Der kleine Bruder – Afrika

Der kleine Bruder

Ein Märchen der Kaffern

Ein Knabe wohnte bei seiner großen Schwester. Wenn sie die Kühe melken gingen, schlug sie ihn mit dem Stock, mit dem sie die Kälber von den Kühen jagte. Wenn er Milch bekam, so war es nur ein kleiner Schluck, der mit Wasser verdünnt wurde, und nachts musste er draußen in der Asche schlafen.

Da sagte eines Tages der Bulle zu ihm: »Komm zu mir, wenn du die Kälber hütest. Ich werde dir zu essen geben.« Und als der Knabe die Kälber hütete, ging er zum Bullen. Der hieß ihn, in einen seiner Hufe hineinzukriechen. Er kroch hinein und fand Nahrung und einen Topf. Damit kam er wieder heraus, kochte sich das Essen, aß und reinigte den Topf, den er dann wieder in den Huf des Bullen brachte. Dann trieb er die Kälber zusammen und ging nach Hause. Die Schwester aber hatte etwas gemerkt und sagte zu ihrer Tochter: »Geh morgen mit dem Knaben hinaus und beobachte, was er isst.« Und die beiden gingen hinaus und trafen den Bullen im Schatten eines großen Giraffenbaumes. Der Knabe zündete ein Feuer an, kroch in den Huf des Bullen, nahm seine Nahrung und kam heraus, um zu kochen; als er fertig war, reinigte er den Topf und brachte ihn wieder an seinen Platz. Dann gingen die beiden heim. Und die Tochter erzählte ihrer Mutter: »Er geht in den Bullen hinein und nimmt Topf und Kost und alles heraus, und wenn er gekocht hat, isst er.«

Als das Vieh von der Weide getrieben war, stand der Bulle hinter der Hütte. Da hörte er die Schwester zu ihrem Mann sagen: »Diesen Bullen musst du totschlagen!« Nun ging der Bulle zu dem Knaben und sagte: »Deine Schwester hat gesagt, ich soll totgeschlagen werden, darum wollen wir heute Abend fliehen.« Und sie flohen beide in der Nacht Der Knabe verkaufte den Bullen und mit dem Erlös erstand er sich Waren, die er weiter verkaufen wollte. Der Bulle aber kehrte zu dem Knaben zurück, sie gingen fort und handelten mit ihren Waren.

Eines Tages kam auch die Schwester, um zu kaufen. Doch der Knabe forderte sehr hohe Preise. Da fragte sie: »Warum forderst du so viel, wenn ich deine Ware kaufen will?« Er aber antwortete: »Weil ich nicht vergessen habe, was du mir angetan hast.«

Da erkannte sie ihren kleinen Bruder und bat ihn um Vergebung. Denn er hatte ihr doch sehr gefehlt.

Erika Sanders: Märchen aus aller Welt Afrika.
München: Wilhelm Heyne Verlag 1978

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