Eine feine Bescherung! – Evelyne Stein-Fischer

Eine feine Bescherung!

Andere Kinder kriegen morgen Geschenke. Ich krieg eine Schwester. Eine winzige, runzlige, stinkende. Als wäre ich den Eltern nicht genug!

Ich hab so ein neugeborenes Baby vor ein paar Monaten bei meiner Tante gesehen. Damals dachte ich mir: Sieht dem Orang-Utan-Baby im Zoo ziemlich ähnlich. Wenn Mama bloß nicht auf die Idee kommt, ein Baby zu produzieren. Bums! War es auch schon so weit. Die Eltern haben es erst mal für sich behalten, das Geheimnis. Als sie’s mir dann gesagt haben, mit Glitzeraugen und Strahlelächeln, war Weihnachten noch weit. Und jetzt entschließt sich diese doofe Irgendwerschwester wahrscheinlich genau morgen auf die Welt zu kommen und Mama liegt im Krankenhaus, weil sie heute Morgen schon dachte, es ist so weit. Der Arzt hat ihr geraten, gleich dazubleiben, sollten Komplikationen auftreten, und weil der Weihnachtsstress zu Hause jetzt nicht gerade das Beste sei. Stress hab ich!

Wer will schon mit zehn so einen schreienden fremden Zwerg in seinem Zimmer? Das ist vielleicht eine feine Bescherung!

Noch dazu hab ich erst letztes Jahr durchgesetzt, dass ich einen eigenen Fernseher kriege. Jetzt kommt der Fernseher raus und das Baby rein. Wegen des Lärms und der angeblich schädlichen Strahlen, wie Mama behauptet. Das fängt ja gut an.

Wahrscheinlich sitz ich hier morgen allein vor dem Weihnachtsbaum und Papa hockt im Krankenhaus bei Mama. Er will unbedingt bei der Geburt dabei sein. Ich kann großzügig drauf verzichten. Aber mich wollen sie dort ohnehin nicht.

»Sollte es morgen so weit sein, bring ich dich zu Tante Miriam«, ruft Papa gerade aus dem Wohnzimmer. Das ist die mit dem Orang-Utan-Baby. Jetzt sieht es schon ziemlich menschlich aus, aber es sabbert und macht die Windeln voll. Wenigstens war es so klug, sich nicht einen vierundzwanzigsten Dezember auszusuchen, um die ganze Familie durcheinander zu bringen.

Papa ist schon heute total durcheinander und dieser Dreiundzwanzigste ist statt einem »Vor-Freude-Tag« ein »Jetzt-nicht-Tag!« geworden. Ganz egal, was ich Papa frage – dauernd heißt es: «Jetzt nicht!«

Er ist sogar schon Mittag aus dem Büro gekommen, wieselt herum, prüft die Stäbe vom Gitterbett, als könnte die Babyschwester heimlich abhauen, bevor sie noch da ist. Er ist echt hysterisch, obwohl Mama das Baby bekommt und nicht er!

Und ich Idiot hab mühsam ein urlanges schönes Gedicht für sie auswendig gelernt. Das ist echt eine Leistung für mich, weil ich Gedichte nicht ausstehen kann. Aber Mama schreibt selber welche, also dachte ich mir für Weihnachten diese Überraschung aus, denn überrascht wäre sie gewesen. Das Gedicht hat sieben Strophen und die letzten zwei hab ich selbst dazugedichtet und das Ganze am Computer ausgedruckt mit allem Drum und Dran. Mit farbiger Umrandung, Weihnachtssymbolen und einem Herz. Weil sie ja meine Mama ist.

Aber jetzt ist sie nicht mehr nur meine, sondern auch ihre, die von der doofen Irgendwerschwester; die sich schon jetzt wichtig macht und glaubt, am gleichen Tag wie das Christkind erscheinen zu müssen.

Draußen schneit es. Dicht. In großen Segelflocken, die nicht gleich schmelzen, wenn sie landen.

Mal sehen, wie Papa reagiert, wenn ich ihn jetzt frage, ob er mit mir einen Schneemann bauen will. Das haben wir lange nicht mehr gemacht, weil es auch lange nicht mehr so schön geschneit hat. Wenn Papa wieder jetzt nicht sagt, hau ich ab und geh zu Oliver rüber. Bei dem riecht es bereits seit Tagen nach Weihnachten, weil sie den Baum schon aufgestellt haben und seine Mutter jede Menge duftender Kekse bäckt. Und Vanillekipfel. Die hab ich besonders gerne, weil sie fast auf der Zunge zergehen wie die Schneeflocken da draußen. Nur eben süß und vanillig und nussig.

Bei uns ist das Backrohr kalt und null Kekse warten auf mich. Ob die Eltern überhaupt dran gedacht haben, mir Geschenke zu kaufen? Hat Mama nicht erst vor einer Woche gesagt: »Ein Kind, das noch dazu um Weihnachten herum geboren wird, ist das schönste und größte Geschenk der Welt!«

Gilt das auch für mich und krieg ich nun bloß die Irgendwerschwester?

Für Papa gilt es auf jeden Fall. Er hat Mama zugenickt und sehr glücklich ausgesehen, noch glücklicher als in dem Augenblick, als seine Fußballmanschaft am Vorabend in der achtundachtzigsten Minute doch noch ein vier zu drei geschossen hat.

Ich hab auch versucht, mich über das, was die Mama gesagt hat, zu freuen. Echt. Aber es ist mir nicht gelungen. Mama hat es wie immer gemerkt und mir beruhigend über den Kopf gestrichen. »Du bleibst unser Andreas! Unser großer Andreas!«

Und ich wollte ein kleiner Andreas sein. Ein ganz kleiner.

Ohne Eindringling in der Familie. Aber vielleicht wird ja doch noch alles gut.

Papa spricht gerade mit meiner Mutter am Telefon.

»Und – was sagt der Arzt dazu?… Ach so… Und wie lange geht das schon?… Meinst du?… Also ich weiß nicht… Ich würde an deiner Stelle…«

Mama scheint ihn ziemlich unwirsch zu unterbrechen, weil Papa ihr nur mehr zuhört und eine Weile nichts sagt. Ich kann mir schon vorstellen, was sie gerade geantwortet hat: Ich weiß sehr gut, was ich zu tun habe. Hör auf, immer alles schwarz zu sehen. Damit hilfst du mir nicht. Mach dir bloß keine Sorgen. Das sagt sie immer und Papa macht sich weiter Sorgen. Ich sehe es ihm an, als er den Hörer auflegt.

»Is was?«, frage ich.

»Mama klingt nicht gut. Sie hat im Augenblick ziemliche Schmerzen. Dabei haben wir gemeinsam das richtige Atmen geübt. Das Schmerz-Wegatmen in dem Kurs zur Vorbereitung für Gebärende.«

Schon das mochte ich nicht, als Papa in der letzten Zeit mit meiner Mutter zu dem komischen Kurs gegangen ist. Als würde er das Baby kriegen. Mama hat mir erklärt, dass die Unterstützung durch den Vater wichtig ist. Wenn er sich auskennt, kann er Mama im richtigen Augenblick helfen, sich zu entspannen.

Und wer hilft mir? Ich bin auch ganz schön unter Spannung.

»Vielleicht fahre ich später noch mal zu ihr«, sagt Papa. »Es ist wichtig für sie.«

Klar ist es wichtig. Das verstehe ich. Und ich will, dass Mama keine Schmerzen hat. Ich bin jetzt nicht wichtig. Das begreife ich auch. Jetzt ist die Irgendwerschwester dran und zum ersten Mal möchte ich, dass sie sich ein bisschen beeilt, auf die Welt zu kommen, damit Mama endlich von ihr befreit ist. Vielleicht noch heute und wir feiern morgen meinetwegen mit der Kleinen gemeinsam Weihnachten. Vielleicht sieht sie ja auch nicht aus wie ein Orang-Utan-Neugeborenes und benimmt sich. Babys schlafen meistens ohnehin die ganze Zeit.

»Baust du mit mir einen Schneemann, Papa?« Ich fordere Papa richtig heraus. Er soll jetzt nicht an Melanie denken. So wird die Irgendwerschwester heißen. Er soll sich jetzt mal um mich kümmern!

Ich oder sie. Jetzt oder nie.

Papa rauft sich erst noch mal kurz das Haar, überlegt sichtlich, ob er zu Mama fahren oder bei mir bleiben soll.

»Also gut!«, sagt er plötzlich. »Vielleicht lenkt mich das ab. Los, gehen wir in den Garten, der Schnee ist jetzt gerade richtig . Aber ich nehm das Handy mit, damit ich erreichbar bin.«

Beißend kalt fühlen sich die Hände an, als wir uns erst mal mit Schneebällen bewerfen. Richtig ausgelassen, so als wäre alles wie immer. Dann beginnen wir den Mann aus Schnee zu bauen, Schicht für Schicht wächst er heran. Bald gibt es in unserem Garten drei: Mich, Papa und den Schneemann. Er kann durchs Fenster ins Wohnzimmer sehen und morgen mit dabei sein, wenn wir feiern, obwohl wir dieses Jahr noch nicht einmal einen Baum gekauft haben.

Plötzlich sagt Papa: »Wir haben ein Geschenk für dich, du wirst staunen!« Ich spüre es gleich: diesmal handelt es sich nicht um die Irgendwerschwester, sondern um ein richtiges Geschenk.

»Es ist ziemlich groß«, sagt Papa und deutet die Form mit den Händen an, aber ich errate es trotzdem nicht. Ahne es bloß und kriege Herzklopfen.

Aufgeregt streiche ich dem Schneemann über die eisige Glatze. Er besitzt keinen Hut und auch keine Karottennase. Er ist nackt und hat Steinaugen. »Schau«, sagt Papa plötzlich, geht in die Hocke und fährt mit der flachen Hand über den großen runden Schneebauch. »Fast wie der von Mama.«

»Aber viel kälter und nichts drin«, sage ich genervt und härter, als ich wollte.

Papa blickt zu mir auf. Ich habe ihm mit meinem Satz einen Schrecken eingejagt, aber ich weiß nicht genau, weshalb. Ich versuche ein Lächeln, doch es gelingt mir nicht.

»War bloß ein Witz«, sage ich. »Ein blöder.«

Papa kommt aus der Hocke hoch und schaut mir fest in die Augen, nimmt meine beiden Hände.

»Das war kein Witz und es war auch nicht blöd», sagt Papa ruhig und bestimmt. Eine Weile schweigt er, während er mir weiter prüfend ins Gesicht sieht. »Du hast Angst und auf eine bestimmte Art hab ich sie ebenfalls, wenn auch aus einem anderen Grund als du.«

»Das klingt alles sehr kompliziert. Du siehst einfach wieder mal schwarz, Papa.« Aber Papa ist stur im Schwarzsehen. Seine gute Laune ist weg und die Sorge um Mama und was alles bei der Geburt mit ihr und dem Kind geschehen könnte, ist wieder da.

»Jetzt beruhig dich doch, Papa. Was hat denn der blöde Schneemann mit der Mama zu tun! Sie ist nicht allein in dem Krankenhaus, außerdem kennen die sich dort aus. Babys kommen dort jeden Tag fröhlich schreiend auf die Welt. Dort gibt’s jede Menge Ärzte und Schwestern. In dem Krankenhaus sind sie doch auf Geburten spezialisiert!«

»Ich weiß.« Papa zieht seinen Schal dichter um den Hals. »Komm, mir wird langsam kalt, gehen wir rein.«

Er kontrolliert, ob das Handy auch wirklich eingeschaltet ist, obwohl es nur mehr eine halbe Minute bis in die Wohnung ist, in der das Telefon steht.

Papa setzt sich mit mir aufs Sofa und wir reden über das Leben. Wie zwei Männer. Papa sagt, dass das Leben ein Wunder ist und jeder Augenblick und jeder Mensch kostbar.

»Auch die bösen Menschen?«, frage ich.

»Sie sind nicht böse geboren«, sagt Papa. »Von Geburt aus sind die Menschen gut, daran glaube ich nun mal. Später kann leider viel geschehen und hat Einfluss auf sie. Es kommt auch darauf an, mit welchen Genen ein Mensch geboren wird. Welches dieser Gene im Laufe des Lebens mehr zum Tragen kommt und welches nicht.«

»Melanie hat gute Gene«, sage ich plötzlich.

»Bestimmt«, sagt Papa. »Genau wie du!«

»Und ich pass auch auf, dass sie sie behält!«

»Ich wusste es!« Papa lacht.

Ich bin mir zwar nicht im Klaren, was er genau damit meint, aber mir genügt, was ich jetzt in diesem Augenblick weiß: dass ich mich irgendwie, wenn auch nicht mächtig, auf diese kleine Irgendwerschwester freue, die ab morgen zu uns gehört.

Evelyne Stein-Fischer

Brita Groiß; Gudrun Likar
Weihnachten ganz Wunderbar: ein literarischer Adventskalender
Wien: Ueberreuter, 2001

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2 Antworten zu Eine feine Bescherung! – Evelyne Stein-Fischer

  1. jasmina namal schreibt:

    sehr schöne geschichte hat mir sehr gut gefallen ! 🙂

  2. Geli schreibt:

    Eine tolle Geschichte!
    Auch unser 2. Kind ist am 24.12. geboren – vielleicht hat sich unsere erste Tochter auch so oder zumindest ähnlich gefühlt …
    Mittlerweile sind die beiden (fast) 2 und 4 und ein tolles Paar!!!

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