Eine Sommernacht im Zelt

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Mama telefoniert mal wieder eine halbe Ewigkeit.
Als sie endlich ins Wohnzimmer kommt, sagt sie: „Tante Petra und Onkel Norbert möchten am Samstag nach München ins Theater. Sie würden Sophia und Maxi vorher zu uns bringen und am Sonntag wieder abholen – wenn wir einverstanden sind.“
„Natürlich sind wir einverstanden!“, rufen Lisa und Lukas sofort.
„Ich habe auch nichts dagegen“, sagt Papa. „Obwohl es bestimmt etwas anstrengend wird…“

Am Samstag hält kurz nach halb sechs ein Auto vor dem Haus.
„Sie kommen!“, rufen Lisa und Lukas und laufen hinaus.
Nach einer kurzen Begrüßung verschwinden die Kinder im Garten.
Sophia fragt neugierig:
„Wo schlafen wir heute Nacht?!“
„Ihr müsst bei uns im Zimmer auf dem Fußboden schlafen“ stichelt Lukas.
Maxi tippt sich an die Stirn.
„Wir sind die Gäste! Und Gäste dürfen immer im Bett schlafen. Ihr müsst auf dem Boden schlafen!“
„Auf dem Boden schlafen ist viel schöner als im Bett“, meint Lisa. „Wir können uns ein Lager aus Matratzen machen.“
„Au ja!“, ruft Maxi. „Wir bauen uns eine richtige Schlafhöhle!“

Die vier reden sich die Köpfe heiß. Dabei fällt auch das Wort „Zelt“.
Und schnell sind sich alle einig: Sie wollen im Zelt übernachten.
Die Eltern sind von der Idee nicht gerade begeistert.
Aber die Kinder lassen nicht locker, bis Papa das Zelt aus dem Abstellraum holt.

Im Garten stellt sich Lukas zwischen Kirsch- und Apfelbaum.
„Hier soll das Zelt stehen!“
Die anderen sind einverstanden.
Sie machen sich sofort an die Arbeit. Papa und Mama schleppen die Säcke herbei, in denen alles verstaut ist.

Sie breiten die Zeltplane auf dem Rasen aus, die Kinder legen die Stangen daneben. Dabei pikst Lukas seinen Papa mit dem spitzen Teil in den Po. „Au!“, ruft er und hopst hoch. „Willst du mich aufspießen?“
Alle lachen.
„Entschuldigung“, sagt Lukas, „war keine Absicht.“
Papa guckt ihn an, als sei er da nicht so sicher.
„Leg lieber die Heringe bereit“, sagt er, „mit denen kannst du niemanden aufspießen.“
Mit vereinten Kräften stellen sie das Zelt auf.
Zum Schluss spannt Papa die Leinen und will es besonders gut machen.
„Nicht so fest!“, sagt Mama.
„Die Leinen müssen straff sein“, meint Papa, „sonst…“
Mitten im Satz stürzt das Zelt über Papa zusammen und begräbt ihn.
Einen Moment rührt sich nichts.
„Papa!“, ruft Lisa erschrocken. „Papa, wo bist du?“
„Dreimal darfst du raten“, grummelt er und krabbelt unter dem Zelt hervor.
Die Kinder kichern.
„Steht hier nicht herum und kichert“, sagt Papa. „Das Ganze gleich noch mal! Und diesmal soll Mama die Leinen spannen.“
Beim zweiten Versuch klappts, das Zelt steht.
Nach dem Abendessen holen die Kinder Luftmatratzen, Kissen und Decken.
Dann noch ihre Kuscheltiere und ein paar Spiele.
Und natürlich eine Taschenlampe, denn es dämmert schon.
Mama und Papa schauen noch mal, ob alles in Ordnung ist.
„Alles klar“, sagt Lukas und zieht den Reißverschluss am Zelteingang zu.
Dann will er zu seinem Platz.
„Au, mein Bein!“, ruft Sophia.
Lukas stolpert und fällt über Maxi.
„Bisschen eng hier, was?“, sagt Lukas. „Aber schön gemütlich.“
„Bisschen sehr gemütlich“, meint Maxi und schiebt Lukas von sich weg.

Es dauert ziemlich lange, bis alle vier richtig liegen.
„Ich bin noch gar nicht müde“, sagt Lisa.
„Meinst du ich?“, fragt Maxi.
„Dann erzähle ich euch noch eine Gutenachtgeschichte“, schlägt Lukas vor und legt sofort los:
„Es war einmal ein Junge, der ging jeden Abend um acht ins Bett. Seine Eltern freuten sich, dass sie einen so braven Sohn hatten…“
„Das ist ja langweilig“, meckert Maxi.
„Warte nur“, sagt Lukas und erzählt weiter:
„Jede Nacht wachte der Junge auf, und zwar immer kurz vor zwölf. Dann wurde er ganz zappelig. Er spürte, wie seine Eckzähne größer und größer wurden. Und Flügel wuchsen ihm auch. Er stieg aus dem Bett und flog zum Fenster hinaus. Sobald er bei einem Haus ein offenes Fenster sah, flog er hinein. Dann suchte er nach dem Kinderzimmer, denn er trank am liebsten das Blut von kleinen Mädchen.“
Mit diesen Worten wirft sich Lukas auf Sophia und beißt sie in den Hals.
„Hilfe!“, kreischt Sophia.
„Ich bin ein Vampir und brauche Mädchenblut“, krächzt Lukas.
„Du spinnst wohl!“, ruft Sophia und stößt Lukas weg.
Er plumpst genau vor Maxis Nase.
„He, pass auf, sonst beiße ich dich in den Hintern, dass du meinst, ich sei Dracula persönlich!“
„Dann lasse ich eine Stinkbombe los, die dich umhaut!“
„Ich liege ja schon, du Spinner!“
Während sie noch herumblödeln, sagt Lisa plötzlich:
„Seid mal still, ich hör was!“
Draußen raschelt es.
Die Kinder horchen – und hören Schritte!
„Da ist jemand“, flüstert Lukas.
„Vielleicht ein Vampir“, flüstert Maxi.
„Du bist…“
„Pssst!“, zischt Lisa.
Sie lauschen wieder nach draußen. Die Schritte kommen näher.
Jetzt steht der Jemand genau vor dem Zelt.
Er knipst eine Taschenlampe an und macht sich am Zelteingang zu schaffen.
Die Kinder atmen kaum noch.
Plötzlich wird der Reißverschluss hochgezogen.
Der Lichtschein huscht über die erstarrten Gesichter.

S

„Ich bins“, sagt Papa.
Die Kinder können vor lauter Schreck noch gar nicht reden.
„Tut mir leid, wenn ich euch erschreckt habe“, entschuldigt sich Papa.
„Aber ich habe vorhin jemanden um Hilfe rufen hören. Da wollte ich nachsehen, ob alles in Ordnung ist.“
„Ja, alles okay“, sagt Lisa, die als Erste einen Ton herausbringt.
„Und ihr wollt immer noch im Zelt schlafen?“, fragt Papa.
„Ja!“, rufen alle.
Papa brummt etwas vor sich hin und zieht den Reißverschluss zu.
„Sollen wir etwas spielen?“, fragt Lisa.
Weil niemand eine bessere Idee hat, spielen sie „Mensch ärgere dich nicht“.
Lukas legt die Taschenlampe so hin, dass das Spielfeld beleuchtet wird.
Bald stehen die ersten Kegel auf dem Feld und werden von den Mitspielern gejagt.
Obwohl das Spiel „Mensch ärgere dich nicht“ heißt, ärgert sich vor allem Maxi furchtbar, wenn einer seiner Kegel hinausfliegt.
Mitten im spannendsten Spiel beginnt draußen ein Höllenkrach.
Die Kinder starren mit großen Augen und offenen Mündern ins Dunkle.
Sie hören wildes Fauchen, Gurren, Zischen und Jaulen.
„Was ist das?“, flüstert Sophia.
„Ich … ich glaube“, beginnt Lisa, „das … das sind Katzen, die miteinander kämpfen.“
Lukas nickt. „Genau“, flüstert er, „aber so laut hob ich das noch nie gehört.“ Dann ist auf einmal wieder Ruhe.
„Mann, das war, als hätten Löwen miteinander gekämpft“, murmelt Lukas.
„Löwen gibts doch nur in Afrika“, brummt Maxi.
„Zum Glück“, sagt Sophia, „sonst würde ich nicht im Zelt schlafen.“

„  “

Mama und Papa schleichen auf leisen Sohlen in den Garten. Vor dem Zelt bleiben sie stehen und lauschen.
„Sie scheinen noch zu schlafen“, flüstert Mama.
Papa zieht den Reißverschluss hoch und schaut ins Zelt.
Eng aneinander gekuschelt liegen die vier auf den Matratzen.
„Weck sie nicht auf“, flüstert Mama, „wahrscheinlich haben sie heute Nacht nicht viel geschlafen.“
In diesem Augenblick dreht Lukas sich um und stößt dabei Maxi den Ellbogen in die Seite. „He, pass doch auf!“
„’tschuldigung“, nuschelt Lukas.
„Was ist denn?“, grummelt Lisa ins Kissen.
„Morgen ist es“, sagt Papa. „Ein Sonntagmorgen wie aus dem Bilderbuch.“
„Deswegen frühstücken wir heute hier draußen im Garten“, ergänzt Mama.
Lukas ist sofort hellwach. „Super, ich habe Hunger.“
„Und ich erst“, sagt Maxi.
Die Eltern stellen den Klapptisch und die Campingstühle auf. Dann tragen sie alles heraus, was zu einem leckeren Frühstück gehört.

Inzwischen stehen die Kinder auf und gehen nacheinander ins Bad.
„Das ist wie im Urlaub“, stellt Sophia fest, als alle am Tisch sitzen.
Während des Frühstücks fragt Mama:
„Wie war denn die Nacht im Zelt?“
Sofort erzählen die Kinder, was alles passiert ist.
„Habt ihr da keine Angst gehabt?“, möchte Mama wissen.
„Nööö“, ruft Lukas.
„Na ja…“, sagt Lisa.
„Ein bisschen schon“, gibt Maxi zu.
„Und ihr seid trotzdem nicht ins Haus gekommen.“
Papa nickt anerkennend.
„Ich weiß nicht, ob ich mich das in eurem Alter getraut hätte.“
Sophia, Maxi, Lisa und Lukas grinsen sich an.
Nach so einem Lob schmeckt das Frühstück schließlich gleich noch mal so gut!

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