Indigam Toruai – Der große Fisch – Geschichte aus Papua-Neuguinea

Indigam Toruai – Der große Fisch

Eine Geschichte aus Papua-Neuguinea

Seit Tagen hatte es nicht geregnet. Das Wasser war klar, der Fluss stand niedrig; es konnte keine bessere Zeit zum Fischen geben.

Die Jungen von Kamberap legten ihre Fischpfeile zurecht.

»Vergebliche Mühe«, sagten die Männer. »Ihr werdet nichts fangen; sogar die Reiher wissen, dass der Yilil keine Fische mehr gibt.«

»Wir wollen Flussabwärts gehen«, sagten die Jungen. »Bis zur Mündung des Troali.«

»Noch mehr vergebliche Mühe«, sagten die Männer. »Aber geht nur; geht und versucht euer Glück.«

Danach saßen die Jungen im Schatten der Hibiskus-Sträucher am Rande des Dorfplatzes. Sie redeten kaum. Jeder überlegte für sich, ob die geplante Jagd auf Fische Sinn hatte oder keinen.

Und dann kam Bonifo mit seinem Fisch.

Yamandau entdeckte ihn als erster.

»Indigam!« rief er. »Indigam toruai! (Ein großer Fisch!)«

Im nächsten Augenblick waren die Jungen auf den Beinen. Sie rannten Bonifo entgegen, umringten ihn, bestaunten und betasteten den Fisch, wollten wissen, wo und wie und wann Bonifo ihn gefangen hatte, und sie bestürmten ihn mit Fragen.

Bonifo gab keine Antwort. Er lachte nur, hielt den Fisch in die Höhe und brachte ihn damit aus der Reichweite der Jungen. Sie traten zurück; der Kreis um Bonifo wurde weiter, das Stimmengewirr verstummte. Nur Yamandau fragte beharrlich in die Stille hinein: »Diesen Fisch, Bonifo – sag uns doch: wo hast du ihn her?«

»Von dort, wo es noch mehr davon gibt«, antwortete Bonifo schmunzelnd und setzte sich wieder in Bewegung.

Nun gab es für die Jungen kein Halten mehr. Sie liefen in die Häuser, holten die Pfeile hervor, liefen zu Koere und baten um seine Fischkörbe, und dann liefen alle zum Fluss.

Den Rest des Tages verbrachten sie am Yilil. Koere war mitgekommen; auch er blieb und half den Jungen, so gut er konnte. Er richtete ihre Pfeile aus, ersetzte die abgebrochenen Spitzen durch neue starke Sagodornen, übte mit ihnen das Abschnellen der Fischpfeile und tauchte an tiefen Stellen selbst bis auf den Grund des Flusses, um sich persönlich davon zu überzeugen, ob es dort Fische gab oder nicht.

Es gab Fische – hier und da; aber sie waren so winzig, dass es sich nicht lohnte, einen Pfeil auf sie zu richten. Es lohnte nicht einmal, die Körbe auszulegen. Ihr Geflecht war viel zu grob. Sie würden leer bleiben; das war für Koere so gut wie sicher.

Nicht für die Jungen. Sie blieben zuversichtlich und wollten weder nachgeben noch aufgeben.

Selbst wenn alle anderen Mittel versagten; eine Möglichkeit war immer noch offen: Zauberei!

Und wenn auch die Jungen noch nie mit dabei gewesen waren, so wussten doch alle, dass die alten Männer des Stammes ein Mittel kannten, um die Fische mit Zaubersprüchen und Zauberliedern zu beschwören. Mit dem betäubenden Saft giftiger Lianen wurden die Fische müde und kraftlos gemacht, so dass man sie mit der bloßen Hand ergreifen und einsammeln konnte.
»Warum versuchen wir es nicht?« fragte Yamandau. »Wir haben schon alles andere versucht, warum also nicht den Lianenzauber?«

Koere schüttelte den Kopf. »Die richtigen Lianen dafür wachsen nicht hier«, sagte er. »Die gibt es nur weiter oben in den Bergen.«

»Macht nichts«, sagte Yamandau. »Wir nehmen die Lianen, die wir hier finden, und machen unseren eigenen Zauber.«

Wieder schüttelte Koere den Kopf.

»Wir kennen die Zaubersprüche nicht«, sagte er.

»Macht nichts«, erklärte Yamandau auch diesmal. »Wir denken uns selbst einen Zauberspruch aus.«

Koere ging und holte Lianen. Er schnitt sie in Stücke, bündelte sie, gab jedem Jungen eine Handvoll der zähen biegsamen Stängel, und die Jungen legten sie auf die Ufersteine, suchten sich faustgroße harte Kiesel und schlugen damit auf die Stängel ein, bis sie zerfaserten und ihr Saft über die Steine floß.

Sie machten die Sache genauso wie die alten Männer bei einem richtigen Lianenzauber. Nur waren es eben nicht die richtigen Lianen und nicht die richtigen Zaubersprüche.

Doch immerhin: während Yamandau auf seine Lianenstängel klopfte, war ihm ein Lied eingefallen, das gewiss so gut war wie jeder andere Zauberspruch:

»Indigam tangane –  (Fisch ist hier –
kolop, kolop                   kommt, kommt
kawaikare.«                    viele!)

Yamandau sang aus Leibeskräften, während er voll Wut und Enttäuschung über den Misserfolg dieses Tages in das Wasser schlug, dass es weiß aufschäumte und spritzte. Und sein Zauberlied hallte durch die Schlucht, vermischte Yamandaus Stimme mit den Stimmen Koeres und der anderen Jungen und mit dem Echo, das von allen Seiten klang. Das Klatschen der Lianen auf dem Wasser gab den Takt dazu, wie es bei den Tanzfesten im Dorf die Trommeln taten.

Vor Sonnenuntergang machten sich die Jungen auf den Heimweg. Sie waren müde und hungrig. Alles, was sie an diesem Tag gefangen hatten, waren sieben Krebse. Die rösteten sie über einem kleinen Feuer am Flussufer und aßen sie auf, bevor sie in der Dunkelheit den Hügel zum Dorf emporstiegen.

Aber sie gingen noch nicht heim. Zuerst gingen sie zu Bonifos Haus, um nachzusehen, ob er seinen Fisch inzwischen aufgegessen hatte. Nein! Dort lag er neben der Feuerstelle – lag auf einem Bananenblatt – gebraten, braun und knusprig. Die Jungen starrten auf den Fisch.

Aus der hintersten Ecke seiner Veranda sagte Bonifo: »Endlich! Ihr habt mich lange warten lassen! Kommt herauf.« Sie kletterten auf die Veranda. Bonifo kam zu ihnen. Er beugte sich zu dem Fisch hinunter, zerteilte ihn und reichte jedem ein kleines Stück von dem duftenden weißen Fleisch und dazu einen Klumpen Sagobrei.

»Wie gut das schmeckt!« sagte Yamandau. Und nach einer Weile: »Wie gut das geschmeckt hat!« Und wieder nach einer Weile: »Sag uns endlich, Bonifo: Wie hast du den Fisch gefangen? – Mit einem Zauber?«

»Nein«, antwortete Bonifo.

»Wie denn?« fragten die Jungen.

»Mit Kokosnüssen«, sagte Bonifo und schmunzelte.

Die Jungen verstanden ihn nicht. Sie schwiegen verwirrt. Bonifo lachte und erklärte es ihnen: Er hatte den Fisch gegen zwei Kokosnüsse aus seinem Garten eingehandelt; – auf dem Markt von Green River…

Brigitte Peter

Lene Mayer-Skumanz (Hrsg.): Hoffentlich bald.
Wien: Herder Verlag 1986

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