Dienst am Heiligen Abend

Dienst am Heiligen Abend

Eberhard Strauch

Mario Hornstock war in seinem Beruf als Busfahrer bei den Berliner Verkehrsbetrieben glücklich. Das sah man sofort, wenn man in seinen Bus einstieg. Schon lange, bevor es für alle Busfahrer üblich wurde, die Einsteigenden mit einem freundlichen «Hallo» oder «Guten Tag» kurz zu begrüßen, ähnlich wie die Kassiererinnen ihre Kunden an den Kassen der Supermärkte, schon lange vorher hatte Mario ein höfliches und freundliches Wort für seine Fahrgäste bereit, wenn sie an seinem Fahrersitz vorbeigingen und einen Fahrschein lösten oder ihre Karte vorwiesen. Auch während der Fahrt munterte er die Fahrgäste durch freundliche Hinweise über den Lautsprecher auf, zum Beispiel: «Bitte jetzt ein wenig festhalten, es kommt eine Kurve!», oder «Wir sind ein bisschen spät dran, aber wir holen das schon wieder auf!»

So war Mario beliebt bei den Fahrgästen und spürte es, und wenn er nach seiner Schicht nach Hause kam, war er gutgelaunt auch gegenüber Stephanie, die auf ihn wartete, jeden Tag auf ihn wartete, seitdem sie ihren Job als Verkäuferin verloren hatte. Gegen das Jahresende hin war das Warten für sie immer quälender, denn die Dunkelheit setzte immer früher ein, und dann kam sie sich besonders einsam vor.

Anfang Dezember wurden die Dienstpläne für die Weihnachtstage aufgestellt. Mario hatte sich freiwillig für den Weihnachtsabend gemeldet. Er wusste, dass er in diesen Stunden manche trübe Seele würde aufheitern können, und er wusste auch, dass es den Kollegen mit Kindern viel schwerer fallen würde, am Heiligen Abend Dienst zu tun. Dies wollte er wenigstens einem von ihnen ersparen.

Nicht bedacht hatte er dabei Stephanie, seine Lebensgefährtin. Sie war sehr enttäuscht darüber, dass Mario am Heiligen Abend Dienst hatte. Und als sie erfuhr, dass er sich hierzu sogar freiwillig gemeldet hatte, war sie so böse, dass sie einen ganzen Tag lang nicht mit Mario sprach. Und um zu verhindern, dass er Versöhnungsversuche unternahm, verließ sie morgens das Haus und kehrte erst abends zurück, um im Wohnzimmer auf der Couch zu schlafen, nicht wie gewohnt im Schlafzimmer an seiner Seite. Das machte Mario das Herz schwer, und seine Fröhlichkeit bei den Busfahrten war sichtlich gedämpfter.

Dann nahte der Heilige Abend. Mario musste um sechzehn Uhr seinen Bus am Tempelhofer Damm übernehmen. Da er und Stephanie in Spandau am entgegengesetzten Ende von Berlin wohnten, musste er schon kurz nach fünfzehn Uhr aus dem Haus gehen. Bis vierundzwanzig Uhr würde er Dienst haben, und dann würde Stephanie bestimmt bereits schlafen. Mario versuchte dennoch, so heiter wie möglich zu sein, auch wegen der Menschen, die wie er am Heiligen Abend im Bus unterwegs sein würden. Hoffendich, so dachte er sich, sind die meisten Fahrgäste auf dem Weg zu ihren Familien, um mit ihnen schön Weihnachten feiern zu können. Diejenigen, die vor dem Weihnachtsfest weglaufen oder niemanden haben, mit dem sie feiern können, würde er sicherlich erkennen. Denn seine Aufgeschlossenheit, mit der er sonst seinen Dienst versah, brachte es mit sich, dass auch die Menschen um ihn herum allgemein aufgeschlossener waren als sonst, und das wiederum brachte alle untereinander näher, weshalb Mario die Menschen besser kennenlernte als seine Kollegen auf den anderen Bussen.

Beim Abschied von Stephanie hatte er sie tröstend in den Arm genommen und scherzend gesagt, wenn der Weihnachtsmann komme und ein netter Bursche sei, dann dürfe sie mit ihm ein vertrautes Plauderstündchen einlegen, er werde es ihr gönnen und auch nicht eifersüchtig sein. Das war natürlich ein Scherz, aber Stephanie blieb unbewegt und erwiderte nur halbherzig seinen Abschiedskuss. Als er weg war, setzte sie sich unter den schon geschmückten Weihnachtsbaum und brütete vor sich hin. Dann schaltete sie das Radio an. Es erklangen Weihnachtslieder, und sie schaltete bald wieder aus. Aber da klang ein Lied in ihr nach: «Josef, lieber Josef mein, hilf mir wiegen mein Kindelein!»

Ja, sie hatte einst ein Kindelein, einen süßen Buben, den sie über alles liebte. Ein Vater existierte nicht. Biologisch gab es natürlich einen Erzeuger – das mochte ihren Buben vom Jesuskind dieses Weihnachtsliedes unterscheiden. Aber ihren Timo hatte sie so geliebt, wie alle Weihnachtslieder zusammen zur Liebe des Christuskindes auffordern. Mario war jedenfalls nicht der Vater, und er kannte Timo auch nicht. Ja, Stephanie hatte ihm nicht einmal von ihm erzählt. Wo mochte er nur stecken? Nach dem Besuch der Schule war er, wie sein Vater, seiner Wege gegangen. Einmal hatte er angerufen und gesagt, dass er einen Job als Kellner habe und in einer WG wohne. Das war vier Jahre her.

Stephanie holte ein Fotoalbum hervor und sah sich das letzte Foto ihres Sohnes an. Es zeigte ihn als Sechzehnjährigen mit blondem Lockenkopf. Stephanie schluchzte, presste das Foto an ihre Lippen. Dann entsann sie sich, dass sie beim letzten Anruf von Timo eine Telefonnummer mitgekritzelt hatte, die Telefonnummer der WG, die Timo ihr damals auf ihr Befragen gegeben hatte.

Sie suchte nun die Wohnung nach der Telefonnummer ab und fand sie nicht mehr. Da fiel ihr ein, dass sie sie selbst weggeworfen hatte, nachdem sie einmal angerufen hatte und Timo erklären ließ, nicht mit ihr sprechen zu wollen. Das hatte sie verletzt und wütend gemacht. Später aber hatte sie der Gedanke mehr und mehr bedrückt, dass vielleicht Timo von ihr enttäuscht gewesen war, weil sie sich auch nicht um ihn gekümmert hatte.

Als Stephanie Mario und seine unbekümmerte Fröhlichkeit kennengelernt hatte, war sie über vieles hinweggekommen, und auch Timo hatte sich aus ihrer Seele herausgeschlichen. Aber heute war er plötzlich wieder da, und es tat so weh, dass er nicht wirklich da war und sie keinen Kontakt zu ihm hatte.

Stephanie verließ die Wohnung, es war draußen schon dunkel. Ziellos wanderte sie durch die Straßen, sich irgendwo betrinken wäre jetzt schön. Aber sie brachte es nicht fertig, in ein Lokal zu gehen, und kehrte durchfroren und erschöpft wieder in die Wohnung zurück. Dort setzte sie sich vor den Fernseher und blieb dort stundenlang sitzen, bis sie einschlief.

Mario war inzwischen sechsmal seine Strecke hin- und hergefahren. Er hatte, wie er vermutet hatte, zumeist Fahrgäste auf dem Weg zu anderen Menschen an diesem Weihnachtsabend. Sie waren ordentlich oder gar festlich gekleidet und hatten allerhand Geschenke bei sich. Und da passierte es, dass eine Dame ihm ein Geschenk überreichte: eine kleine, muschelige Wärmflasche mit Dackelkopf, aus dessen Schnauze der Hals einer Schnapsflasche mit Kräuterlikör herausragte. Dabei sagte die Dame: «Wie schön, dass Sie heute Dienst haben. Ich bin schon oft mit Ihnen gefahren, und es ist immer so angenehm bei Ihnen.» Es war auch für alle Fahrgäste wieder angenehm gewesen. Wenn der Bus an die Haltestelle kam und sich die Einstiegstür öffnete, begrüßte Mario die Einsteigenden mit Worten wie: «Jetzt herein in die gute Stube, hier ist es angenehm warm», oder «Wir haben zwar leider keinen Weihnachtsbaum, aber es ist gemütlich hier drinnen», oder «Achten Sie auf Ihre liebevollen Geschenke und lassen Sie nichts im Bus liegen, denn sie gehören schleunigst unter den Weihnachtsbaum.» Und dann ließ er leise Weihnachtslieder über den Lautsprecher erklingen, eine Tonbandkassette, die er sich zu Hause eingesteckt hatte.

Allmählich, mit dem später werdenden Abend, nahm die Zahl der Fahrgäste ab. Doch dann wurden es auf einmal wieder mehr, als es auf Mitternacht zuging. Das waren die Leute, die von ihren Besuchen zurückkamen und nun nach Hause wollten. Sie waren besonders in der gerade unter dem Weihnachtsbaum durchlebten Weihnachtsstimmung. Mario spürte das und drehte die Weihnachtslieder lauter. Und tatsächlich begannen die Fahrgäste, die Lieder mitzusingen. Da kam jetzt «Jingle Bells, Jingle Bells» aus dem Lautsprecher, und Mario drückte aufs Gaspedal. Die rhythmischen Klänge des Liedes mischten sich wunderbar in das Fahrgeräusch und gaben Frohsinn und Schwung. Bald würde auch der Dienst für Mario zu Ende sein, und dann konnte er nach Haus, zu Stephanie. Bestimmt würde der kleine Schnapsdackel, der da auf dem Armaturenbrett lag, ihm Glück bringen, dass es dann noch ein schönes frohes Fest mit Stephanie werden würde.

So beschwingt wäre Mario beinahe an einer Haltestelle vorbeigefahren, doch im letzten Augenblick sah er die dünne Gestalt neben dem Haltestellenmast stehen und bremste scharf. Aber er kam erst einige Meter hinter der Haltestelle zum Stehen. «Verzeihung», rief er seinen Fahrgästen zu, «ich hoffe, das ist nicht der Weihnachtsmann, der jetzt einsteigt, denn dann bekäme ich wohl die Rute!»

Alle lachten. Dann stieg der junge Mann ein. Er legte wortlos einige Münzen auf den Schalter und ging nach hinten.

Als Mario mit dem Bus an der Endhaltestelle ankam, zum letzten Mal in dieser Nacht, denn von dort hatte er den Bus nur noch ins Depot zu fahren, als er also ankam, waren alle Fahrgäste inzwischen ausgestiegen bis auf einen, nämlich den jungen Mann. Er war auf der hinteren Rückbank eingeschlafen. Mario ging zu ihm und weckte ihn. «Hallo, mein Freund, von mir, aus könntest du hier weiterschlafen, aber es geht leider nicht. Wo müssen Sie denn hin?» Der junge Mann sah ihn mit großen Augen an. «Ich weiß es nicht. Meine Leute haben mich rausgeschmissen, ich kann nirgendwohin.»

Mario begriff, dass hier wieder eines der Schicksale vor ihm saß, auf die er sich vor dieser Weihnachtsfahrt innerlich bereits eingestellt hatte. Nun die Polizei zu rufen hätte überhaupt nicht in seine Weihnachtsstimmung gepasst, und auch der schnapsköpfige Dackel schien mit dem Kopf zu wackeln. Da beschloss Mario, den jungen Mann mit zu sich nach Hause zu nehmen. Er sagte sich, dass er natürlich nicht alle gestrandeten Fahrgäste zu sich nach Hause nehmen konnte, aber am Weihnachtsabend konnte man vielleicht einmal eine Ausnahme machen. Vielleicht sah ja das Christkind von oben zu, oder mehr noch, es hatte sich unerkannt auf die Erde begeben, um seine Hilfsbereitschaft zu prüfen.

Mario nahm also den unbekannten jungen Mann nach Dienstschluss mit zu sich nach Hause. Unterwegs bekam er nicht viel aus ihm heraus, denn der Bursche schlief immer wieder ein. Er sah trotz seiner Abgezehrtheit eigentlich ganz hübsch aus mit dem blonden, lockigen Haar. Schließlich waren sie vor der Wohnung von Mario angekommen. Durch die Wohnungstür hörte Mario den Fernseher. Stephanie war also noch auf.

Die beiden betraten die Wohnung. Mario sah, dass Stephanie vor dem Fernseher eingeschlafen war, und wollte sie mit einem Kuss wecken. Der junge Mann war plötzlich neben ihm und rief: «Nein!» Da erwachte Stephanie. Sie sah den jungen Mann und rief: «Timo, Timo, bist du es wirklich? Wie hast du hierher gefunden? Woher wusstest du, wo ich wohne?»

Timo nahm seine Mutter in den Arm und sagte: «Ist das dein neuer Mann? Er ist wahnsinnig cool und hat mich einfach so mitgenommen.»

Mario, der von dem verlorenen Sohn Stephanies nichts gewusst hatte, begriff nur langsam, was sich um ihn herum abspielte und wen er da mitgebracht hatte. Dann aber drückte er dankbar seinen Schnapsdackel und wusste, dass das Christkind, wenn es von oben zugeschaut haben sollte, sicher mit ihm zufrieden gewesen wäre.

U. Richter; B. Mürmann (Hrsg.): Weihnachtsgeschichten am Kamin. 22.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag 2007

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Guten Tag! Wir sind kein Verein oder Institution; nur eine Gruppe Freunde, die an Gymnasien und Universitäten unterrichtet. Dieses Projekt ist aus reinen pädagogischen Gründen entstanden und hat überhaupt keine finanziellen Interessen.
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