Pfoten hoch

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Billys Papa ist ein berühmter Gangster. Aber er macht sich Sorgen um seinen Sohn.
»Ich frage mich, ob du später auch mal ein guter Gangster wirst, Billy. Du bist mir nicht böse genug.«
»Glaubst du?«, fragt Billy.
»Ich fürchte es. Du bist mir zu nett. Na gut. Wir werden einen Versuch machen. Man kann ja nie wissen.«

5Aus der Kommode holt Billys Papa einen alten Revolver, einen Gürtel, eine Maske und einen Hut. »Hier. Probier die mal an.«
Billy gehorcht.
»Sehr gut«, sagt sein Papa. »Und jetzt komm mit mir raus. Ich werde dir deine erste Banditenstunde geben. Die ist sehr wichtig.«
»Um Bandit zu werden«, erklärt Billys Papa, »musst du als Erstes lernen, deine Waffe auf jemanden zu richten und Pfoten hoch! zu sagen, und zwar so wie ein ganz harter Kerl. So wie ich, guck mal: Pfoten hoch!«
»Ja, Papa.«
»Es kommt darauf an, dass man Angst vor dir bekommt. Üb das erst mal. Der Revolver ist auch nicht geladen.«
»An wem soll ich denn üben?«, fragt Billy.
»An wem du willst«, sagt sein Papa, »aber hüte dich vor dem Fuchs.«

Billy macht sich auf den Weg, er hat ziemlichen Bammel.
Pfoten hoch … hm. Hoffentlich bringt mir das keinen Ärger ein.
Ich werde ganz vorsichtig sein und mit einem ganz kleinen Tier anfangen… Ach, guck an, da drüben ist ein Regenwurm. Mit einem Regenwurm müsste es klappen.

Billy schleicht sich an den Wurm heran und richtet seine Waffe auf ihn.
»Pfoten hoch!«, sagt er so ernst wie möglich.5
»Ich hab gar keine Pfoten«, sagt der Regenwurm verlegen.
»Ja, das stimmt natürlich«, sagt Billy. »Aber das ist nicht schlimm. Es ist sowieso nur eine Übung.«
Billy zieht weiter. Da sieht er eine Maus.
Ein Mädchen, sagt er sich, das wird einfach.

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»Pfoten hoch!«, sagt Billy.
»He!«, schreckt die Maus zusammen. »Mach nicht so ein Theater!«
»Pfoten hoch!«, wiederholt Billy.
»Ja ja, ich hab‘s gehört. Welche Pfoten soll ich denn hochheben? Die Vorderpfoten oder die Hinterpfoten?«
»Äh… wie du willst«, sagt Billy. »Hauptsache, du nimmst überhaupt ʽne Pfote hoch.«
»Ach ja? Dann hebe ich eine Vorderpfote und eine Hinterpfote«, sagt die Maus.
»So. Ist das gut so?«
»Sehr gut«, sagt Billy.
»Oder beide Hinterpfoten, wenn dir das lieber ist.«
Billy muss sich zusammenreißen, um nicht loszuprusten. Diese Maus ist lustig.
»Danke, das ist sehr gut«, sagt Billy und steckt seine Waffe weg.
»Ist das alles?«, fragt die Maus.
»Ja, das war sowieso nur ʽne Übung. Der Revolver ist nicht mal geladen. Aber jetzt muss ich mal an jemand Größerem üben.«
»Das will ich sehen!«, sagt die Maus. »Ich komme mit. Ich heiße übrigens Josefine. Und du?«
»Ich heiße Billy.«
»Und ich Hans-Peter«, sagt der Regenwurm.

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In diesem Augenblick sieht Billy einen Hasen auf sie zurennen. So ein Hase ist ziemlich groß, aber ungefährlich. Der kommt gerade recht!
Billy stellt sich mitten auf den Weg. »Pfoten hoch!«
Aber der Hase flitzt blitzschnell vorbei.
»O nein«, sagt Billy enttäuscht. »Der hat noch nicht mal angehalten!«
»Vielleicht versteht er kein Deutsch«, sagt Josefine.

»Doch klar, der versteht Deutsch!«, sagt Hans-Peter. »Den kenne ich, das ist Didi.«
Plötzlich wird Hans-Peter kreidebleich.
»Kein Wunder, dass der nicht anhält, guckt mal, wer da kommt!«
»Mein Gott, der Fuchs!«, schreit Josefine.
»Schnell, verstecken wir uns!«, sagt Billy.
Zu spät! Der Fuchs hat sie gesehen.
»Haha, drei kleine Dickerchen hinter einem Busch! Na, das gefällt mir doch besonders gut!«
Der Fuchs schnappt sich Hans-Peter, der wie verrückt zu schreien anfängt.
Da baut Billy sich vor ihm auf.
Er richtet seinen Revolver auf den Fuchs und stößt mit furchtbarer, eiskalter Stimme zwischen den Zähnen hervor:
»Pfoten hoch!«

5Der Fuchs erstarrt. Er hebt seine Pfoten zum Himmel.
»War doch nur Spaß«, stammelt er, »tu mir nichts…«
»Lass sofort Hans-Peter los«, befiehlt Billy noch einmal mit einer Stimme, die Bäume zum Zittern bringt.
»Und jetzt hau ab. Lass dich hier nicht mehr blicken!«
Der Fuchs nimmt die Beine in die Hand.
»Wahnsinn, wie du dem Angst gemacht hast!«, ruft Josefine.
»Guck mal, wie der rennt!«
»Billy, du bist mein Held«, sagt Hans-Peter ehrfürchtig.
Da kommt auch schon Didi herbeigesprungen.
Er kann es kaum fassen, dass so ein kleiner Hamster den Fuchs verjagt hat.

Als Billy nach Hause kommt, wartet vor der Tür schon sein Papa auf ihn.
»Na, wie ist die Übung gelaufen?«
»Sehr gut!«, strahlt Billy. »Ich hab lauter neue Freunde gefunden.«
Billys Papa seufzt.
»Aber du solltest die Tiere doch erschrecken und dich nicht mit ihnen anfreunden! Genau so was hatte ich befürchtet. Du taugst einfach nicht zum Banditen!«
»Aber er hat den Fuchs in die Flucht geschlagen!«, sagt Hans-Peter.
»Und uns das Leben gerettet!«
Billys Papa sieht seinen Sohn verblüfft an.
»Den Fuchs? Wie hast du denn das gemacht?«
»Er hat seinen leeren Revolver auf ihn gerichtet und gesagt: Pfoten hoch!«, erklärt Josefine.
»Na, so was!« Billys Papa kann es kaum glauben.
»Und jetzt möchten wir gerne ein paar Schokonüsse essen«, sagt Billy.
Billys Papa strahlt vor Stolz.
»Dieser alte Gauner von Fuchs – verjagt von meinem super Sohnemann! Billy, du bist zwar nicht böse genug, um Bandit zu werden, aber du könntest ein guter Fuchsjäger sein.«
»Dazu müsste der Fuchs erst mal wiederkommen«, sagt Didi.
»Ich glaube, der traut sich das nie mehr«, sagt Josefine.
»Daf ift klar», sagt Hans-Peter mit vollem Mund. »Daf wirp keim befomderf amftrengemder Beruf.«

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2 Antworten zu Pfoten hoch

  1. Isabella Vogl schreibt:

    Die Geschichte „Pfoten hoch“ gefällt mir ausnehmend gut. Sie ist sehr gut geschrieben, lustig und pädagogisch wertvoll! Gratulation der Autorin! (PS: Ich bekomme bereits die Geschichten als Mail zugeschickt.)

  2. Diese Geschichte ist wunderbar. Sie hat in meinem Unterricht den Schülern viel Spaß gemacht. Wir haben mehrere Aufgaben mit ihr erarbeiten können. Vielen Dank!

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