Martinus, mein Bruder (St. Martin)

Martinus, mein Bruder

Das Ziel vor Augen, schüttelte Ambros die Müdigkeit ab und beschleunigte seine Schritte. In die Grauschleier des nasskalten Novembertages zeichnete sich der Kirchturm von Candes wie ein dunkler Schatten. Gerade als die Glocke anschlug, eilte Ambros durch das südliche Tor. Die Stadt lag wie erstickt unter den niedrig hängenden Wolken. Kein Mensch zeigte sich. Die Straße führte auf den Marktplatz. Das graublaue Basaltpflaster glänzte vor Nässe. Gestutzte Platanen säumten den Platz. Sie hatten die letzten Blätter längst abgeworfen und die knorrigen Zweige überwölbten wie bizarre Sparren eines Daches die Gehsteige. Fenster und Türen rundum waren geschlossen. Nur das Portal der großen Kirche stand weit offen.

Er warf einen Blick hinein, aber auch dort sah er niemand. In einer Seitenkapelle flackerte eine fast heruntergebrannte Kerze. Der schwache Duft von Weihrauch hing in der Luft.

Das Licht zog Ambros an. Er ließ das Bündel von der Schulter gleiten und entzündete eine neue Kerze. Über dem Flämmchen wärmte er seine Hände. »Zu spät«, murmelte er, »zu spät.«

Harter Hufschlag und das Rattern von Rädern auf dem Pflaster schreckten ihn auf. Er griff nach dem Bündel und verließ die Kirche.

Vor dem Gasthaus »Zum goldenen Eber« band ein untersetzter grauhaariger Mann seinen schweren Ackergaul an. Das Pferd dampfte. Der Mann warf ihm eine Decke, die er vom Wagen genommen hatte, über den Rücken. Dann trat er in die Gaststube.

Ambros folgte ihm, zog die Tür hinter sich ins Schloss und blieb unschlüssig stehen. Eine alte Frau hockte neben dem Kamin, in dem ein Feuer brannte. Sie sprach mit dem Wagenbesitzer.

»Sind alle fort«, sagte die Frau. »Gleich nach der Frühmesse sind sie aufgebrochen. Nach Tours, in seine Stadt, wollen sie ihn bringen. War ein langer, langer Zug. Hab noch nie so viele Menschen auf einem Haufen gesehen.« Sie wandte sich Ambros zu.

»Woher? Wohin?«, fragte sie.

Ambros zuckte die Achseln und trat näher an das Feuer.

»Ich hörte, dass er sich hier in Candes aufhielt. Da machte ich endlich wahr, was ich mir schon seit Jahren geschworen hatte. Ich wollte ihn sehen, wollte …«

»Weißt du es denn nicht? Martin ist tot.«

»Unterwegs habe ich gehört, dass er krank in dieser Stadt liegt. Ich wollte ihn unbedingt sehen. In aller Eile bin ich weitergezogen.«

»Arm, wie er gelebt hat, ist er gestorben«, erzählte die Frau. »Sie wollten ihn weich betten, aber er hat darauf bestanden, auf dem harten Boden zu liegen, wie stets in den letzten Jahren. Du kommst zu spät. Aber vielleicht … der Herr hier hat einen Wagen.«

»Was, vielleicht?«, fragte Ambros.

Da sagte der Graukopf: »Wir haben das nämliche Ziel. Ich will nach Tours. Ich will dabei sein, wenn Martin zu Grabe getragen wird. Gleich morgen in aller Frühe breche ich auf. Es soll eine große Menschenmenge zusammengeströmt sein, die den Toten begleitet. Je größer die Menge, umso langsamer der Zug. Du kannst mit mir fahren. Wir werden rechtzeitig in Tours sein.«

Einen Augenblick überlegte Ambros. Dann sagte er: »Was ich mir vorgenommen habe, kann ich immer noch tun, auch wenn Martin schon tot ist. Ich nehme dein Angebot an.«

Er streckte dem Mann die Hand hin und wiederholte: »Ich nehme das Angebot gern an.«

Der Fremde schlug ein: »Ich bin Lucius Veranus«, sagte er.

»Ein Römer also«, stellte die Frau fest.

»Lange Jahre war ich der Centurio Lucius Veranus, aber jetzt bin ich ein Veteran und nur noch ein alter Mann, den die Knochen so schmerzen, dass er nicht mehr reiten kann. Deshalb der Wagen.«

Die Frau bot ihnen Brot und einen Krug Wein an. Später saßen sie vor dem Feuer.

»Alles, was in dieser Stadt halbwegs gesunde Beine hat, ist mitgelaufen«, erzählte sie. »Wir kannten ihn gut. Die Menschen in Tours haben damals den Richtigen zum Bischof gemacht.«

»Man hört, er wollte gar nicht Bischof werden«, sagte Lucius.

»Ganz und gar wollte er nicht.« Die Frau geriet in Eifer. »Versteckt hat er sich. Als sie nach ihm suchten, fiel ihnen lautes Gänsegeschnatter auf. Bei den Vögeln im Stall, stellt euch vor, bei den Gänsen wollte er sich verbergen.« Sie lachte in sich hinein. »Ausgerechnet bei den Gänsen! Hätte er doch wissen können, dass Gänse wachsamer sind als jeder Hund. Und er hat gesagt, nie und nimmer würde er in ein reiches Bischofshaus einziehen. Das haben ihm andere Bischöfe übrigens ziemlich übel genommen und behauptet, so ein Mensch stelle doch nichts Rechtes vor, so ärmlich gekleidet und in einer erbärmlichen Behausung. Der könne doch kein Bischof sein. Aber das Volk hat es gewollt und hat sich auch gefreut, dass er arm mit den Armen leben wollte. An der Loire hat er sich in einer Felshöhle eine Kammer eingerichtet, weit genug weg von Tours, um aus dem Getriebe der Stadt heraus zu sein, und nah genug, um seinen Dienst zu tun. Während der Gottesdienste war sein Platz auf einem rohen Holzschemel und der prächtige Thron seines Vorgängers ist verstaubt.«

»Und das hat den Menschen gefallen?«, fragte Lucius. »Sie sind doch sonst empfänglich für Putz und Pomp.«

»Gefallen, sagst du, gefallen?« Die Frau lachte wieder in sich hinein.

»Viele sind ihm nachgelaufen, haben sich auch Höhlen in den Fels geschlagen. An die hundert Brüder sollen es sein, die dort miteinander leben.«

»Nun ja«, sagte Lucius, »jeder, wie er’s mag. Für mich jedenfalls war’s kein Leben. Ich lieb’s in meinem Alter etwas bequemer.«

Die Frau schwieg eine Weile. Sie schauten dem Spiel der Flammen zu. Endlich murrte sie: »Merkwürdige Gäste sind da in mein Haus gekommen. Wenn ich nicht rede, dann bleibt es still wie in einem Totenhaus. Was treibt euch denn zu Martin? Wisst ihr nichts von ihm zu berichten?«

Da begann Lucius zu erzählen: »Ich war noch kaiserlicher Offizier und tat meinen Dienst in Trier. Eines Tages wollte ein gewisser Martin von Tours den Kaiser sprechen. Der hatte wichtigere Dinge zu tun, als einen hergelaufenen Bischof aus Gallien zu empfangen. Wie Martin trotzdem in den Kaisersaal gelangte, das ist ein Rätsel gewesen. Kaiser Valentinian schaute voller Verachtung auf den Eindringling. Der sah auch merkwürdig genug aus, der Mann in seiner Kutte unter all denen mit kostbaren Kleidern. Valentinian dachte nicht daran, sich vom Thronsessel zu erheben. Doch da …« Der Centurio stockte und blickte vor sich hin.

»Was da?«, drängte die Frau.

»Da schlugen aus dem Thron plötzlich Flammen empor. So schnell habe ich den Kaiser zuvor nie aufspringen sehen.«

»Flammen? So mir nichts, dir nichts Feuer unterm Hintern?« Ambros lachte laut.

»Lach du nur. Ich würd’s ja auch nicht glauben, wenn ich es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte. Jedenfalls habe ich mich von diesem Tag an für Martin interessiert und mich umgehört nach ihm. Und ich sage euch, ich habe manch Sonderbares erfahren.«

Die Frau legte ein paar Holzscheite nach und fragte: »Was zum Beispiel hast du erfahren?«

»Am meisten hat mich die Sache mit Priszillian berührt. Das war ein frommer und wortgewaltiger Mann. Das Volk wollte ihn zum Bischof von Avila machen. Aber er predigte etwas, was die anderen Bischöfe und auch die gelehrten Männer der Kirche für ganz und gar falsch hielten. Priszillian hämmerte den Menschen ein, nur die Seele sei aus Gott, der Leib aber stamme vom Teufel. Einige Bischöfe führten gegen ihn Klage beim Kaiser. Priszillian und sechs seiner Brüder wurden nach Trier befohlen. Auf das Drängen einflussreicher Bischöfe hat der Kaiser sie wegen der Irrlehre enthaupten lassen. Hier wurden von der Kirche Menschen wegen einer falschen Lehre umgebracht.«

»Von der Kirche?«, fragte die Frau. »Ist Martin nicht auch die Kirche?« Sie stieß mit dem Schürhaken so heftig in die Glut, dass die Funken aufstoben. Ambros fragte: »Martin? Was hatte der Bischof von Tours damit zu tun?«

Der alte Offizier fuhr fort: »Auch Martin war sicher, dass Priszillian eine falsche Lehre verbreite, und hat ihm offen widersprochen. Aber es hat ihn tief getroffen, dass einige seiner Bischofsbrüder sich nicht die Mühe machten, den Irrtum zu widerlegen, sondern dass sie den, der sich irrte, umbringen ließen.«

»Ja, wie Martin, so sollte die ganze Kirche sein!«, rief Ambros aus.

»Und du«, sprach die Frau ihn an, »was weißt du von ihm zu erzählen?«

»Nun, das wird dem Centurio nur schwerlich gefallen.« Ambros schmunzelte.

»Nur zu, nur zu!«, ermunterte Lucius ihn. »Ich ahne bereits, was du sagen willst. Darüber ist ja oft genug unter den Soldaten gestritten worden. Das war doch die Sache mit Kaiser Julian, nicht wahr?«

Die Frau fuhr dazwischen: »Nun nimm ihm nicht das Wort von der Zunge. Lass ihn seine Geschichte selbst erzählen.«

»Ja«, bestätigte Ambros. »Es war die Sache mit Julian Apostata. Martin gehörte damals noch zur Legion. Und die war nach Worms verlegt worden. Es sollte gegen aufrührerische Germanenstämme gehen. Der Kaiser selbst trat vor die Soldaten. Für jeden Einzelnen hatte er ein Geschenk, Mann für Mann. Er wusste, sie würden für ihn durchs Feuer gehen. Und dann sollte der junge Offizier Martinus vortreten. Doch der weigerte sich, das Geschenk anzunehmen. Er bekannte, er sei ein Christ.

Dem Kaiser schoss das Blut ins Gesicht. >Was soll das heißen?<, herrschte er Martinus an. Martin antwortete: >Nie mehr werde ich zum Schwerte greifen, nie mehr werde ich einen Menschen töten. Ich habe dir treu gedient, mein Herr, aber von heute an will ich meinem Gott mehr gehorchen als den Menschen.< Der Kaiser beschimpfte Martin und nannte ihn vor aller Ohren einen Feigling. Da bot Martin an, dass er am Tage der Schlacht ohne Waffen vor der Schlachtreihe her den Germanen entgegenziehen werde.« »Und?«, fragte die Frau und blickte gespannt auf Ambros. Doch die Antwort gab Lucius. »Es kam nicht dazu; denn wenige Stunden später sandten die Germanen Unterhändler und boten Frieden und Tribut an.« »Ein Feigling war er nie«, bestätigte die Frau. Sie begann zu berichten, was sie in der Wirtsstube von den Gästen gehört hatte. Martin habe Kranke geheilt und böse Geister vertrieben, ja einmal habe er sogar einen seiner Brüder, der während seiner Abwesenheit gestorben sei, ins Leben zurückgerufen. Er habe sich wie Elias auf den Toten gelegt und so lange beharrlich gebetet, bis der Lebensatem wieder in den Körper geströmt sei. Ambros sagte zwar nichts dazu, aber er schaute ziemlich ungläubig drein. »Glaub’s nur, glaub’s nur!«, forderte ihn die Frau auf und beteuerte: »Einmal bin ich selbst dabei gewesen, als er die barmherzige Liebe Gottes auf einen Menschen herabgerufen hat. Das war vor Chartres. Ich war eine Wegstrecke lang mit einem Mann aus Nimes gelaufen. Seine Tochter begleitete ihn. Die hatte in ihrem ganzen Leben noch nie ein Wort über die Lippen bringen können und war doch schon zwölf Jahre alt. Da kam uns Martin mit einigen seiner Brüder entgegen. Der Mann stürzte auf den Bischof zu und rief: >Du giltst als Freund Gottes, Martin. Hilf meiner Tochter und bitte Gott, dass er ihre Zunge löse.< Da tupfte Martin mit seinem Finger einen Tropfen Öl auf die Lippen des Mädchens, zeichnete ihm ein Kreuz auf die Stirn und rief mit lauter Stimme: >Epheta! Tu dich auf !< Da begann das Mädchen, verständlich zu sprechen. Allen, die dabei gewesen sind, lief ein Schauer über den Rücken. Der Vater des Mädchens aber warf sich vor Martin auf die Knie nieder und lobte Gottes große Macht. Und ich war selbst dabei, ganz, ganz nahe. Und heute noch, wenn ich daran denke, überläuft es mich jedes Mal heiß und kalt.« »Mich überläuft’s auch kalt, Frau, wenn ich daran denke, dass in ein paar Stunden der neue Tag anbricht. Wir wollen zeitig los. Zeig uns also unsere Kammer!« So gesprächig die drei am Abend gewesen waren, so stumm und mürrisch sah sie der Morgen. Kaum ein Wort brachten sie heraus. Bald schon saß Ambros neben Lucius auf dem Kutschbock. Das Pferd trabte los. Von Martin war nicht mehr die Rede. Gelegentlich sagte der eine zum anderen: »Hoffentlich kommen wir noch rechtzeitig nach Tours.« Zwar holten sie den gewaltigen Trauerzug nicht mehr ein, aber als sie in Tours ankamen, merkten sie, dass sie nicht zu spät gekommen waren. Die Straßen fassten kaum die Menschen. Ambros und Lucius gebrauchten ihre Ellbogen, um sich in die Kirche zu drängen. Dort lag der Bischof Martin aufgebahrt. Ein großer Friede ging von dem Toten aus. So übervoll die Kirche auch war, um den Toten herum hatte man Raum gelassen. Genau auf diese Stelle fiel Sonnenlicht durch die Kirchenfenster, als Ambros an die Bahre trat. Ringsherum erhob sich unwilliges Gemurmel, als hätte er einen heiligen Bezirk entweiht. Er aber achtete nicht darauf, nahm sein Bündel von der Schulter und entrollte es. Es war ein Stück Tuch, zerschlissen und alt. Das deckte Ambros dem Toten über die Beine und sprach laut: »Vor vielen Jahren, Martinus, mein Bruder, saß ich im Schnee vor dem Stadttor von Amiens und fror. Da kamst du, hoch zu Ross. Du beugtest dich nieder, Martinus, mein Bruder, nieder zu dem in der Gosse. Und du teiltest unter dem Gespött der Gefährten mit dem Schwert deinen Mantel und hülltest mich ein, Martinus, mein Bruder, und erbarmtest dich meiner. Am Tage deines Todes, Martinus, hat der Herr dich empfangen und zu dir gesprochen: >Komm zu mir zum ewigen Festmahl, mein lieber, lieber Bruder. <«

Dann trat Ambros zurück und vor ihm öffnete sich eine Gasse. Er schritt hindurch und verschwand in der Menge.

Willi Fährmann: Folget dem Stern.
München: OMNIBUS Taschenbuch 2004

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