Karolins Schutzengel

»Karolin, kommst du? Wir wollen jetzt los!« Karolin hörte, wie ihre Eltern sich unten im Flur die Mäntel anzogen.

»Ich hab keine Lust«, maulte sie leise und schaute aus dem Fenster. Draußen nieselte es. Trotz der Festbeleuchtung wirkten die Straßen trist und düster. »Tolles Weihnachtswetter!«, murmelte sie vor sich hin. »Genau richtig für einen Besuch auf dem Weihnachtsmarkt.«

»Karolin…!«, rief ihr Vater, diesmal etwas lauter. »Was ist bloß in letzter Zeit mit dem Kind los. In fünf Tagen ist Weihnachten, da war sie doch sonst immer so aufgeregt.«

Karolin seufzte. Bisher hatte sie die Vorweihnachtszeit ja auch immer sehr schön gefunden, doch in diesem Jahr war alles anders. Es war das erste Jahr ohne Opa. Karolin fühlte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. O nein, bloß nicht wieder heulen, dachte sie und schluckte den dicken Kloß hinunter, der ihr plötzlich im Hals steckte.

»Karolin, wo bleibst du denn?« Ihre Eltern wurden langsam ungeduldig.

»Ja, ja!» Hastig wischte sich Karolin mit dem Handrücken über die Augen. »Ich komme gleich!«

Als Opa noch lebte, war ihr das Wetter immer egal gewesen. Gemeinsam waren sie auch im Winter durch die umliegenden Wälder gestreift, hatten Tiere beobachtet und so manches Abenteuer erlebt. Opa war ihr bester Freund gewesen. Auf ihn hatte sie sich immer verlassen können. Ach Opa! Karolin fühlte, wie sich nun doch eine verräterische Träne ihre Wange hinunterschlich.

»Karolin, wir wollen endlich los!« Erschrocken fuhr sie herum. Ihre Mutter stand direkt hinter ihr. Karolin hatte sie gar nicht kommen hören. »Kind, du weinst ja.« Sanft nahm sie Karolin in den Arm. »Er fehlt dir, nicht wahr?«

»Ist schon okay, ich komm jetzt runter.« Karolin schälte sich aus der Umarmung und sprang eilig die Treppe hinunter. Unten durchwühlte ihr Vater gerade seinen Aktenkoffer. »Hast du vielleicht die Autoschlüssel gesehen?«, fragte er, doch Karolin antwortete nicht. Missmutig nahm sie ihre Steppjacke vom Haken und zog ihre schwarzen Stiefel an. Jetzt noch den grauen Boa-Schal und die silberne Pailettentasche – fertig!

»An die Mode werde ich mich wohl nie gewöhnen«, sagte ihr Vater mit einem Seitenblick auf Karolins Outfit. »Oh, jetzt hab ich ihn.« Schmunzelnd fischte er den Autoschlüssel aus dem Schirmstän­der. »Da kann ich ja lange suchen.«

»Jetzt aber los, sonst verpassen wir noch das Bläserkonzert auf dem Domplatz.« Karolins Mutter hatte schon die Türklinke in der Hand. Ein Bläserkonzert! Karolin rollte mit den Augen. Das hatte ihr gerade noch gefehlt.

In der Innenstadt schoben sich die Menschen dicht gedrängt durch die weihnachtlich geschmückten Einkaufsstraßen. Karolin und ihre Eltern ließen sich einfach von der Menge bis zum Weihnachtsmarkt mitschieben. Hier warteten schon viele Besucher auf den Beginn des Konzertes. Karolin schüttelte den Kopf. »Ich schau mich lieber ein wenig um«, sagte sie in der Hoffnung, dass während des Konzertes auf dem Markt nicht so viel los war.

»Gut, sei aber in einer Stunde wieder hier und bleib auf dem Markt.«

Typisch Mama, machte sich mal wieder viel zu viele Sorgen. »Mit elf bin ich doch kein Baby mehr.« Karolin seufzte und stapfte los. Zwischen den Buden war es tatsächlich etwas leerer, Es gab viele Stände mit Punsch und Bratwurst, mit Kerzen und Schmuck. Auch ein altmodisches Kinderkarussell, ein Tannenbaum-Verkäufer und ein Weihnachtsmann waren da.

Die verkleideten Männer sind doch wirklich nur was für Kinder, dachte Karolin lustlos und ging weiter. Plötzlich tauchte vor ihr zwischen den Köpfen der Marktbesucher etwas Vertrautes auf. Die Mütze! Das war doch…?! Karolin schlug das Herz bis zum Hals. Da! Da war sie schon wieder. Eine dunkelblaue Schiffermütze und diesmal konnte Karolin auch die dazugehörige Jacke erkennen. Eine dunkelgrüne Jacke mit blauer Kapuze. Opa!, schoss es ihr durch den Kopf. Und obwohl sie wusste, dass es gar nicht sein konnte, beschleunigte sie ihre Schritte.

Doch kaum hatte sie etwas aufgeholt, da drängte sich eine Frau mit einem Kinderwagen vor ihr in den Gang. Karolin hastete an ihr vorbei. Dabei rempelte sie versehentlich den Kinderwagen an. Das Baby begann zu schreien. »Kannst du nicht aufpassen«, schimpfte die Frau und sah ihr böse nach. Karolin murmelte eine Entschuldigung, hielt aber nicht an. Sie hatte nur Augen für die blaue Schiffermütze, doch die war plötzlich verschwunden.

Ratlos blieb Karolin stehen und blickte sich um. Bitte nicht weggehen, dachte sie verzweifelt. Vor Aufregung wurde ihr ganz heiß. Ihre Wangen glühten.

»Na Kleine, hast wohl zu viel Kinderglühwein getrunken.«

Karolin bemerkte zunächst gar nicht, dass die beiden etwa fünfzehnjährigen Jungen mit ihr sprachen. »He, du hörst wohl schlecht!«

Die beiden Jungen kamen näher. Vorsichtshalber wich Karolin ein paar Schritte zurück. »Echt coole Tasche, die du da umhast. Lass doch mal sehen, wie viel Taschengeld dir deine Mama für uns mitgegeben hat.« Der Größere der beiden Jungen griff nach ihrer Tasche.

»Nein«, schrie Karolin, drehte sich um und rannte los, die Jungen hinterher. Karolin hörte ihre Schritte hinter sich auf dem Asphalt. Sie bog ab, schlüpfte durch eine Lücke zwischen den Buden und lief weiter. Und plötzlich war der Weg zu Ende. Eine Sackgasse! Karolin sah sich ängstlich um, aber es gab keinen Ausweg. Sie saß in der Falle. Schon hatten die Jungen sie eingeholt.

»Pech gehabt, Kleine«, grinste der Größere. »Wenn du hier wieder raus möchtest, wirst du wohl bezahlen müssen.« Karolins Herz raste vor Angst und ihre Hand umklammerte krampfhaft die Pailettentasche.

»Gib schon her oder sollen wir sie uns holen?« Die Jungen kamen langsam näher. Karolin wollte um Hilfe rufen, aber die Angst schnürte ihr die Kehle zu. »Na gut, du hast es nicht anders… He! Was soll das?«

Hinter den Jungen stand ein Mann und hielt sie an den Kapuzen ihrer Jacken fest. Karolin traute ihren Augen nicht – der Mann trug eine Schiffermütze und eine dunkelgrüne Jacke. »Lasst das Mädchen in Ruhe«, hörte sie ihn sagen »sonst könnt ihr was erleben. Habt ihr denn nichts Besseres zu tun als elfjährigen Mädchen das Taschengeld zu stehlen?«

Die beiden Jungen sahen sich entsetzt an. Hastig befreiten sie sich aus dem Griff des Mannes und liefen davon.

Karolin bekam vor Aufregung kaum Luft. Der dunkle Klang der Stimme war ihr seltsam vertraut. »Ist dir auch nichts passiert?«, fragte der Mann besorgt.

»Nein…, alles… okay…«, stammelte sie und versuchte, das Gesicht des Mannes zu erkennen. Doch hier hinter den Buden war es einfach zu dunkel.

»Gut, dann lass uns jetzt lieber zurückgehen.« Der Mann begleitete Karolin zwischen den Buden hindurch. Aber als sie wieder auf dem Markt stand und sich umdrehte, war er verschwunden. Ratlos sah Karolin sich um. Sollte sie ihn suchen? Sie hatte sich doch noch gar nicht richtig bedankt. Und dann fiel ihr etwas auf. Wie hatte der Mann sie überhaupt entdeckt? Und woher wusste er, dass sie elf Jahre alt war?

Der Bläserchor spielte gerade Stille Nacht, heilige Nacht, das Konzert ging dem Ende zu. Karolin überlegte fieberhaft und dann: Ja! Ja, natürlich…! So musste es sein…! Auf einmal war sie sich ganz sicher.

»Fröhliche Weihnachten.« Karolin erschrak. Neben ihr stand der verkleidete Weihnachtsmann und hielt ihr einen mit Süßigkeiten gefüllten Beutel entgegen. »Na, hör mal, du siehst mich ja an, als hättest du gerade ein Gespenst gesehen«, sagte er, als er ihren erschrockenen Blick bemerkte.

«Nein«, entgegnete Karolin langsam und ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht, »ein Gespenst nicht gerade – nur meinen Schutzengel!«

Sabine Streufert

Brita Groiß; Gudrun Likar: Weihnachten ganz Wunderbar: ein literarischer Adventskalender.
Wien: Ueberreuter, 2001

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