Der Esel

Der Esel PDF

img825Auf dem Weg zur Erde flog der kleine Engel zuerst durch die Wolken. Am Anfang war es noch warm und hell, doch dann wurde es immer kälter und dunkler.

»Hei!«, posaunte der Wind. »Tanz Walzer mit mir!«

Er wartete die Antwort gar nicht erst ab, sondern packte und wirbelte ihn umher wie ein welkes Herbstblatt. Hatschi wurde es schwindelig.

Erschöpft torkelte er durch die Luft, und weil er noch nie vorher auf der Erde gewesen war, landete er ziemlich unsanft. Das Landen mit so kleinen Engelsflügelchen will nämlich gelernt sein.

Zuerst blieb er an einem dornigen Zweig hängen, zerriss sich die neue Hose und verlor drei Federn. Dann plumpste er auf den Boden und holte sich ein paar blaue Flecke.

»Aua!«, schrie er erschrocken und sah sich um. Eine flache kahle Ebene erblickte er, gelbes Gras, ein paar Dornbüsche und weit hinten die Berge.

»Du bist aber ein komisches Vögelchen!«, japste jemand hinter ihm. Es war ein kleiner grauer Esel.

»Ich bin kein Vogel!«, rief Hatschi entrüstet. »Ich bin ein Engel und komme von da.« Er deutete nach oben.

»Oh, von einem Stern!« Der Esel betrachtete ihn neugierig.

»Nein, nein«, erklärte ihm Hatschi. »Nicht von einem Stern. Direkt vom Himmel.«

»Aha!«, murmelte der Esel verständnislos. »Aber was suchst du hier auf der Erde?«

»Ich überbringe Einladungen zum Geburtstagsfest des Christkinds«, sagte Hatschi. »Würdest du gerne kommen?«

»Würden tu ich schon, aber trauen tu ich mich nicht«, antwortete der Esel.

»Und warum nicht?«

»Weil ich so hässlich bin.«

»Hässlich!«, rief der kleine Engel entsetzt.»Wie kommst du denn darauf?«

»Sieh doch mal die schönen Pferde an«, erklärte der Esel. »Sie sind weiß oder schwarz, rot oder braun oder gescheckt, haben kleine hübsche Ohren, und ihre Mähnen und Schweife flattern im Wind. Ich dagegen habe ein graues Fell, hässliche lange Ohren, meine Mähne besteht aus kurzen Borsten und an meinem Schwanzende befinden sich auch nur ein paar Haare. So wage ich mich nicht unter die Augen des Christkinds.«

»Hör zu!«, sagte da der kleine Engel zum Esel. »Dazu kann ich dir eine Geschichte erzählen. Sie steht in unserem Engel-Lesebuch.«

Und er begann: »Damals, als der liebe Gott die Tiere erschuf, ging er sehr verschwenderisch mit seinen Zutaten um. Er verteilte Tatzen, Hufe, Klauen, Nasen, Rüssel, Schnäbel, Mauler, Flügel, Flossen und tauchte immer wieder den Pinsel in seine Farbtöpfe, um Felle, Schuppen und Federn bunt anzumalen. Aber gerade, als er den Esel erschaffen wollte, entdeckte er, dass er sehr unvorsichtig mit seinen Vorräten umgegangen war. Weil er nur noch kurze Haare hatte, bekam der Esel anstatt eines langen Schweifes nur eine kleine Quaste und eine dünne, stehende Mähne. >Damit kannst du nicht an den Dornen hängen bleiben<, tröstete ihn der liebe Gott. Und weil er nur noch große lange Ohren hatte, sagte er: >Mit ihnen kannst du besser hören.< Auch die schönen Stimmen waren ihm ausgegangen. >Ein mächtiger Schrei wird deine Feinde einschüchtern.< Die meisten Farben waren ebenfalls schon aufgebraucht. Nur ein bisschen Schwarz und Weiß war noch da. Er mischte es und malte den Esel grau an. Dann tauchte er seinen Finger in den schwarzen Farbtopf und zeichnete dem Esel ein Kreuz auf den Rücken. >Das ist mein Zeichen<, sagte er. >Und mit ihm erhältst du viele gute Eigenschaften: Schlauheit, Kraft, Geduld, Fleiß, Ausdauer und Genügsamkeit.< Und als der Esel fertig war, gefiel er dem lieben Gott am allerbesten von allen seinen Tieren.«

»Ist das wirklich wahr?«, fragte der Esel den kleinen Engel.

»Würde es sonst in unserem großen Engel-Lesebuch stehen, wenn es nicht wahr wäre?«

Darauf schwieg der Esel nachdenklich.

»Also kommst du nun zu unserem Fest?«, drängte ihn der kleine Engel.

»Ich kann nicht. Ich habe kein Geburtstagsgeschenk«, sagte der Esel traurig.

Während er angestrengt überlegte, ging über der weiten Steppe die Sonne unter. Hatschi fror. Er dachte mit Sehnsucht an den warmen Himmel und das lustige Geflatter der Engel von Wolke zu Wolke. Das Laufen in den neuen Schuhen kam ihm schrecklich mühsam vor.

»Wenn ich das Christkind wäre«, seufzte er, »dann würde ich mich sehr freuen, wenn ich auf dir reiten dürfte.«

»Das ist gut!«, rief der Esel fröhlich. »Ich schenke dem Christkind, dass es auf mir reiten darf, wann immer es Lust dazu hat.« Und vor Freude machte er einen Luftsprung.

»Und damit ich nicht zu spät komme, gehe ich gleich mit dir.«

Da bestieg der kleine Engel den Rücken des Esels und ritt mit ihm in die Welt.

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