Zwei halten zusammen

»Du gehst mir echt auf die Nerven!« schimpft Helmut. »Das hier ist nichts für dich! Das ist nur was für Große!«

Der Rummelplatz ist nichts für fünfjährige Knirpse, selbst wenn sie in der Straße hinter den Schießbuden wohnen, genau dort, wo auch Helmut wohnt.

Aber Marko lässt sich nicht vertreiben. Er stapft hinter dem anderen her. Wenn er stehen bleibt, bleibt auch Marko stehen.

»Was rennst du mir denn andauernd nach?«

»Ich renn‘ dir nicht nach«, behauptet Marko. »Ich geh‘ mit dir. Du gehst nur zu schnell!«

»Ich will nicht, dass du mit mir gehst, verstanden?«

Marko bleibt stehen. Er schiebt seinen kleinen runden Bauch vor, den das Leibchen mit dem kirschengroßen Loch und den vielen Eis- und Marmeladenflecken nur bis zum Nabel bedeckt. Er steckt die Händen tief in die Hosentaschen und verzieht die Mundwinkel nach unten, dabei wirft er Helmut seinen beleidigten Trotz-Blick zu.

Helmut wird weich. »Komm schon her! Meinetwegen!« Er winkt Marko großzügig herbei.

So geht das Spiel.

Helmut, der große Zehnjährige, erlaubt dem kleinen Fünfjährigen, mit ihm zu kommen. Ohne Marko macht der Rummelplatz nur halb so viel Spaß. Aber einer muss schließlich der Anführer sein und bestimmen! Regel ist Regel.

Keiner ist so anhänglich wie Marko.

Keiner kann Helmut so gut zuhören wie er.

Es macht gar nichts aus, dass er vieles noch nicht versteht, die Dinge nicht begreift, von denen Helmut spricht und träumt. Träume, die er so spannend erzählt, als wären sie echt. Aber nur Marko nimmt ihm alles ab.

Nur Marko kann, was keiner kann, selbst wenn dieser Jemand sehr gescheit und erwachsen ist. Er versteht es, sich mit Helmut zu freuen und zu fürchten. Er versteht es, ihn auf seine Art lieb zu haben.

Helmut und Marko haben viel Zeit, sich herumzutreiben, weil sich ohnehin kaum einer um sie kümmert. Nur abends müssen sie zum Essen heim, das ist wichtig, und dass man noch die Farbe ihrer Hose erkennt und sie sich nicht die Köpfe eingeschlagen haben.

Nachmittags auf dem Rummelplatz trotten sie nebeneinander her, schnuppern am Grillgeruch der Würstel, für die sie kein Geld haben, schlecken in Gedanken die Zuckerwatte, die sie sich nicht leisten, weil sie das bisschen Geld lieber für ein Eis ausgeben.

Das Geld hat Helmut.

Es ist wirklich sehr wenig.

Marko hat Dreck und Gummiringe zum Schleuderspielen in den Taschen. Und sein hundertmal gebrauchtes Schnäuztuch, das riesige, das Vater gehört. Zuerst schlendern sie zur Achterbahn, bleiben eine Weile davor stehen. Sie hören zu, wie die kleinen bunten Wagen mit den Leuten um die Kurve schleudern, wieder hinaufjagen, langsamer werden, als würden sie den Berg nicht schaffen.

»Jetzt!« brüllt Marko und hält sich den Bauch mit beiden Händen fest, saugt die Lippen ein, kneift die Augen zusammen. Weil er sich vorstellt, wie er in die Tiefe braust. So bald die Leute vor Angst kreischen, schnappt er nach Helmuts Arm, und Helmut nimmt Marko um die Schultern und hält ihm die Augen zu.

»Vorbei«, sagt er, und nimmt die Hand wieder fort.

So geht das Spiel.

Bei der Go-Kart-Bahn kommt dann Helmut dran.

Regel ist Regel.

Marko strahlt. Sich-fürchten ist schön, wenn Helmut da ist, der ihn beschützt.

Helmut ist einer, der keine Angst hat. Und wenn er doch einmal Angst hat, zeigt er es nicht. Oft legt er sich sogar mit den älteren Jungen vom Rummelplatz an und gewinnt fast jede Rauferei.

Dann ist es gut, wenn der Kleine da ist und zuschaut und aus Leibeskräften »Gib’s ihm!!« brüllt.

Wer sonst sollte Helmut nach dem Kampf auf die Schulter klopfen, wenn nicht der Kleine.

Wer sonst könnte ihm so unbeholfen zärtlich mit dem einzigen sauberen Zipfel des vollgeschnäuzten Taschentuchs über die blutende Nase tupfen.

Helmut befiehlt zwar rau: » Lass das! Ich bin kein Baby.«

Aber Marko sagt: »Ich werd‘ einmal wie du. Genau wie du, der beste Mann und Weitspucker am Platz. Dann lass ich mir auch die Nase putzen!«

Immerhin schafft es Marko schon, aus drei Schritt Entfernung genau auf die Planken der Holzbank vor dem Lachkabinett zu spucken.

Er versucht sogar mit seinen kurzen Beinen Helmuts Gang nachzuahmen. Ein bisschen breit, mit festem Schritt, die Hände in den Hosentaschen, auch wenn die Taschen halb ausgerissen sind und beim Laufen wie kleine Fahnen flattern. Er versucht, sich Helmuts Art zu sprechen anzugewöhnen, mit kleinen Pausen zwischen manchen Worten, die sehr erwachsen klingen.

Aber fluchen kann Marko wie der Große, da steht er ihm um nichts nach.

Und Fußball spielen mit dem viel zu weichen Ball, dem immer ein wenig Luft fehlt, damit er so richtig knallt, kann Marko auch.

Er rennt wie der Teufel hinter dem Leder her, wirft sich ins Tor. Er schreit nicht, wenn er hinfällt. Auch wenn der Boden hart ist. Und die Erde staubt, dass sie in den Augen brennt. Er schreit erst daheim, wenn das Wasser über die Wunde rinnt.

Aber vor Helmut schreit und weint er nie.

Von der Achterbahn ziehen sie meistens weiter zum Autodrom, vorbei an der Riesenschaukel, am Karussell.

»Ich möcht‘ so gern einmal in dem kleinen Flugzeug fliegen, glaubst du, wir bringen einmal so viel Geld zusammen?«

Marko blickt wie immer sehnsüchtig zu den wippenden Holzpferden, zu seinem kreisenden Flugzeug hin, neben dem tintenschwarzen Motorrad.

»Fliegen kannst du«, sagt Helmut. »Mit der Nase auf dem Boden! Komm weiter zur Go-Kart-Bahn!«

»Du nimmst Wagen Nummer vier. Ich den Sechser«, bestimmt Helmut, als sie dort sind.

Sie lehnen an der Rampe und sehen zu, wie andere in ihre Wagen steigen. Aber wenn die Autos starten, denken sie sich hinter das Lenkrad, drücken aufs Gaspedal, schneiden die Kurven, prallen gegen die Leitschiene, verreißen das Lenkrad.

Die Sechs rast durch das Ziel.

»Sieger!!« brüllt Marko für Helmut. Er hat ganz vergessen, dass er selbst auf die Nummer vier gesetzt hat.

Aber Helmut ist immer der Sieger.

So geht das Spiel.

Der Sieger kriegt auch das Eis. Der Verlierer darf dreimal schlecken, von jeder Farbe einmal. Regel ist Regel.

Manchmal gibt es auch eine Wurstsemmel als Preis. Oder Schokolade. Dann bekommt Marko eine ganze Rippe ab, und von der gefüllten Sorte eine halbe.

Dafür schenkt er seinem Freund hin und wieder eine türkische Briefmarke, weil ihm der Großvater einmal im Monat eine Postkarte schickt.

Marko hat dem Großvater sagen lassen, dass er immer eine andere Briefmarke aufkleben soll, weil er für jede gute Marke ein Stück gute Schokolade bekommt.

Aber noch lieber als Schokolade essen würde Marko mit dem kleinen Flugzeug fliegen.

»Nur eine einzige Runde«, bettelt Marko.

Aber sein Freund sagt: »So was gibt’s nicht, das Karussell hat viele Runden! Eine einzige verkaufen die uns nicht!«

»Frag deine Freunde, ob sie uns was borgen. Die vom Parkplatz, die den Autos die freien Parkplätze zeigen!«

»Die rennen sich doch nicht die Beine krumm, damit du Flugzeug fliegen kannst!«

»Warum arbeiten wir nicht auch am Parkplatz ?« fragt Marko.

»Warum? Erstens nehmen die keine Knirpse, die noch Karussell fahren. Zweitens nehmen die gar keinen. Weil sie sonst das Geld auf zu viele aufteilen müssen.«

»Gehen wir trotzdem hin!« beharrt Marko.

»Nein!«

»Ich bin auch dein allerbester Freund!«

»Bist du sowieso«, sagt Helmut. » Wir gehen nicht!«

» Ich lass dich auch immer beim Go-Kart gewinnen! «

»Ich gewinn‘ sowieso, weil du immer >Sieger< für mich brüllst! «

Marko bleibt stehen.

Er streckt seinen kleinen runden Bauch vor, gräbt die Hände in die Hosentaschen, wirft Helmut seinen Trotz-Blick zu.

»Also gut«, sagt Helmut milde. »Komm. Meinetwegen gehen wir!«

»Ich hab‘ dich lieb !« sagt Marko daraufhin. Er streckt sich, bis er Helmuts Hals erreicht und schmatzt ihm einen dicken Kuss auf die Wange!

»Lass das!« wehrt Helmut ab. »Ich bin kein Baby!« Er wischt sich die Nasse von Markos Schmatz mit dem Handrücken fort.

Dann beugt er sich schnell hinab und drückt ihm einen Kuss auf den Kopf, mitten in das kurzgeschnittene Igelhaar.

»Pfui, das sticht aber!« Helmut fasst sich an die Lippen.

»Sticht gut !« sagt Marko und lacht.

Auf dem Parkplatz weisen Ivo und Theo die ankommenden Wagen in die freien Parkplätze ein. Die Kinder, die dort »arbeiten«, sind genauso alt wie Helmut. Sie verdienen sich so ihr Taschengeld, weil ihnen die Autofahrer für das Einweisen in die Parklücken Trinkgeld zustecken.

»Das kann ich auch«, behauptet Marko, der Theo zusieht, wie er einen Wagen herbeiwinkt, vorausläuft und ihn zu dem freien Platz führt.

»Das ist nichts für dich«, sagt Helmut. Er fragt Theo, wo der Dritte ist, der Jojo.

»Jojo hat auf das Vorderrad von einem Mercedes gepinkelt«, sagt Theo. »Gerade wie der Fahrer zurückgekommen ist. Wir haben Jojo aus der Bande geschmissen. Kein Pinkeln, kein Lackabkratzen, kein Luft-aus-den-Ventilen-Lassen! So war’s ausgemacht!«

»Verstanden ?« sagt Helmut zu Marko. »Regel ist Regel! Auch bei denen!«

»Willst du statt Jojo mitmachen ? Einen Dritten könnten wir noch gebrauchen. Aber einen Vierten nicht!« sagt Theo scharf, mit einem abweisenden Blick zu Marko hin.

»Ich mach mit, aber nur, wenn der da bei mir bleibt. Er ist mein Gehilfe!« Er deutet auf Marko, der wie ein kleiner Soldat neben ihm steht, die Schultern zurück, den Bauch rein, den Kopf gerade, mit einem »Ich-bin-schon-groß-Blick« bilde dir nur nicht ein, dass ich so klein bin, wie ich ausseh‘!

»Waaas!?!« schreit Theo. »Hilfe brauchst du? Mehr als zwei Arme braucht hier keiner. Außerdem ist er zu klein. Der rutscht glatt unter die Kühlerhaube von einem VW!«

»Ich pass auf ihn auf!« sagt Helmut. »Der Kleine ist okay!«

Helmut wird auf keinen FalI aufgeben. Er wird Marko noch heute Abend die Überraschung machen, die er sich für ihn ausgedacht hat.

»Babysitter kannst du woanders spielen!« sagt Ivo, der hinzukommt. »Bei uns wird gearbeitet. Einen Vierten brauchen wir nicht, klar ? Kannst wieder abziehen!«

»Alles mit der Ruhe«, sagt Helmut sehr erwachsen. Er greift sich Marko, der nur einen dicken Bauch hat, sonst aber dünn und leicht ist. Er setzt ihn sich auf die Schultern.

»Festhalten!« befiehlt er nach oben. »Wir gelten als ein Mann«, sagt er zu Ivo.

Halbe Sachen zwischen Freunden gibt’s nicht!

»Spielst wohl weißer Riese, was ?« Theo grinst. Ivo tippt sich an die Stirn.

»Wetten, dass man uns beide besser sieht als euch? Dass wir so mehr Trinkgeld kassieren als ihr! Dann fällt am Ende auch für euch mehr ab!«

»Hmm«, brummt Ivo.

»Abgemacht«, sagt Theo. »Aber wenn’s schief geht, bist du samt deinem Hilfszwerg draußen!«

»Ich bin kein Zwerg!« ruft Marko von oben auf Theo hinab. »Ich bin jetzt größer als du!«

Gegen Abend haben Helmut und Marko neun Wagen eingewiesen. Jedes Mal, wenn ein Auto kam, kletterte Marko auf Helmuts Schultern. Helmut dirigierte die Autofahrer in die Parklücken, und Marko beugte sich hinunter und kassierte.

Bevor jeder Junge heim muss, wird abgerechnet. Die eingesammelten Trinkgelder kommen in Theos Schirmkappe. Dort wird das Geld zwischen den dreien aufgeteilt.

Marko rechnet mit: Zwei Eis, eine halbe Wurstsemmel für jeden. Zwei Tafeln Schokolade, eine gefüllt, eine ungefüllt.

Sie sind reich! Vielleicht bleibt auch noch was übrig für…

»Morgen lass ich dich fliegen«, ruft Helmut aus und hebt den Kleinen hoch, wirbelt ihn herum, so dass Marko taumelt, als er wieder auf seinen Beinen steht.

»Meinst du echt fliegen?« fragt Marko seinen Freund, »oder nur so wie eben?«

»Echt!« sagt Helmut. »In deinem Flugzeug.«

»Juhuu!!« schreit Marko und macht einen gewaltigen Luftsprung für einen so kleinen Jungen.

»Dafür lad‘ ich dich auch einmal auf Go-Kart-Fahren ein! Dann brüll‘ ich >Sieger<, und du sitzt wirklich drin!«

»Okay«, sagt Helmut.

So geht das neue Spiel.

»Aber ich komm‘ als erster dran«, sagt Marko.

»Einverstanden«, sagt Helmut.

Bei einem neuen Spiel sind die Regeln eben anders.

Evelyne Stein-Fischer: 13 Geschichten vom Liebhaben.
München: DTV Junior 1989

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