Kinder vor Missbrauch schützen

Manfred Karreman:
Es geschieht am helllichten Tag. Köln: DuMont Buchverlag 2007 Auszüge

Günter Ilsen, langjähriger Ermittler beim Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen, weiß, dass Pädophile es durchaus verstehen, Eltern zu beruhigen: »Die Täter versuchen grundsätzlich, Vertrauen zu bilden, das heißt den Eindruck des hilfsbereiten, lieben Nachbarn oder Onkels zu erwecken.«

»Ich habe immer auf ein gutes Verhältnis zu den Eltern geachtet. Damit, wenn das Kind was sagt, die dann sagen: Nö, das kann doch gar nicht sein. Natürlich habe ich vorher schon geschaut: In welchen Familien wird nicht so viel miteinander geredet, oder wo ist das Verhältnis nicht so gut, das war aber nie vom sozialen Status der Familie eines Kindes abhängig.« Reinhold B. (38), als Wiederholungstäter in der forensischen Psychiatrie

Um jeden Argwohn der Eltern von vornherein auszuschließen, gelten in der Szene altbewährte Grundsätze und Methoden. Die wichtigste Regel lautet: »Nicht mit der Mutter – aber auch nicht ohne die Mutter!«

Denn ohne das Vertrauen und die Zustimmung der Eltern oder der alleinerziehenden Mutter gibt es auf Dauer kein Beisammensein mit einem Kind. Oder nur mit hohem Risiko: Wird die Mutter erst misstrauisch, steht der nette Onkel bereits mit einem Bein im Gefängnis.

Die Legenden, mit denen sich Täter das Vertrauen von Eltern oder alleinerziehenden Müttern erschleichen, sind immer dieselben. Man kennt sie in den pädophilen Kreisen. Eltern kennen sie natürlich nicht, deshalb funktionieren sie auch immer wieder.

»Sobald der einen Jungen kennengelernt hat, hat der auch den Kontakt zu den Eltern gesucht. Und da waren die Eltern dann überzeugt, haben gedacht, dass da ein Unterricht stattfindet und blablabla. Außer bei einem hat das immer geklappt.« Konrad über Tim (24)

Das zentrale Element in der Wohnung und im Leben eines »Pädos« ist oft der Computer. Seit das Internet die Chance bietet, sich mit anderen auszutauschen, wird der PC gerade für viele vereinsamte Pädophile zum zentralen Element ihres Lebens.

Die Welt, gesehen durch einen Filter, einen »Pädo-Filter« sozusagen. Tag und Nacht online, Chats mit Gleichgesinnten geraten bei vielen zum obsessiven Ritual. Nur nicht allein sein. Mit den Gedanken der Einsamkeit und der ständigen Angst vor der Polizei.

Pädophile sind selten skurrile Einzelgänger. Die meisten leben vollkommen unauffällig. Sie kommen aus allen Schichten, haben die verschiedensten Berufe. Sozialhilfeempfänger sind ebenso vertreten wie Lehrer und Ärzte, und vor allem natürlich Berufe, die mit Kindern zu tun haben.

Erwachsene Raffinesse gegen kindliche Naivität

Jürgen Lemke von »Kind im Zentrum« in Berlin kennt die Zweifel pädosexueller Täter an den eigenen Argumenten. Die Kinder, so glaubt Lemke, werden bei dieser Art des Missbrauchs in eine emotionale Zwangslage gebracht: »Das hören wir immer wieder, dass die Kinder eigentlich den Freund oder Kumpel nicht verlieren wollen, aber dass sie das dann weiter dulden, weil sie wissen: Der Erwachsene unterbricht oder beendet die Beziehung, wenn sie sich nicht weiter sexuell auf ihn einlassen. Das ist eigentlich Erpressung.«

Die Kinder zum Schweigen bringen

Für Kinder, die von solchen scheinbar »einvernehmlichen« Beziehungen betroffen sind, bringt das anormale Verhältnis des Erwachsenen zur kindlichen Reife und Sexualität nicht nur eine sexuelle Irritation mit sich, die das Opfer vielleicht ein Leben lang begleitet und belastet, sondern das Verhältnis impliziert noch etwas anderes: Das Kind muss schweigen. Und permanent lügen. Um den – scheinbar – guten Freund (beim Inzest den Vater oder Stiefvater) zu schützen, und sich selbst. Weil das Kind glaubt, oder ihm eingeredet wird, es sei selbst »schuld«, oder »mitschuldig«.

Je länger sich ein »Pado« im Umfeld des Kindes oder einer Familie bewegt, ohne erkannt zu werden, desto unwahrscheinlicher wird es, dass das Kind sich offenbart oder Eltern doch noch misstrauisch werden.

Pädophile auf der Pirsch

Mitunter halten sich scheinbar harmlose Männer, die einsam, naiv oder zurückgeblieben wirken, regelmäßig am selben Spielplatz auf. Die Eltern gewöhnen sich an den Sonderling, den sie zwar für wunderlich halten, aber nicht für gefährlich.

Tipps für Eltern:

  • Spielplätze

Reagieren Sie nicht vorschnell auf Männer oder Jugendliche, die mit einem Kind nur sprechen oder scherzen. Auch nicht auf jemanden, der nur mit seinen eigenen Kindern spielt, und auch mit Ihrem, wenn es sich vielleicht dazugesellt. Das ist kein Grund, Ihr Kind wegzuholen.

Wenn Sie aber das Gefühl haben, jemand nähert sich Ihrem Kind immer wieder oder »verfolgt« es, dann sprechen Sie den Betreffenden an.

Bringen Sie Ihrem Kind die Grundregeln »Geh nicht mit einem Fremden mit« und »Steig auf keinen Fall zu jemandem ins Auto« bei.

Ihr Kind soll wissen, dass es zu Erwachsenen jederzeit Nein sagen darf. Der alte Rat »Sprich nicht mit Fremden« ist dagegen übertrieben.

Lassen Sie Ihr Kind von seinem Tag erzählen. Was es gespielt hat und mit wem. Ermutigen Sie Ihr Kind, Ihnen alles zu erzählen. Misstrauisch sollten Sie werden, wenn von einem Mann die Rede ist, der regelmäßig mit den Kindern spielt, obwohl er selbst keine dabeihat.

Sie sollten einschreiten, wenn jemand Ihr Kind dezidiert nach seiner Adresse befragt hat.

  • Schwimmbäder

Wenn ein fremder Erwachsener mit Ihrem Kind Fußball oder Tischtennis spielt, so ist daran erst einmal nichts Negatives. Sofern der Mann Ihr Kind während des Spiels nicht anfasst. Tut er dies, sollten Sie misstrauisch werden. Falls er das Kind zu sich nach Hause einlädt oder es nach seiner Adresse oder Telefonnummer fragt, sollten Sie unbedingt einschreiten und den Kontakt unterbinden. Auch wenn die Verabredung mit einem guten Zweck begründet wird, etwa »kostenlose Nachhilfe« oder »nur zur Übergabe der Playstation, die mein Sohn nicht mehr braucht«. Lassen Sie sich auf keinen Vorwand ein, auch wenn er sich sehr plausibel anhört. Verabredet sich ein erwachsener Mann mit Ihrem Kind, kann es sich dabei durchaus um ein »Pädo-Date« handeln.

Gegen scheinbar zufällige Berührungen wehren sich Kinder oft nur dann, wenn sie zu Selbstbewusstsein erzogen worden sind. Diejenigen, die zu Hause gelernt haben: »Es gibt Steilen an meinem Körper, die ein Erwachsener nicht berühren darf, und ich habe das Recht, zu einem Erwachsenen Nein zu sagen, wenn ich etwas nicht will«, schrecken einen »Pädo« schon beim ersten »Antesten« ab. Ein solches Verhalten durch das Kind selbst setzt allerdings eine Erziehung zur Selbständigkeit und eben auch zu Selbstbewusstsein voraus.

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Über kindg

Guten Tag! Wir sind kein Verein oder Institution; nur eine Gruppe Freunde, die an Gymnasien und Universitäten unterrichtet. Dieses Projekt ist aus reinen pädagogischen Gründen entstanden und hat überhaupt keine finanziellen Interessen.
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