Der Weihnachtsbaum der zu früh dran war

Der Weihnachtsbaum der zu früh dran war

Olli ist Nachtwächter auf einem Bauhof. Olli ist gern Nachtwächter. Seit seine Frau vor zwei Jahren gestorben ist, lebt er allein. Manche alten Freunde fragen ihn: »Ist das nicht langweilig, Olli, die ganze Nacht rumgehen, rumstehen und rumsitzen?«
»Nein«, antwortet Olli dann. »Ich spreche nachts mit dem alten Baukran oder mit dem Lastwagen, der hinten auf dem Hof steht. Die haben viel gesehen und viel erlebt. Da vergehen die Stunden wie im Fluge. Der LKW ist zum Beispiel vor drei Jahren noch in Timbuktu gewesen, das liegt…«
»Hör auf, Olli«, lachen dann die Freunde, »du spinnst mal wieder.«
Nur Elli, das kleine Mädchen, das in der Wohnung unter Olli wohnt, die hört Ollis Nachtgeschichten gern. Sie fragt ihn: »Olli, mit wem hast du letzte Nacht gesprochen?« Dann erzählt er von der Wüstenstadt Timbuktu, von dem großen gelben Fluss in China und von dem schneebedeckten Kilimandscharo mitten in Afrika.
Ende November fragt Elli den Olli wieder: »Olli, mit wem hast du letzte Nacht gesprochen?«
»Mit ’nem Weihnachtsbaum«, sagt Olli.
Diesmal lacht auch Elli. »In vier Wochen ist doch erst Weihnachten«, sagt sie. »Oder steht bei euch der Baum noch vom letzten Jahr?«
»Das ist es ja eben«, antwortet Olli. »Der Baum ist traurig. Er ist vor drei Wochen schon geschlagen worden. Viel zu früh, sagt er. Er kann gar kein richtiger Weihnachtsbaum mehr werden.«
Elli fragt: »Hat er denn keine Lichter?«
»Sicher«, sagt Olli. »Er hat 24 elektrische Kerzen und steht auf der Terrasse vom Chef. Jeden Abend um sechs gehen die Lichter automatisch an und morgens wie von selbst wieder aus.«
»Aber dann leuchtet er doch herrlich, Olli.«
»Das ist es ja eben, Elli. Er will eigentlich noch gar nicht leuchten.«
»Will er nicht? Ist doch schön, wenn die Nacht heller wird.«
Olli sagt: »Der Baum, den ich meine, heißt Picea. Er hat mir erzählt, dass alle seine Geschwister im Wald aufgeregt sind, wenn die Waldarbeiter mit den Sägen kommen. Denn sie wissen es: Wenn an unseren Zweigen die Kerzen brennen, dann feiert die ganze Welt Weihnachten. Es geht in der Adventszeit erst ganz allmählich los. Eine Kerze brennt: Erster Advent. Noch ist die Nacht dunkel, aber ein Fünkchen Hoffnung glimmt schon. Manche, die ein bisschen nachdenken, die merken es: Es ist nicht alles in Finsternis vergraben. Wo ein Licht ist, kann noch mehr Licht wachsen. Zweiter Advent. Zwei Kerzen leuchten heller als eine. Die Hoffnung wächst, die Hoffnung auf das ganz große Licht, das alles überstrahlt. Drei Kerzen am dritten Advent. Ganz langsam breitet sich Freude aus. Das Licht wird eines Tages bestimmt die Dunkelheit vertreiben. Vierter Advent, vier Lichterflammen in der Nacht. Jetzt wissen es alle: Das volle Licht ist ganz nahe, manchmal nur noch Tage, manchmal nur Stunden noch, dann funkelt und blitzt es von allen Zweigen: Endgültig hat das Licht die Nacht besiegt. Weihnachten eben. Der Baum sagte zu mir: Wer so das Licht Flamme um Flamme wachsen sieht, der kann sich richtig auf Weihnachten freuen. Und dann stehen wir Weihnachtsbäume im Zimmer, über und über geschmückt, und der Jubel ist groß: Fröhliche Weihnachten.«
Elli sagt: »Picea meint, und daraus wird nichts, wenn die Menschen ihn zu früh aufstellen?«
»Das ist es ja eben, Elli. Die Menschen, die das tun, die sind zu ungeduldig. Sie wollen nicht warten, bis die Freude wächst. Picea sagt: Freude wächst langsam, genau wie wir Tannen im Wald. Manche, die den Weihnachtsbaum zu früh aufstellen, die wollen sich auch gar nicht auf das große Fest vorbereiten. Sie wissen gar nicht, dass ohne Vorbereitung das Fest nur halb so schön ist. Und den Baum auf der Terrasse vom Chef, den hat’s erwischt. Er hatte sich schon so darauf gefreut, das Weihnachtsfest mit vielen Kerzen hell und schön zu machen, festlich zum Fest geschmückt. Jetzt fühlt er sich ganz belämmert. Wie eine Brautführerin, die vier Wochen zu früh zur Hochzeit ihrer Freundin kommt, sagt er. Oder wie die Elli, wenn sie zum Geburtstag einer Freundin gehen will, ihr schönstes Kleid anzieht, ein Geschenk mitnimmt, fröhlich am Haus der Freundin ankommt, und dann sagt die Freundin: >Elli, ist bei dir ’ne Schraube locker? Ich hab doch erst nächsten Monat Geburtstage Sagt der Baum.«
»Hat der Baum wirklich >Elli< gesagt, Olli?«
»Ich glaube, ja, Elli, aber ich kann ihn ja heute Nacht noch mal fragen.«
»Die Geschichte musst du deinem Chef erzählen, Olli. Vielleicht versteht der dann auch, dass er die Lichter zu früh angesteckt hat.«
»Weißt du, Elli, wenn ich davon anfange, dann lacht der Chef nur und sagt: Der Olli, der spinnt mal wieder!«
»Ich werde ihm einen Brief schreiben, Olli. Vielleicht wirkt das?«
»Prima, Elli, mach das. Weißt du, letzte Woche hat mir der rostige Betonmischer erzählt, vor Jahren hätten auch die Leute einer kleinen Stadt die Weihnachtsbäume zu früh aufgestellt und mit Kerzen geschmückt. Da haben doch tatsächlich alle Kinder in der Stadt Briefe geschrieben. Und was meinst du, da haben die Leute begonnen nachzudenken. Und ein Baum nach dem anderen ist im Advent dunkel geblieben. Nachher, hat der Betonmischer erzählt, da haben sie alle gesagt, sie hätten das Weihnachtsfest schon lange nicht mehr so gut verstanden wie in dem Jahr, in dem sie die Christbäume zur rechten Zeit haben leuchten lassen.«
»Ist der Betonmischer denn selbst in der kleinen Stadt gewesen, Olli?«
»Ich glaube, das hat er gesagt, Elli. Oder war es in einer großen Stadt? Aber mit dem Schreiben, das war doch wirklich ’ne gute Idee, Elli, nicht?«
»War es, Olli. Ich will das morgen mal unserer Lehrerin erzählen. Vielleicht schreibt unsere Klasse auch. Oder die ganze Schule?«
»Oder alle Kinder, Elli. Dann hätte der Baum bei unserem Chef ja vielleicht doch noch eine Chance, ein richtiger Weihnachtsbaum zu werden.«

Willi Fährmann

Willi Fährmann (Hg.): Geschichten machen stark.
Würzburg: Arena Verlag 2202

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