Tänzerin. Bei den Amerikanern – Eine Weihnachtserinnerung

Tänzerin. Bei den Amerikanern

Ingrid Gallus

Als im Mai 1945 die Siegermächte das zerbombte Deutschland unter sich aufteilten wie einen Kuchen, fiel Bayern an Amerika. Ich lebte damals mit meinen Eltern, meinem Bruder und unserer Oma in der Soldatensiedlung einer kleinen bayerischen Gemeinde im Unterallgäu, gleich unterhalb des Flugplatzes. Auch hier marschierten eines Tages die GIs ein und komplimentierten deren Bewohner kurzerhand aus ihren Häusern. Da standen sie nun, plötzlich obdachlos geworden, auf der Straße, im Gepäck ein paar Habseligkeiten, die sie in aller Eile zusammengerafft hatten. Der Bürgermeister quartierte sie schließlich in die umliegenden Haushalte ein. Zwangsweise natürlich. Dementsprechend begeistert war meist die Aufnahme.

Meine Familie verschlug es auf einen Bauernhof. Dort bekamen wir eine winzige Dachkammer zugewiesen. Zwei Betten passten gerade hinein, die wir uns zu viert teilen mussten. Ein wackeliger Tisch sowie ein buntes Sammelsurium wurmstichiger Stühle aus der Rumpelkammer vervollständigte das Mobiliar. Wasser gab es zwei Treppen tiefer. Das Plumpsklo mit Windspülung und einem ausgesägten Herzchen in der Tür befand sich nicht weit vom Misthaufen entfernt auf dem Hof. Es war jedes Mal eine halbe Weltreise dorthin; vor allem nachts und mit uns Kindern. Meine Großmutter hatte anderweitig im Ort einen Schlafplatz gefunden. Tagsüber half sie uns, das winzige Zimmer zu bevölkern. Die Stimmung unter den Erwachsenen war ziemlich gedrückt. Ich erinnere mich auch noch gut an den unappetitlich mausgrauen «Sattmacher» aus Getreide¬abfällen – Musbrei genannt -, der beinahe jeden Abend auf den Tisch kam. Und an die ewig schlechte Laune meines nunmehr arbeitslosen Vaters.

Die eine oder andere Soldatenfrau, deren Mann im Krieg gefallen oder vermisst war, hatte sich mit den Amerikanern «arrangiert». Vielleicht, um dem tristen Alltag zu entkommen, vielleicht auch nur, um die schmale Essensration etwas aufzubessern.

Wir Kinder kamen am leichtesten mit der veränderten

Situation zurecht. Ja, wir genossen sogar die neuen Freiheiten auf dem Bauernhof. Wir hatten auch durchaus nichts dagegen, dass die abendlichen Waschrituale auf ein Minimum beschränkt werden mussten. Ich war viereinhalb Jahre alt; ein halbes Portiönchen nur, aber sehr lebhaft und mit einer ausgeprägten Phantasie begabt. Wenn ich nicht gerade dringend im Kuhstall oder in der großen Scheune bei den aufregenden Gerätschaften zu tun hatte, spielte ich mit Vorliebe Zirkus. Oder Ballett. Das veranlasste eine Nachbarin, meinen Eltern bei einer meiner Hopsereien zu prophezeihen: «Die Ingrid wird mal Tänzerin.»

In Anbetracht der Tanzgelage zwischen Besatzern und Soldatenfrauen reagierte mein Vater ziemlich ungehalten: «Ja, freilich! Bei den Amerikanern nackig auf dem Tisch …!»

Das war zweifellos als Seitenhieb auf die «Amiliebchen» gemünzt; aber ganz sicher nicht für meine Ohren bestimmt.

Die Zeit verging. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Monate. Mein Vater hatte inzwischen in einem nahe gelegenen Marktflecken eine neue Karriere als Polizeibeamter begonnen. Noch lebte die Familie getrennt. Doch sechs Tage vor Weihnachten war es dann so weit. Ein alter Holzgas-Lkw kämpfte sich mit unserer wenigen Habe die steile, tief verschneite Straße hinauf in den Ort. Ich durfte im Führerhaus neben dem Fahrer sitzen. Ganz verzaubert nahm ich die märchenhafte, wie mit Puderzucker überzogene Kulisse des Dorfes in mich auf: die alten Bauernhäuser, die Kirche mit dem gemütlich dicken Turm und das auf einem Berghang thronende Schloss über dem zugefrorenen Weiher.

Dort, wo die Dorfstraße in einem Bogen zum Hohen Schloss hinauffuhrt, stand – und steht auch heute noch – ein wuchtiges, mittlerweile über vierhundert Jahre altes Gebäude mit enorm dicken Mauern und einem beeindruckenden Kellergewölbe. Marschall Philipp von Pappenheim hatte es einst als Amtshaus erbaut. Hier war die Polizeistation untergebracht. Und hier war nun unser neues Zuhause.

Für meine Eltern folgten jetzt ein paar arbeitsreiche, hektische Tage, bis alles wohnlich eingerichtet war, so gut das mit den wenigen Möbeln halt ging. Denn die meisten Sachen hatten ja noch immer die Amerikaner in Beschlag. Am 24. Dezember war aber alles so weit fertig. Das Christkind konnte auch zu uns kommen.

Für die Christmette, die hier in St. Philippus und Jakobus direkt um Mitternacht gefeiert wurde, waren wir Kinder natürlich noch zu klein. Deshalb spazierte meine Mutter am Ersten Feiertag nachmittags mit mir zu der schönen alten Dorfkirche auf dem Stiftsberg, damit ich doch wenigstens das Christkind in der Krippe besuchen konnte.

Soeben kam der Pfarrer der Gemeinde aus der Sakristei, ein schon sehr alter Herr mit schlohweißem Haar. Die fremden Gesichter mochten ihm wohl aufgefallen sein; jedenfalls steuerte er sogleich auf uns zu, um als Hirte den potenziellen Neuzugang an Schäfchen in seinem Stall willkommen zu heißen. Das wiederum war für meine Mutter ein Signal, mich vorsichtshalber an meine gute Erziehung zu erinnern. Während sie Hochwürden anlächelte, brachte sie es fertig, mir zwischen zusammengepressten Zähnen zuzuraunen: «Knicks! Deutlich antworten!» Und um der Aufforderung den nötigen Nachdruck zu verleihen, bohrte sie mir zusätzlich einen Finger zwischen die Schulterblätter.

Nachdem der Herr Pfarrer meine Mutter begrüßt und nach dem Woher und Wohin befragt hatte, gab er schließlich auch mir die Hand. Jetzt kam mein Auftritt! Graziös versank ich in einen besonders tiefen Knicks, wobei ich den geistlichen Herrn kokett anlächelte. Das muss ihn wohl ziemlich beeindruckt haben. Jedenfalls beugte er sich nun zu mir herab und erkundigte sich leutselig: «Ja, was möchtest du denn mal werden, wenn du groß bist?» Da brauchte ich nicht lange zu überlegen. Wie aus der Pistole geschossen kam laut und vernehmlich die Antwort: «Tänzerin! Bei den Amerikanern nackig auf‘m Tisch!»

Als ob Beelzebub höchstpersönlich vor ihm stünde, fuhr der alte Herr zurück; unfähig, in irgendeiner Weise darauf zu reagieren. Derart unsittliche Reden an solch heiligem Ort – das verschlug ihm denn doch die Sprache! Irritiert und hilfesuchend schaute er auf meine Mutter. Doch die stand unbeweglich, zur Salzsäule erstarrt – wie weiland Lots Weib.

Ich überließ die beiden ihrem Schicksal und wandte mich nunmehr der Krippe zu. Schließlich hatte ich sämtliche Anordnungen meiner Mutter prompt – und sicher auch zu ihrer vollsten Zufriedenheit – befolgt.

Das Christkind lag nur mit einer Windel angetan in seinem Bettchen aus Heu und Stroh. Abgesehen davon, dass es bestimmt erbärmlich fror in der eiskalten Kirche, mussten es die harten Halme doch furchtbar piken. Trotzdem lächelte — nein, schmunzelte es vergnügt. Es hatte sich wohl gerade erst über irgendetwas amüsiert. Und jetzt – tatsächlich! -, jetzt zwinkerte es mir sogar ganz verschmitzt zu …

U. Richter; B. Mürmann (Hrsg.): Weihnachtsgeschichten am Kamin. 22.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2007

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