Als Oma seltsam wurde

Eines Tages, ganz plötzlich, wurde meine Oma seltsam und geizig. Ich war sechs Jahre alt, und manchmal passte sie tagsüber auf mich auf. Sie wohnte in einem Dorf vor der Stadt. Es war Donnerstag und ich wartete. Ich ging im Garten herum und herum.

Bald würde das Bäckerauto kommen und hupen. Oma würde ein rundes Brot kaufen und Kekse. Ich durfte mir jedes Mal einen eigenen Keks aussuchen. So war es immer.

Ich wartete und wartete. Und zwischendurch schoss ich mit meinem Flitzebogen, den ich aus einem Kleiderbügel und einem Gummiband gebaut hatte.

Dann endlich hörte ich das Bäckerauto kommen. Es hupte.

Ich lief rein zu Oma. Sie saß in der Küche und schlief.

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»Das Bäckerauto kommt!«, rief ich. »Beeil dich.«

Sie sah mich verwirrt an.

»Wer bist du?«, fragte sie.

»Ich«, sagte ich.

Sie nickte abwesend.

»Aha«, sagte sie. »Und was kommt gerade?«

»Das Bäckerauto!«

Ich merkte, dass sie mich nicht verstand.

Sie sah mich genau an.

»Sag mal, wer bist du eigentlich?«, fragte sie. »Hast du keine Eltern?«

Sie wusste nicht, wer ich war! Und sie wusste nicht, was das Bäckerauto war. Dabei war das doch das Wichtigste am ganzen Donnerstag. Schon morgens, wenn ich zu ihr kam, redete sie vom Bäckerauto. Das war das Einzige, was donnerstags passierte, und das Einzige, wovon sie sprach.

Das Bäckerauto hupte noch mal.

»Na, da muss ich wohl mal rausgehen und schauen, was für ein Verrückter da rumhupt.«

Ich ging hinter ihr her, mit meinem Flitzebogen. Es tat in der Brust weh, dass sie mich nicht erkannte.

Sie ging auch irgendwie anders. Ihr großer Rock flatterte um ihre Beine. Sie stampfte an mir vorbei und hätte mich fast in der Tür eingeklemmt. Es war so, als würde sie mich nicht sehen. Plötzlich war meine Oma seltsam geworden.

Obwohl, plötzlich … eigentlich war sie schon seit ein paar Tagen ein bisschen komisch.

Morgens, wenn ich zu ihr kam, lasen wir immer Geschichten. Gerade lasen wir ein dickes Buch, das handelte von einem mutigen Affen, der Abenteuer erleben wollte.

Am Dienstag hatten wir das erste Kapitel gelesen.

Am Mittwoch sollte es weitergehen, aber Oma sagte, dass wir das erste Kapitel noch nicht gelesen hätten.

Am Donnerstag lasen wir das erste Kapitel noch mal.

Jetzt kannte ich es auswendig.

Und ich erfuhr nicht, welche Abenteuer der Affe erlebte.

Den Rest des Tages suchte Oma Sachen. Alte Zettel, die Butter, Fotos von früher, Kekse, das Telefon.

Ich spielte mit meinem Flitzebogen.

Der Bäcker wollte gerade wieder fahren, aber als Oma kam, bremste er.

»Was soll das?«, schimpfte Oma. »So rumzuhupen. Die Kühe erschrecken sich ja!«

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»Brot … ich wollte Brot verkaufen, wie immer.«

»Soso. Und was kostet das?«

»Normalerweise kaufen Sie immer dieses Brot, Frau Nilsson«, sagte der Bäcker und nahm ein rundes Brot aus dem Wagen.

»Und Kekse, einen Keks für mich«, sagte ich. »Normalerweise. Hast du versprochen.«

Sie guckte auf den Preis. »Viel zu teuer«, sagte sie entschieden. »Das kann ich mir absolut nicht leisten.«

Oma ging zurück ins Haus. Ich huschte an ihr vorbei und sie knallte die Tür hinter sich zu. Einen Moment blieb sie stehen und hielt sich am Türrahmen fest, als würde sie gleich ohnmächtig werden.

Jetzt schaute sie mich genau an.

»Bist du mein Kind?«, fragte sie. »John?«

»Nein, du bist doch meine Oma.«

Ich sagte das ein paar Mal, aber irgendwie hörte sie mich nicht.

»John!«, wiederholte sie. »Jetzt musst du mir helfen. Ich glaube, die wollen mich reinlegen. Die wollen an mein Geld.«

Sie zog den Mantel an und setzte den Hut auf. Sie suchte die Handtasche und den Einkaufsbeutel, und dabei wäre sie mir fast auf den Fuß getreten. »John, jetzt kommst du mit!«

Ich tat, was sie sagte, obwohl es mir im Herz weh tat, als sie meinen Namen nicht wusste.

Wir gingen die Landstraße runter ins Dorf.

»Ich glaube, die kümmern sich nicht gut um mein Geld«, sagte sie. »Ich glaube, die wollen mich reinlegen.«

Wir gingen auf die Bank. Vor dem Schalter war eine kleine Schlange, aber Oma drängelte sich vor. Sie schnaufte aufgebracht und schwitzte.

»Mein Geld! Ich will, dass Sie mein ganzes Geld da hinlegen, damit ich es sehen kann!«

Der Mann am Schalter machte ein überraschtes Gesicht. Er lächelte unsicher. »Aber Frau Nilsson, wir haben Ihr Geld doch nicht auf einem eigenen Haufen. Das liegt mit all dem anderen Geld zusammen im Tresor.«

»Ich wusste es!«, sagte Oma zu mir. Sie schnaufte noch heftiger und musste sich festhalten, um nicht umzukippen.

»Wenn das so ist, will ich mein ganzes Geld abheben. Alles! Sofort!«

Der Mann am Schalter sah in seine Unterlagen.

»Aber Frau Nilsson, so viel Geld können Sie nicht mitnehmen. Es ist gefährlich, alleine so viel Geld herumzutragen.«

»Ich habe meinen John dabei. Der hilft mir.«

Der Mann am Schalter stand auf und sah mich zweifelnd an. Die Kunden guckten mich an. Sie blinzelten schwer und neugierig wie Kühe. Ich lächelte ein bisschen verlegen und hielt meinen Flitzebogen hoch. Es war peinlich, John genannt zu werden. Es wussten ja alle, dass ich nicht ihr Sohn war.

Aber sie kriegte das Geld, den ganzen Einkaufsbeutel voll.

Und wenn jetzt Diebe kämen, um alles mitzunehmen?

Ich hatte nur noch zwei Pfeile. Drei Stück hatte ich gemacht. Einen hatte ich ins Dornengebüsch geschossen, der war weg. Blieben noch zwei.

Ich ging voraus, mit gespanntem Bogen. Ich ging auf Zehenspitzen und sagte Oma, dass sie ganz leise sein sollte.

Es kamen keine Diebe und keine Räuber. Ich atmete auf, als wir zu Hause in Omas Küche ankamen. Aber jetzt musste sie das Geld verstecken. Einen Stapel legte sie unter das Tischtuch in der Küche. Der beulte das Tischtuch aus, und die Vase, die sie draufstellte, stand schief.

»Du hast ja jede Menge Geld«, sagte ich.

»Die Bank kriegt das nicht, da ist das doch sofort weg. Jetzt wo ich alt bin, brauche ich jeden Groschen.«

Sie legte einen weiteren Stapel unters Radio, aber ich konnte die Scheine noch gut sehen.

Dann stopfte sie ein paar Stapel in den Nachttopf, der unter dem Bett stand.

»Aber wenn du das vergisst! Wenn du Pipi machen musst und…«

Oma sank aufs Bett, seufzte und hielt sich die Ohren zu.

»Ich vergesse ja alles«, sagte sie. »Aber mein Geld muss ich verstecken. Ich hab’s! Du musst dich an alle Stellen erinnern, John, denn du hast ein gutes Gedächtnis.«

Sie versteckte Geldbündel zwischen dem Brennholz neben dem Herd, etwas kam ins Nähkästchen, sie steckte Scheine in die Schuhe, die im Flur standen, und einen Stapel hinter den Sekretär. Sie murmelte vor sich hin.

»Man darf keinem trauen. Aber John kann ich trauen, denn der ist klein und nett. Der bestiehlt mich nicht …«

Ein bisschen versteckte sie in der Speisekammer und viel in der Keksdose, die war ja leer.

Sie hatte furchtbar viele Geldscheine.

Und ich sollte mich an alle Verstecke erinnern. Ich war doch erst sechs!

Unterm Radio, im Nachttopf, zwischen dem Brennholz, in den Schuhen, hinterm Sekretär, in der Speisekammer und in der Keksdose. Bestimmt hatte ich jetzt schon eins vergessen!

Den Rest stopfte sie unters Kissen. Dann legte sie sich ins Bett. Sie schlief sofort ein. Mit Hut und Mantel.

»Oma.«

Ich versuchte sie zu wecken, aber sie schnarchte nur.

Und wenn jetzt eine Nachbarin käme, um Butter zu leihen? Dann würde sie das Geld in der Speisekammer finden. Oder wenn jemand käme, um Brennholz reinzutragen. Oder wenn jemand den Nachttopf leer machen wollte. Ich hatte doch keine Ahnung, was alles passieren könnte.

Ich schaute vorsichtig aus dem Fenster, ob vielleicht gerade irgendjemand zu Besuch kommen wollte. Nein, niemand zu sehen.

Gut, jetzt würde ich ihr Geld bewachen, und zwar richtig!

Erstmal ging ich mit dem Flitzebogen rum. Kontrollieren, ob das ganze Geld noch da war, wo es sein sollte. Ich legte das Gesangbuch vors Radio, damit man die Scheine nicht sehen konnte.

Der Kater lag auf dem Fensterbrett und schlief. Ich trug ihn nach draußen und legte ihn auf die Erde. Er stand auf und ging beleidigt weg. Aber was sollte ich tun? Wenn er plötzlich auf die Idee gekommen wäre, seine Krallen am Brennholz zu schärfen, und dabei die ganzen Scheine hervorgekratzt hätte…

Es gab so viele Gefahren.

Dann nahm ich die Bündel aus dem Nachttopf. Da konnte leicht ein Unglück passieren. Aber wo sollte ich sie stattdessen verstecken? Oma hatte ja schon alle guten Stellen gefunden. Ich stopfte mir das Geld in die Hosentaschen. Es passte nicht ganz und die Scheine guckten raus.

Ich ging raus und suchte nach einem Versteck.

Unter einem Stein? Nein, da würden sie nass werden.

In einer kleinen Tüte in der Erde? Nein, da würde vielleicht ein Hund kommen und sie wieder ausgraben.

Unter ein Huhn ins Nest? Das Huhn lag ja da und passte auf.

Ach nein, denn irgendwann würden die Küken schlüpfen und alle würden abhauen. Keine zuverlässigen Aufpasser!

Das Geld musste in den Hosentaschen bleiben. Ich ging mit dem Flitzebogen in der Hand ums Haus herum.

Wenn jetzt bloß kein Besuch kam, um Omas Geld zu stehlen.

Ich stellte mich vor die Tür, wie ein Soldat auf Wache.

Ich stand furchtbar lange da. Und noch länger.

Dann ging ich rein zu Oma.

Der Hut war ihr über die Nase gerutscht.

Sie murmelte im Schlaf.

»Nein, nein, nein«, war das Einzige, was ich verstehen konnte.

Ich ging wieder raus und passte auf.

Aber ich konnte mich ja nicht um alles kümmern.

Ihr Haus bewachen und auf das ganze Geld aufpassen. Den ganzen langen Tag. Das schaffte ich nicht.

Oma sollte nicht mehr seltsam sein.

Da hörte ich ein Auto kommen. Ich versteckte mich schnell hinter einem Busch. Mein Herz klopfte wie bei einem kleinen Vogel. Das Auto hielt an. Zwei Männer stiegen aus.

Der eine klopfte an Omas Haustür. Er trug einen dunklen Anzug.

Ich schlich mich näher heran. Gleich würde ich ihm einen Pfeil in den Hintern schießen.

Der Pfeil prallte an dem dunklen Stoff ab. Der Mann drehte sich um.

»Ich suche Frau Nilsson«, sagte er.

Es war der Mann vom Schalter, aus der Bank.

»Hände hoch«, sagte ich und legte den letzten Pfeil auf.

Er nahm die Hände hoch und starrte auf die Scheine, die aus meinen Hosentaschen hervorschauten.

»Ich habe auch mit dem Herrn Doktor gesprochen«, sagte er.

Der dicke Mann war der Herr Doktor. Er hatte auch die Hände hochgenommen.

»Ich werde mal reingehen und nach ihr schauen«, sagte er.

»Vielleicht braucht sie Medizin. Ihr könnt draußen warten.«

Ich und der Mann vom Schalter warteten furchtbar lange.

Zum Schluss hielt ich es nicht mehr aus und schlich ins Haus.

Oma lag auf dem Bett und schaute an die Decke. Den Hut hielt sie in der Hand. Der Doktor saß auf ihrer Bettkante.

»Ein Infekt. Da kann man leicht verwirrt werden. Aber etwas Penizillin bringt die Sache wieder in Ordnung. Es fängt bestimmt bald an zu wirken …«

Der Doktor stand auf und machte sich auf den Weg.

Oma sah mich an und blinzelte. »Da bist du ja!«, sagte sie. »Ich hab mich schon gefragt, wo du dich rumtreibst.«

Jetzt musste ich sie fragen. »Wer bin ich? Wie heiße ich?«

»Na, ich werde doch wohl noch wissen, wie mein eigener Enkel heißt, kleiner Dummkopf!«

Sie war nicht mehr seltsam! Sie war nicht seltsam!

»Dann können wir ja das Buch lesen«, sagte ich. »Das zweite Kapitel. Wo drinsteht, was der mutige Affe erlebt hat.«

Sie verstand nicht, was ich meinte.

»Jetzt essen wir erstmal ein Brot und einen Keks«, sagte sie.

»Kekse sind keine da«, sagte ich. »Es ist doch was passiert.«

Sie sah mich an. Sie war genau wie immer, aber sie hatte alles vergessen, was passiert war, als sie seltsam und geizig war.

»Da ist was Hartes unterm Kissen«, sagte sie plötzlich. »Nein, so was, da liegt ja jede Menge Geld!«

Ich holte die Geldscheine aus meinen Hosentaschen und gab sie ihr. Ich erzählte ihr, was passiert war.

»O weh, o weh, o weh, wie sollen wir das alles wieder in Ordnung bringen?«

Ich zog sie mit nach draußen zum Mann vom Schalter. Er stand da und wartete. Als er mich kommen sah, hob er schnell die Hände hoch.

»Frau Nilsson. Wenn sie möchten, können Sie Ihr ganzes Geld in ein Schließfach legen. Dafür kriegen Sie einen eigenen Schlüssel. Dann können Sie jederzeit vorbeikommen und danach schauen.«

Wir stopften das Geld zurück in den Einkaufsbeutel.

Oma hatte keine Ahnung, wo die Verstecke waren. Aber ich wusste es.

Unterm Radio, zwischen dem Brennholz neben dem Herd, im Nähkästchen, in den Schuhen im Flur, ein Stapel hinterm Sekretär, ein bisschen in der Speisekammer. Ach so, richtig, unter der Tischdecke. Und natürlich das, was unterm Kissen gelegen hatte, und das aus meinen Hosentaschen.

Jetzt hatten wir alles beisammen.

Wir durften mit dem Auto zur Bank fahren.

Ich saß auf dem Rücksitz, den Einkaufsbeutel neben mir.

»Auf dem Rückweg gehen wir beim Bäcker vorbei und kaufen Brot«, sagte Oma. »Und ganz viele Kekse, damit die Keksdose wieder voll wird. So was Verrücktes ….«

Ich bewachte Omas Geld.

Der Bogen lag schussbereit auf meinem Schoß.

Einen Pfeil hatte ich noch.

Ulf Nilsson: Als Oma seltsam wurde.
Frankfurt, M.: Moritz-Verl., 2008

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