Liebe heißt L’Amour

Liebe heißt L‘ Amour

Sabine Ludwig

Niklas drückt seine Nase an die Schaufensterscheibe. Von Puderzuckerschnee berieselt stehen da unzählige Flaschen und Fläschchen: schlanke hohe, bauchig-dicke mit goldschimmernder Flüssigkeit gefüllt. Parfüm. Tausend Sorten, mindestens. Aber nicht jedes riecht gut. Omas Parfüm hat einen scharfen, stechenden Geruch wie die Seife auf dem Zahnarztklo. Und Frau Mohn, die Lehrerin, riecht immer ganz süß nach Kirschkaugummi. Und Mama? Mama riecht einfach nach Mama, nur manchmal, wenn sie abends weggeht – »einmal in hundert Jahren« -, dann riecht sie nach L’Amour. Das heißt Liebe und ist ein ganz besonderer Duft. Niklas betritt den Laden, der ist rappelvoll mit Menschen, die in letzter Minute noch ein Weihnachtsgeschenk kaufen wollen.

»Geben Sie mir irgendwas für hundert Mark und packen Sie’s hübsch ein«, hört Niklas einen dicken Mann sagen. Und eine Frau im Pelzmantel schubst ihn unsanft beiseite: »Einmal die Antifalten-Creme mit der Dreifachwirkung!«

Niklas zupft eine der hübschen Verkäuferinnen an ihrem rosa Kittel.

»Was möchtest du denn, mein Kleiner?«

»Eine Flasche L’Amour!«

Sie eilt zu einem Regal.

»Das Eau de Toilette zu 55, mit Zerstäuber zu 68 Mark oder das Parfüm zu…«

Niklas sieht die Verkäuferin verzweifelt an.

»Du hast nicht genug Geld, stimmt’s?«

Niklas nickt.

»Pass mal auf, hier ist ein kleines Probefläschchen mit L’Amour, das kostet nichts, und deine Mama wird sich bestimmt darüber freuen.«

Die Verkäuferin lächelt und drückt Niklas ein kleines Pappschächtelchen in die Hand, und ehe er sich bedanken kann, ist sie wieder weg.

Niklas steckt das Schächtelchen ein und verlässt den Laden. Draußen steht Oma.

»Um Himmels willen, Niklas, wo hast du bloß gesteckt, kann man dich keine Sekunde aus den Augen lassen?«

Sie nimmt ihn fest an die Hand.

»Als ob ich nicht schon genug Sorgen hätte!«

Auch in der Fleischerei lässt sie ihn nicht los. Hier gibt es Berge von Gänsen und Puten mit picklig-weißer Haut, an der Wand hängen abgezogene Kaninchen mit Kopf. An den Pfoten hängt noch ein wenig puscheliges Fell. Niklas wird schlecht. Die vielen toten Tiere. Schnell an etwas anderes denken. An Mama. Nein, lieber nicht an Mama, das tut noch mehr weh. Mama, die im Krankenhaus liegt. In einem weißen Bett, in einem weißen Zimmer.

»Mal mir ein schönes Bild, Niki, damit ich nicht länger an die weiße Wand starren muss«, hatte sie gesagt.

Und Niklas hatte ein Bild gemalt mit allen Farben aus dem Tuschkasten außer Schwarz. Ein Weihnachtsbild mit einem grünen Tannenbaum, der geschmückt ist mit roten Kerzen, blauen Kugeln und goldenen Sternen, daneben ein großes rosa Herz, in dem steht: »Gute Besserung, Mama!«

»Das ist das schönste Bild, das ich je gesehen habe!«, hatte Mama gesagt, und der Arzt musste helfen, es an die Wand zu kleben. Es war ein netter Arzt gewesen, die anderen schickten Niklas immer raus, wenn sie kamen, um nach Mama zu sehen. Dann stand Niklas jedes Mal vor der Tür und wartete voller Angst, bis Oma ihn wieder reinholte. Mama lächelte ihn dann aus ihrem Bett heraus an, als wollte sie sagen: »Kopf hoch! Mir passiert schon nichts.« Sie hatte ihm auch erklärt, dass da irgendwas in ihrem Bauch herausgeschnitten worden war, weil es da nicht hineingehörte, und dass nun bald alles wieder gut würde.

Niklas zieht Oma am Ärmel: »Wann kommt Mama nach Hause?«

»Aber Kind! Das fragst du mich zigmal am Tag. In zwei Wochen, das weißt du doch!«

Niklas weiß nur, dass Mama heute nicht zu Hause sein wird. Heute – am Heiligabend.

»Zwei Paar Wiener Würstchen, hundert Gramm Kochschinken und ein Viertel feine Leberwurst«, sagt Oma zu dem Fleischer, dem Schweißperlen auf der Stirn stehen. Auch Niklas schwitzt in seinem dicken Mantel mit dem Pullover darunter. Bei Oma muss er sich immer ganz warm anziehen, sogar Strumpfhosen unter die Jeans. Wie das kratzt, und überhaupt – Strumpfhosen tragen nur Mädchen.

Wieder auf der Straße zeigt Niklas auf einen kleinen, etwas zerzausten Weihnachtsbaum.

»Unser letzter, den kriegen Sie auch für zehn Mark«, sagt der Verkäufer.

Oma winkt ab. »Was sollen wir denn damit, Niklas? Ich hab keine Zeit, ihn zu schmücken, wir fahren doch gleich ins Krankenhaus.«

Niklas reißt die Augen ganz weit auf, dann fallen die Tränen nicht so schnell raus.

»Da gibt’s doch auch einen schönen Weihnachtsbaum«, versucht Oma ihn zu trösten. »Einen ganz großen!«

Ja, groß ist er, und er steht schon so lange da, wie Mama im Krankenhaus ist, seit einer Ewigkeit also. Und den ganzen Tag brennen die elektrischen Kerzen.

Niklas zieht sein Portemonnaie aus der Tasche.

»Ich habe nur sechs Mark und fünfunddreißig, reicht das?«, fragt er den Verkäufer. Der nimmt schnell das Geld und sagt: »Na meinetwegen, weil heute Weihnachten ist.« Oma sagt: »Aber Kind!« und klemmt sich seufzend das Bäumchen unter den Arm.

Zu Hause verschwindet Oma gleich in der Küche, um den Kartoffelsalat zu machen, den es heute Abend zu den Würstchen geben soll. Bestimmt macht sie wieder Zwiebeln dran, das kann Niklas nicht ausstehen.

Er holt den Weihnachtsbaumständer aus dem Schrank und die Schachtel mit dem Baumschmuck. Es geht leichter als gedacht. Das Bäumchen ist so klein, dass Niklas es ohne Mühe in dem Ständer festschrauben kann. Dann nimmt er vorsichtig die Kugeln aus der Schachtel, in Blau und Rot und Violett, die Glanzpapierkette aus Kindergartentagen, die Strohsterne und vergoldeten Walnüsse.

Niklas hängt alles in die Zweige, jetzt muss er nur noch die Kerzenhalter festklemmen.

»Oma, wir müssen Kerzen kaufen l«, ruft Niklas in die Küche.

»Die Geschäfte haben schon zu«, sagt Oma und wischt sich die Hände an der Schürze ab. »Zieh dich schon mal an, wir müssen gleich los.«

Niklas packt das Schächtelchen mit dem Parfüm in einen Rest Geschenkpapier, es sind Osterhasen drauf, das passt nicht ganz, aber Mama macht das bestimmt nichts aus. Niklas malt sich ihre Überraschung aus, wenn sie das Parfüm entdeckt. Für Oma hat er nun nichts, aber sie kann sich ja den Weihnachtsbaum angucken. Da fallen ihm die fehlenden Kerzen ein. Niklas seufzt. Mama wüsste Rat. Mama weiß immer Rat.

Oma und Niklas steigen in den Bus, sie müssen zweimal umsteigen, ehe sie endlich vor dem riesigen Kasten stehen, der Städtisches Krankenhaus heißt.

Niklas kennt sich aus. Zuerst müssen sie mit dem Fahrstuhl in den fünften Stock, dann einen langen Gang nach links, rechts herum und in das Zimmer 513.

Niklas öffnet vorsichtig die Tür, man weiß nie, wie es dahinter aussieht. Manchmal schläft Mama, manchmal ist eine Schwester bei ihr und misst den Puls… und diesmal? Diesmal ist Mama gar nicht da! Das Bett ist leer, die Decke glatt gestrichen. Und am Fenster steht eine Gestalt, die ist ganz schmal, das kann nicht Mama sein! Aber als sie sich jetzt umdreht, ist es doch Mama, und Oma sagt nur: »Aber Kind!« Aber Niklas meint sie diesmal nicht. Der ist längst bei Mama und schlingt seine Arme um ihren Bauch, aber nicht zu doll.

»Ich habe Weihnachtsurlaub«, sagt Mama fröhlich, »drei Tage!«

»So viel zu essen haben wir ja gar nicht im Haus!«, ruft Oma. Niklas ist das so egal. »Du kannst mein Paar Würstchen haben und…«, Niklas flüstert lieber, »… ein Geschenk hab ich auch für dich und einen Weihnachtsbaum, aber ohne Kerzen.«

»Vom letzten Jahr müsste noch ein Paket da sein, Niki, und wenn nicht, dann nicht, Hauptsache, wir sind zusammen !«

Mama drückt Oma ihre Tasche in die Hand und sagt zu Niklas: »Du musst mich festhalten, ich bin noch ein wenig wacklig auf den Beinen.«

Und Niklas hält Mama ganz fest, auch noch im Taxi und die Treppe hoch in ihre Wohnung. Er lässt Mamas Hand erst los, als er ihr sein Päckchen zum Auspacken gibt.

Sophie Härtling (Hrsg): 24 Weihnachtsgeschichten zum Vorlesen.
Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2006

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