Ein Bär auf der Jagd

Ein Bär auf der Jagd

Es ist kein Märchen: Es war einmal ein Bärchen, dem fehlten auf dem Kopfe Härchen.

Im Ernst: Als der Bär auf die Welt kam, hatte er ein wunderschönes Fell, um und um, nur oben, auf dem höchsten Hügel des Kopfes, war ein nackter, kreisrunder Fleck. »Herrje, eine Glatze!«, sagte der Vater. »Das Haar wird bestimmt noch wachsen, es hat ja noch Zeit«. Aber es wuchs nicht, auch mit der Zeit nicht.

Da legte die Mutter Wurzeln auf den nackten Fleck: Meerrettiche, Baumwurzeln, Löwenzahnwurzeln, Bärenklauwurzeln. »Aus den Wurzeln wächst alles empor«, sagte die Mutter, »das muss doch helfen!« Aber es half nicht. Die Mutter rieb mit Regenwasser ein. »Regenwasser bringt alles zum Wachsen.« Nichts. Sie rieb Hühnermist ein. » Die Menschen brauchen ihn auch für das Wachstum der Pflanzen.« Nichts. Da spuckte der Bruder des Bären in den bloßen Kreis. »Entschuldige!«, sagte der Bruder. »Es musste sein. Wo ich hinspucke, gedeiht immer etwas.« Auf dem Bärenkopf gedieh aber nichts.

»Es ist nur halb so schlimm«, sagte die Mutter, »trag eine Kappe!« Aber der Bär trug sie nur, wenn es kalt war. Im Sommer nahm er sie ab, erstens, weil es zu heiß war, und zweitens, weil ihn alle Bären genauso merkwürdig anstarrten, wie wenn sie den unbehaarten Fleck sahen.

»Hilf dir selbst! Ein guter Bär weiß sich immer zu helfen!«, sagte der Vater. »Jag dir ein Tier, zieh ihm das Fell über die Ohren. Wir kleben’s dir dann auf den Kopf.«

»Mit Spucke«, sagte der Bruder.

Der Bär ging hinaus in den Wald und begegnete einem Tiger, der gewaltig fauchte und sich sprungbereit machte. Schwupp! war der Bär schon weg und rannte ins Haus.

»Hast du nichts gejagt?«, fragte die Mutter. »Nein, im Wald ist nur ein Tiger gewesen, und den mochte ich nicht fangen. Ich will keine Streifen auf dem Kopf.«

Am nächsten Tag ging der Bär wieder in den Wald auf die Jagd, sah von weitem einen Wolf kommen, der sich die Lippen leckte. Der Bär machte sich schleunigst aus dem Staube und lief heim. »Hast du nichts gejagt?«, fragte die Mutter. »Nein, ich habe nur einen Wolf getroffen, und den mochte ich nicht fangen. Er hatte graue und weiße Haare im Fell. So alt möchte ich noch nicht aussehen.«

Bei der nächsten Jagd stand plötzlich ein Fuchs vor ihm und riss das Maul auf. Der Bär war schneller und kam ohne Schaden daheim an. »Hast du wieder nichts gejagt?«, fragte der Bruder. »Nein. Ich habe nur einen Fuchs gesehen, und den möchte ich nicht fangen. Er hat nach faulem Fleisch gerochen. Ich will keinen Gestank auf dem Kopf.«

»Das ist mein letzter Versuch«, sagte der Bär, als er am nächsten Tag nochmals in den Wald ging. Er traf niemanden an und kam immer tiefer in den Wald hinein, stöberte durchs Unterholz, kroch in Büsche hinein, kletterte auf einen Baum. Da schlief auf der zweitobersten Astgabel ein Eichhörnchen, und sein Fell hatte die gleiche Farbe wie der Bärenpelz.

»Da haben wir’s ja!«, sagte der Bär, rieb sich vor Freude die Pfoten, erhob sich dann, um das Eichhörnchen zu erschlagen. Das Eichhörnchen öffnete ein Auge, blinzelte den Bären freundlich und ohne Angst an. »Entschuldige!«, sagte der Bär. »Es muss nicht sein. Ich will kein schlechtes Gewissen auf dem Kopf.«

Er nahm die Pfoten herunter, gab eine dem Eichhörnchen und kletterte wieder den Stamm hinunter. Er setzte sich ins Moos, lehnte sich an den Baum, und weil er vom Jagen müde war, schlief auch er ein.

Da kam eine Haselmaus daher, eine Haselmausmutter mit einem sehr dicken Bauch, huschte an dem Bärenbein entlang, krabbelte über den Arm und die Schulter auf den Bärenkopf.

»Hoppla!«, sagte sie. »Dieses Plätzchen ist ja wie geschaffen für mich. Es ist zwar nicht weich, aber ringsum hübsch warm.« Sie rupfte sich Haare aus, polsterte den nackten Kreis aus, machte sich’s bequem und legte die Jungen ab.

Als der Bär erwachte, kribbelte es so eigenartig auf seinem Kopf. Er langte nach seinem blanken Fleck – wie er meinte – und spürte, dass da eine große Maus war und vier kleine Mäuse, die sich nackt anfühlten. Er erhob sich sehr, sehr sorgfältig, ging Schritt für Schritt nach Hause.

Da staunten die Mutter, der Vater, der Bruder. »Jetzt hast du ja Haare auf dem Kopf«, sagten sie. Der Bär schlief nur noch aufrecht auf Stühlen, bis die Jungen aus dem Kreisfleck krochen, über die Schulter und den Bärenarm hinunterkrabbelten und hinter der Mutter her übers Bärenbein davonliefen in den Wald hinaus.

Nach und nach wehte der Wind die Polsterhaare, die Maushaare wieder vom Bärenkopf. »Eigentlich bin ich ganz zufrieden mit meiner Glatze«, sagte der Bär. »Vielleicht kann sie wieder einmal jemand gebrauchen.«

Hans Manz

Reinhard Michl (Hrsg.): Wo Fuchs und Hase sich Gute Nacht sagen.
Hildesheim: Gerstenber Verlag 2002

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