Freunde lässt man nicht im Stich

Freunde lässt man nicht im Stich

Antonias Katze war verschwunden. Sie saß nicht auf dem Baum, nicht in der Regenrinne und auch nicht unter dem Bügelbrett.

»Vielleicht jagt sie im Keller?«, schlug Mama vor.

»Sie schläft auf dem Dachboden«, wusste Papa ganz bestimmt.

»Ob sie wohl gar im Himmel ist?«, sorgte Großmutter sich bekümmert.

»Ich gehe sie suchen«, meinte Antonia. »Vielleicht ist ihr was passiert. Freunde lässt man nicht im Stich.«

Doch im Keller gab’s nur Fahrräder und auf dem Dachboden vor allem Staub. Die Katze blieb verschwunden.

»Dann werde ich im Himmel nachsehen«, beschloss Antonia.

Und machte sich auf den Weg.

Ein Wolkenkuckuck flatterte vorbei.

»Weißt du, wo meine Katze ist?«, fragte Antonia, »ich mache mir Sorgen um sie.«

Der Wolkenkuckuck wollte heim, er hatte es eilig. Er antwortete nicht und flog davon.

»Ungezogen«, brummelte Antonia und lief weiter.

Sie traf den Sonnenputzer, der polierte eben einen Sonnenstrahl. Freudig schwenkte er den Staublappen.

»Besuch, wie schön!«, rief er fröhlich. »Komm näher, mein Kind!«

»Ich suche meine Katze, kannst du mir helfen?«, bat Antonia.

Der Sonnenputzer dachte nach. »Bei allem, was hier blitzt und blankt«, antwortete er. »Deine Katze habe ich nicht gesehen.«

Die Windsbraut sauste heulend um die Ecke.

»Weißt du, wo meine Katze ist?«, rief Antonia, so laut es ging.

»Hab weder Tatzen noch Katzen vorbeigehn sehn«, sang die Windsbraut und stürmte fächerwedelnd davon. Aus der Ferne hörte Antonia noch:

»Frag doch geschwind den Wind!«

»Den kannst du fragen, ich hab ihm eingefangen und in meinen Beutel getan«, verkündete der Windfang. Er grinste zufrieden. »Hast du denn meine Katze gesehen?«, fragte Antonia.

Der Windfang blickte in seinen Beutel.

Da pfiff und blies es heraus.

»Keine Katze da drin, schade«, stellte er fest. »Aber ich werde mich gerne umsehen.«

»Danke, sie ist meine Freundin und ich mache mir Sorgen, weil ich sie nirgendwo finde«, erklärte Antonia.

Da saß einer, um den wirbelten dicht die Flocken. Er arbeitete mit einem zierlichen Messer und zählte leise vor sich hin.

»Was machst du da?«, fragte Antonia.

»1232. Ich schnitze Schnee«, sagte der Schneeschnitzer, »1233 Flöckchen und dann noch eins, und keines wird wie ‘s andere.

Er zählte weiter. »1234, 1235 … nicht zu viel und nicht zu wenig«, meinte er, »damit alles seine Ordnung hat.«

Liebevoll bettete er sein Schnitzwerk auf ein weißes Häufchen, das neben ihm in die Höhe wuchs.

»Ich kann dich verstehen«, fuhr er versonnen fort. »Freunde kann man sich nicht schnitzen. Sie sind selten, fallen nicht wie Flocken vom Himmel. Aber ich habe leider deine Katze nicht gesehen. 1236, 1237…«

Antonia nickte und ging weiter.

Mitten am heiteren Himmel kauerte der Blitzabwerfer. Er zielte zwischen zwei kleinen Wolken hindurch. Ein Blitz leuchtete auf, dann stank es furchtbar nach Schwefel.

»Donnerlittchen, wo bleibst du?«, rief der Blitzabwerfer ungeduldig.

»Ich komme«, antwortete eine Stimme. Leises Donnerrollen und Grollen war zu hören. Dann hustete jemand.

»Ich habe mich erkältet, hier zieht’s so«, klagte Donnerlittchen heiser. »Manchmal geht das Donnern eben nicht«, fügte es kleinlaut hinzu.

Dann musste es niesen.

»Jammerschade«, brummelte der Blitzabwerfer. »Ich plage mich mit meinen Blitzen und du bringst keinen ordentlichen Krach zustande.«

»Ja, wirklich schauerlich«, zirpten ein paar Regentropfen und schüttelten sich.

»Ich werde mich krank melden«, sagte Donnerlittchen traurig.

»In Ordnung«, meinte der Blitzabwerfer. »Kannst du denn donnern und grollen?«, fragte er Antonia.

»Nein, ich glaube nicht«, entschuldigte sich Antonia. »Ich suche bloß meine Katze.«

Der Blitzabwerfer dachte nach. »Ich kenne Schäfchenwolken und ein Mondkalb«, antwortete er, »doch Katzen haben hier nichts verloren.« Er nahm den nächsten Blitz und bog ihn zurecht.

»Aber sie ist doch meine Freundin«, sagte Antonia leise.

Da kam der Tagedieb auf leisen Sohlen geschlichen. Bedächtig schob er den Tag vor sich hin.

»Feierabend, Schluss für heute«, murmelte er. Hinter ihm kroch müde das Dämmerdunkel hervor, das Zwielicht zappelte schon ungeduldig.

»Es wird finster und ich habe meine Katze noch immer nicht gefunden«, jammerte Antonia.

»Jaja, auf seine Freunde muss man schauen«, meinte der Tagedieb.

»He, Mondgesicht«, rief er. »Antonias Katze wird gesucht!«

Das Mondgesicht rollte mit den Augen.

»Hast du eine Katze gesehen?«, fragte es den Sternwärter.

Der Sternwärter schwang seinen Stab. Der Steinbock sprang an seinen Platz, der Stier brüllte, die Fische schwiegen.

»Sternstunde ist’s!«, rief der Wärter und alle fingen an zu leuchten. Er zählte flink die Häupter seiner Schützlinge. »Alle da und keiner zu viel.« Er drehte sich zu Antonia und sagte: »Am Himmel steht die Katze nicht, sieh lieber auf der Erde nach.«

»Sternschuppen kommen und gehen«, sagte das Mondgesicht nachdenklich, »doch Freunde will man behalten.« Lautlos rollte es ein Stückchen weiter.

»Du wirst deine Freundin schon wieder finden«, meinte der Sternwärter tröstend und die Fische nickten dazu. Traurig ging Antonia nach Hause.

Vor der Küchentür lag eingekringelt die Katze. Sie hob den Kopf und gähnte.

»Wo warst du so lange?«, fragte sie, es klang ein wenig vorwurfsvoll. »Ich war Mäuse jagen. Als ich zurückkam, konnte ich dich nicht finden. Ich dachte schon, es sei dir was passiert, und habe dich gesucht.

Freunde lässt man schließlich nicht im Stich.«

Sigrid Laube; Silke Leffler: Freunde lässt man nicht im Stich.
Wien: Annette Betz Verlag 2003

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Über kindg

Guten Tag! Wir sind kein Verein oder Institution; nur eine Gruppe Freunde, die an Gymnasien und Universitäten unterrichtet. Dieses Projekt ist aus reinen pädagogischen Gründen entstanden und hat überhaupt keine finanziellen Interessen.
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