Bank und sahen zu, wie Einsatzkräfte zerbrochene Ziegel entfernten, die vom Rathausdach heruntergefallen waren. Ein schwerer Sturm war in der Nacht zuvor durch diese wunderschöne mittelalterliche Kleinstadt gefegt und hatte überall seine Spuren hinterlassen. Ein älterer Ladenbesitzer, der in der Nähe stand, erzählte uns, dass der Sturm ebenso große Verwüstungen verursacht habe wie der letzte alliierte Luftangriff während des Krieges.

Als der Mann in seinen Laden zurückging, stellte sich die neben uns sitzende Dame vor. Sie hieß Erika und wollte wissen, ob wir auf Riesen seien.

Als ich ihr erzählte, dass wir zwei Wochen in Jerusalem verbracht hatten, sagte sie mir, sehnsuchtsvoller Stimme, dass sie immer einmal nach Jerusalem habe fahren wollen. Doch die Reise habe sie sich nie leisten können.

Mir fiel auf, dass sie an einer Halskette einen Davidsstern trug, und deshalb erwähnte ich, dass wir nach unserem Aufenthalt in Israel durch Österreich gefahren waren und das Konzentrationslager Mauthausen besucht hatten. Erika erwiderte, sie sei nur bis zum Tor von Dachau gekommen, habe es aber nicht über sich gebracht, dort einzutreten.

Dann erzählte sie mir ihre Geschichte…

Zwischen 1933 und 1945 wurden sechs Millionen Angehörige meines Volkes ermordet. Viele wurden erschossen. Viele wurden verhungern gelassen. Viele wurden verbannt oder vergast.

Ich nicht.

Ich wurde irgendwann während des Jahres 1944 geboren.

Ich kenne meinen Geburtsnamen nicht.

Ich weiß nicht, in welcher Stadt oder in welchem Land ich geboren wurde. Weiterlesen

Die neuen Herrscher der Welt – Jean Ziegler

Jean Ziegler: Die neuen Herrscher der Welt.
München: Goldmann Verlag, 2005
Auszüge

Die neuen Herrscher der Welt

Eine Ökonomie des Archipels

In den zehn Jahren seit 1990 hat sich die Welt abrupt verändert. Es geschah mit der Unvorhersehbarkeit eines Erdbebens, das die Experten erwarten, ohne doch im Voraus seine Stärke, seine Begleitumstände oder den Zeitpunkt seines Auftretens zu kennen. Das 20. Jahrhundert, dieses Jahrhundert des Völkerbunds und der Vereinten Nationen, wurde durch eine Unzahl von Kriegen verunstaltet: zwei schreckliche Weltkriege, in denen die Nationalstaaten miteinander um die Vorherrschaft und die Eroberung von Märkten rangen; eine größere Zahl von Konflikten zwischen den Gebietern der Kolonial- und Postkolonialreiche einerseits und den Kombattanten der nationalen Befreiungsbewegungen andererseits; dazu totalitäre Weltanschauungen, grauenhafte Völkermorde und blutige innerethnische Konflikte.

Gleichzeitig war das abgelaufene Jahrhundert beseelt vom Atem der Schöpfung; es gab naturwissenschaftliche Entdeckungen, demokratische und soziale Fortschritte, Friedensinitiativen und die Weiterentwicklung der Menschenrechte. Gewiss, die globalen Utopien, die es aufbauen wollte, sind letztlich gescheitert. Aber der Kolonialismus wurde besiegt, und die Diskriminierungen nach Maßgabe von »Rasse« und »Volk« sind in Misskredit geraten, weil sie jeder biologischen Grundlage entbehren. Weiterlesen