Ein ganz lieber Hund

Ein ganz lieber Hund

»Komm rein, David!« sagt die Klavierlehrerin. »Du brauchst dich nicht zu fürchten, Heinrich ist ein braver Hund.«

»Ich mag keine Hunde«, sagt David und bleibt in der offenen Tür stehen. Frau Messner hält den und am Halsband fest, damit er David nicht anspringen kann.

»Komischer Name für einen Hund«, denkt David. Dann sagt er: »Mich hat einmal einer gebissen!«

David zeigt auf eine winzige Narbe an seiner rechten Wange. »Da! Wie ich ein Baby war.«

»Aber der Heinrich beißt nicht! Der will nur mit dir spielen!«

»Ich will aber nicht spielen! Ich fürcht‘ mich. Die Mama hat gesagt, dass Sie einen ganz kleinen Hund haben! Der da ist aber groß!«

»Trotzdem ist er noch ein ganz junger Hund«, erklärt Frau Messner freundlich. »Der tut dir nichts. Aber ein Schäferhund ist halt kein Dackel.«

An Dackel hatte sich David schon gewöhnt. Er hatte sogar schon einmal einen gestreichelt. Aber um Hunde, die ihm bis zum Knie oder noch höher reichen, macht David einen riesen Bogen.

Wenigstens hat Heinrich zu bellen aufgehört.

»Platz!« befiehlt Frau Messner, damit der große Heinrich ihrem Schüler zuliebe ein bisschen kleiner aussieht. Jetzt will er David beschnuppern.

»Platz!« herrscht sie ihn noch einmal an und versetzt ihm einen Klaps auf sein Hinterteil. Der kurze Schlag mit der flachen Hand war so stark, dass Heinrich auf dem Parkettboden ein Stück vorrutscht.

»Au!« sagt David. Er will nicht, dass die Lehrerin den Hund seinetwegen schlägt. Bestimmt hat ihm der Schlag wehgetan.

Heinrich jault auf, duckt sich. Er zieht den Kopf ein und blickt aus großen verängstigten Augen zu Frau Messner hoch. Weil er so ängstlich dreinschaut, tut David der Hund leid.

Plötzlich ist seine eigene Angst vor dem Hund, der sich selber auch fürchtet, nicht mehr ganz so groß.

»Komm, fangen wir endlich an!« Die Lehrerin setzt sich ans Klavier und schlägt die Noten auf. Aus der Ecke, in der Heinrich auf seiner Decke liegt, klingt Schmatzen und Sabbern. Knirschen und Knacken.

Frau Messner schlagt einen Ton an, aber David hört nur das Schmatzen und Sabbern, Knirschen und Knacken.

»Er kaut an seinem Plastikknochen«, sagt sie.

»Kriegt er denn nichts Richtiges zu fressen?«

»Natürlich! Aber der Knochen ist gut für seine Zähne und für seine Kiefer. Außerdem macht ihm das Beißen Spaß.«

David zieht die Beine hoch.

»Keine Angst! Er beißt nur erlaubte Dinge.«

Hoffentlich weiß er, dass meine Beine nicht erlaubt sind, denkt David.

»Heinrich bekommt gutes Fleisch, ein bisschen Gemüse und Vitamine. Er kriegt sogar Lebertran.«

»Pfui!« David schüttelt sich. Dieser grausliche Lebertran war auch in der Flasche drin, von der er jeden Morgen einen Löffel Saft schlucken musste.

So ein armer Hund! Er bekommt Schläge, muss Lebertran trinken und Plastikknochen kauen.

»So«, sagt Frau Messner. »Jetzt spiel mir einmal das Lied vor, das wir letztes mal geübt haben.«

David bewegt die falschen Tasten. Er hat heute viel über Hunde gelernt, die schon groß sind, auch wenn sie noch ganz klein sind. Vielleicht sind dann auch die fremden großen Hunde auf der Straße nicht gar so schrecklich, wie er immer glaubt.

»Also was ist denn nun!« Frau Messners Stimme klingt ärgerlich. »Der Hund tut dir sicher nichts! Er hört zu. Er mag Klavierspiel.«

Aber meines bestimmt nicht, denkt David. Die Angst ist wieder da. Beim ersten falschen Ton beißt er mich…

David spielt, aber es wird kein Lied daraus, weil er dazwischen immer wieder zu Heinrich auf der Decke äugt. Auch Heinrich hat zu nagen aufgehört. Er schaut David neugierig an, springt auf und kommt langsam auf das Klavier zu.

»Ich versprech‘ dir, der Heinrich ist harmlos. Der hat selber Angst. Der braucht selber sehr viel Liebe. Und wenn er einmal einen Klaps von mir bekommt, dann nur, weil er auch gehorchen lernen muss.«

Sie tätschelt sein Fell, klopft ihm sanft auf die Schnauze. »Bist ein lieber Hund. Bist ein braver Hund… Und jetzt geh! Geh auf deine Decke zurück!«

Und wirklich: Heinrich trottet in seine Ecke zurück.

»Toll !« ruft David aus. »Er versteht, was Sie sagen!«

»Man muss nur oft genug dieselben Sätze wiederholen.«

Auch das ist neu für David : Ein Hund, mit dem man reden kann. David probiert es gleich aus. »Du bist ein lieber Hund«, sagt er leise. Dann laut: »Ein lieber Hund… ein lieber Hund…«

»Du wirst sehen, gleich kommt er zurück. Er ist wie ein Baby, das immer gestreichelt werden will.«

Heinrich ist wieder da. Er legt sich zu ihren Füßen nieder.

»Ich hab‘ ihn hergeholt«, sagt David stolz.

Plötzlich beginnt die Lehrerin von Heinrich zu erzählen. »Du hättest ihn sehen sollen, wie ich ihn bekommen habe. Ich hab‘ ihn mir aus dem Tierheim geholt. Dort wollte ihn keiner haben, weil er so dünn und hässlich war. Und einen Tick hat er auch. Er steigt in kein Auto. Als er noch ganz ganz klein war, wurde er von einem Auto angefahren. Schau!« Sie dreht ihn sanft auf den Rücken. »Siehst du, da wurde er wieder zusammengenäht.«

David erkennt eine rötlich-braune krumme Linie, die sich quer über den hellen Hundebauch zieht. Armer Heinrich! David greift sich an seine eigene Narbe. Das ist genauso schlimm wie das, was ihm passiert ist!

»Und wem hat der Hund gehört, bevor Sie ihn bekommen haben?«

»Das weiß man nicht. Er wurde verletzt auf der Straße gefunden. Jemand hat ihn ins Tierheim gebracht, weil er keine Hundemarke um den Hals hatte.«

»Und keiner hat ihn gesucht?«

»Keiner. Es war Sommer. Vielleicht wollten die, denen der Hund gehört hat, auf Urlaub fahren und wussten nicht, wohin mit ihm.«

»Da haben sie ihn einfach auf die Straße gesetzt?!«

»Möglich«, sagt Frau Messner. »Vielleicht hat er sich auch verlaufen. Jedenfalls hat sich keiner gemeldet, der ihn zurückhaben wollte.«

Am liebsten würde David den armen Hund jetzt streicheln. Aber er traut sich noch nicht ganz nah zu ihm hin.

»So! Und jetzt fangen wir endlich an!«

David schaut auf die Noten. Aber in seinem Kopf läuft ein kleiner schwarzer Hund über die Fahrbahn. Er ist nicht schnell genug. Bremsen quietschen. Der kleine Hund wird durch die Luft geschleudert und bleibt unter den Rädern liegen.

David knirscht vor Schmerz mit den Zähnen, schließt plötzlich die Hände zur Faust.

»So kann man doch nicht spielen!« sagt Frau Messner. » Was hast du denn? Hast du Bauchweh?«

»Nn … ein«, stottert David. Er schielt zu Heinrich. Davids Angst vor dem Hund, der selber Angst hat, weil er von einem Auto angefahren wurde, ist endgültig weg. Nicht einmal seine Zunge, die rot und lang aus dem Maul hängt, erschreckt ihn mehr.

»Warte einen Augenblick. Ich hol‘ ihm nur was zu trinken!« Frau Messner läuft in die Küche.
Heinrich legt eine Pfote auf das Pedal.

»Spiel du für mich«, sagt David. »Den Unterschied merkt sowieso keiner.«

Der Hund sieht ihn aus großen Augen bittend an.

»Was willst du denn?«

»Er möchte, dass du ihn streichelst«, sagt Frau Messner, die mit einer Schüssel voll Wasser ins Zimmer kommt. »Schau, wie lieb er dich anschaut.«

David möchte den Hund ganz gern streicheln, aber es geht noch nicht. Auch wenn Heinrich anders ist als andere Hunde, David weiß: Hunde beißen.

Und sein Freund Olaf, der einen Spaniel hat, hat ihm gesagt: Hunde riechen viel besser als Menschen und hören besser, als er hören kann.

Und Hunde merken ganz genau, wenn man Angst hat. Da kann David noch so laut auf der Straße pfeifen und singen und sich nicht fürchten wollen, wenn ihm ein Hund entgegenkommt. Der Hund kann in Davids Zitterbauch hineinschauen!

Meinetwegen kann Heinrich da unten bei meinen Füßen liegen, denkt David. Aber anfassen will ich ihn lieber nicht. »Bist ein ganz lieber Hund«, sagt er noch einmal, so freundlich er kann. David spürt Heinrichs warmen Atem an seiner nackten großen Zehe.

»Er mag dich«, sagt Frau Messner. »Er bleibt bei dir.«

Das findet David schon.

»Hilfe«, schreit er plötzlich und springt so heftig auf, dass der Klavierhocker mit einem lauten Knall auf den Fußboden schlägt. Im selben Augenblick schnellt auch Heinrich erschrocken hoch, ist mit einem Riesensatz unter dem Klavier verschwunden und drückt sich zitternd in das dunkle Mauereck.

»Ja, was ist denn passiert?!?« ruft Frau Messner entsetzt.

Sie weiß nicht, wen sie zuerst trösten soll, den erschrockenen David oder den zitternden Heinrich.
»Er hat meine große Zehe geschleckt! « sagt David und schämt sich ein bisschen.

»Er wollte dir bestimmt nichts tun! Er wollte dir nur zeigen, dass er dich mag!«

Komische Art zu zeigen, dass man einen mag, denkt David.

Er hat sich wieder beruhigt. Heinrich nicht.

Frau Messner kriecht auf allen vieren unter das Klavier. Sie redet sanft auf den Hund ein. »Ist ja gut«, sagt sie. »Ist ja gut…«

David kriecht ihr unter das Klavier nach.

»Entschuldigung«, sagt er zu Heinrich.

Frau Messner nimmt einfach seine Hand und streicht mit ihr über Heinrichs Rücken. »David wollte dich nicht erschrecken«, sagt sie. Sie nimmt ihre Hand fort, und David fährt ihm allein über das Fell, immer wieder, bis der Hund nicht mehr zittert. Bis er ganz ruhig ist.

Es ist schön, den Hund zu streicheln.

Es ist noch schöner zu zeigen, dass man keine Angst mehr hat.

Am liebsten würde David ihm noch einmal seine große Zehe zu schlecken geben. Als Versöhnungsangebot. Um zu zeigen, dass es ihm leid tut.

Aber es genügt auch so.

Heinrich legt seinen Kopf in Davids Schoß, und David bleibt sitzen und rührt sich nicht.

Evelyne Stein-Fischer: 13 Geschichten vom Liebhaben.
München: DTV Junior 1990

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