Mich freut nichts mehr… und was freut dich? – Theaterstück

 Mich freut nichts mehr…

und was freut dich?

 

1. Szene

(In der Küche. Geschirrklappern. Vergnügte Mutter, die summt oder pfeift, Türe, Schritte)

JAKOB: Mutti, da bin ich schon. Und einen Hunger hab ich!

MUTTER: Fein, Jakob. Ich bin grad beim Schmalzbrotstreichen.

JAKOB: Die Kathi ist auch heraufgekommen. Sie hat auch Hunger. Ich hab ihr nämlich gesagt, dass du frisches Grammelschmalz gekauft hast.

MUTTER: Ja, wo steckst du denn, Kathi? Herein mit dir!

KATHI: Grüß Gott, Frau Mitterhöfer!

MUTTER: Servus, Kathi, komm nur, setzt euch. Tee mit Orangensaft?

KATHI: Bitte!

JAKOB: Wart, Kathi, ich schenk dir ein. (Geschirr)

KATHI: Nicht schlecht, so ein Grammelschmalzbrot.

MUTTER: War’s lustig im Park?

KINDER: Mhm-mm.

MUTTER (lacht): Ihr pampft ja, als hättet ihr tagelang nichts gegessen. Da krieg ich direkt auch noch Lust, ich mach mir noch ein Brot, so. – Ihr seid ganz schön erhitzt, Kinder. Ihr habt getobt, was?

JAKOB: Erst waren wir Indianer im Park. Dann Zirkusleute beim Tommi im Hof vom Neunerhaus. Dann waren wir grüne Weltraummännchen, die alles riechen, besonders Grammelschmalz. Der Rudi war auch dabei. Ich hätte ihn eh mitbringen wollen, aber er sagt, Grammelschmalz ist ihm zu fett –

MUTTER: Nichts für die schlanke Linie – trotzdem, wer mag noch?

KATHI: Ich, bitte!

JAKOB: Ich auch.

MUTTER: Und ich auch. – War der Karli auch dabei?

KATHI: Nein, der ist viel zu fad.

JAKOB: Mit dem kann keiner etwas anfangen.

MUTTER: Weil er so fad ist?

JAKOB: Du kannst dir nicht vorstellen, wie fad er ist. Nichts freut ihn.

MUTTER: Nichts freut ihn? Hat er das selber gesagt?

JAKOB: In einer Tour sagt er’s. „Das freut mich nicht. Das freut mich nicht.“

KATHI: Der Karli ist – so unterschiedlich, wissen Sie, Frau Mitterhöfer. Entweder er gibt an – aber wie, dass einem die Ohren wackeln beim Zuhören, oder er ist fad und will nirgends mittun und sitzt nur da und sagt: „Mich freut das alles nicht.“

MUTTER: Und wenn er grad angibt – was erzählt er da?

JAKOB: No, alles Mögliche. Was sein Vater verdient, und wohin sie im Sommer fahren werden, zu den Eskimos oder so, und wie viele Kassetten er schon hat –

KATHI: 38 –

JAKOB: Und dass er jeden Krimi im Fernsehen anschauen darf, den er will –

MUTTER: Hm –

KATHI: Und dass wir arme Hascherin sind, weil wir das nicht dürfen. Na, in der Klasse schaut ihn keiner mehr an. Die Susi hat gesagt, sie lässt ihn nimmer abschreiben. Und einsagen wird sie ihm auch nimmer, weil er so blöd ist.

JAKOB: Er stellt dauernd was an in der Schule. Dann bestellt die Frau Michatschek seine Mutter in die Schule; aber die Mutter ärgert sich, wenn sie in die Schule bestellt wird, weil sie sich im Büro freinehmen muss –

KATHI: In der Schule wird er auch immer schlechter, der Karli. Das einzige, was er wirklich kann, ist Auf-den-Händen-Gehn. Darin ist er einmalig. Schwupp, macht er Handstand und spaziert auf den Händen herum. Natürlich gibt er damit an, wo er kann. Die Susi hat gesagt, wir sollen uns ausmachen, dass wir alle miteinander wegschauen, wenn er wieder auf den Händen geht.

MUTTER: Also dann wundert’s mich nicht mehr, dass den armen Buben nichts mehr freut. Was soll ihn denn freuen, wenn ihn keiner mag?!

JAKOB: Sollen wir ihm vielleicht nachrennen? – Du, Mutti, ich kann ihn wirklich nicht leiden. Jeder andere ist mir lieber. Sogar der Tommi ist mir lieber, obwohl der nur Ä-Ä-Ä sagen kann. (Kathi kichert)

MUTTER: Jakob!

JAKOB: Ich mein das nicht bös. Ich mag den Tommi. Aber so macht er’s halt: Ä-Ä-Ä –

MUTTER: Der Tommi ist ein behindertes Kind, er kann nicht reden wie ein normales Kind.

KATHI: Aber jetzt wissen wir schon, was er mit seinem Ä-Ä-Ä sagen will. Er sagt’s auf verschiedene Arten. Heute, wie wir ihm Zirkus vorgespielt haben, hat er ganz wild mit dem Kopf gewackelt und Ä-Ä-Ä geschrien, und wir sind drauf gekommen, dass er „NOCHEINMAL!“ gemeint hat! „Nocheinmal!“

JAKOB: Das war, wie der Rudi der Löwe war und du die Dompteuse.

KATHI: Ja, diese Nummer hat dem Tommi heute den größten Spaß gemacht.

MUTTER: Ihr – ihr spielt dem Tommi also Zirkus vor?

JAKOB: Findest du das komisch?

MUTTER (eilig): Nein – nein. Nur – ich hab geglaubt, ihr besucht ihn halt ab und zu und spielt und redet mit ihm. Aber Zirkus –

JAKOB: Mit ihm spielen geht halt schwer, weil er im Wagerl sitzen muss und nichts tun kann. Drum spielen wir ihm was vor. Er klatscht nach jeder Nummer in die Hände, das hat ihm die Susi beigebracht. Und manchmal fängt er einen Ball auf, das heißt, man wirft ihm den Ball genau in den Schoss, und er greift danach. Werfen kann er nicht.

MUTTER: Weißt du, Jakob, warum ich zuerst stutzig war? Dass ihr einem behinderten Kind, das weder gehen noch laufen kann, ausgerechnet so lustige Sachen vorführt… Das wird der Tommi nie im Leben zusammenbringen.

JAKOB: Aber das Zuschauen freut ihn. Sonst tat er ja nicht lachen, oder? Lachen kann er nämlich.

KATHI: Die Hausmeisterin vom Neunerhaus hat auch erst mit uns geschimpft. Sie hat uns vom Hoffenster zugeschaut und war empört, dass wir so rohe Kinder sind und dem armen Tommi vorführen, was er selber nicht kann. Wir waren ganz erschrocken und wollten fortgehen. Da hat der Tommi angefangen zu plärren, und die Tommi-Mutter ist heruntergelaufen und hat sich alles angehört. Und dann hat sie den Tommi gestreichelt und gesagt: Ach, ich kann zum Beispiel nicht Trompete blasen, aber wenn mir einer was vorbläst, dann freu ich mich. Macht’s nur weiter mit eurem Zirkus, ich bin froh, wenn der Tommi Spaß hat.

JAKOB: Es freut ihn wirklich. Drum gehn wir ja so gern hin, weil’s ihn freut. Der Rudi studiert jetzt eine Purzelbaum-Nummer ein.

KATHI: Die Susi trainiert mit Bällen.

MUTTER: Da tat der Karli ja gut in euer Programm passen, wenn er auf den Händen gehen kann… (kleine Pause) Hm?

KATHI: Naja.

JAKOB: Da müssten wir ihn ja erst einmal fragen, ob er überhaupt mitgehen will…

KATHI: Da hätt er gleich wieder Gelegenheit, fest anzugeben…

MUTTER: Vor allem hätte er Gelegenheit, dem Tommi eine Freude zu machen! Und dann möcht ich sehen, ob er nachher noch sagt: Mich freut nichts mehr! Einer, der gebraucht wird und einem anderen eine Freude machen kann, sagt garantiert nicht: „Mich freut nichts mehr!“

KATHI: Also ich weiß nicht, ob sich der Karli dorthin mitnehmen lässt–

MUTTER: Na, wenn ihr ihn dringend braucht?!

JAKOB: Ob er uns das überhaupt glauben tat, dass wir ihn brauchen – so wie wir jetzt zu ihm waren?

MUTTER: Du, Jakob, jetzt sag ich dir was, etwas Schwieriges, das nicht leicht zu begreifen ist. Und zu dir sag ich’s auch, Kathi: Wenn da ein Mensch ist, den nichts mehr freut, egal, ob’s jetzt ein Kind oder ein Erwachsener ist… Wenn so einer sagt: Mich freut nichts mehr, dann ist das wie ein Hilferuf. So einer schreit um Hilfe, weil er arm ist. Noch ärmer als der Tommi in seinem Wagerl, denn der Tommi kann sich über etwas freuen und seine Freude auch zeigen, sodass er euch auch Freude machen kann. Denn das freut euch doch, wenn der Tommi sich freut, nicht?

KINDER: Ja.

MUTTER: Wenn der Karli sagt: Mich freut nichts mehr, so heißt das in Wirklichkeit: „Bitte helft mir. Ich bin traurig, weil mich keiner braucht. Weil mich keiner mag. Weil mich keiner so nimmt, wie ich bin. Weil sich keiner um mich kümmert.“ – Wenn ihr den Karli brauchen tätet, wenn er Gelegenheit hätte, jemandem eine Freude zu machen, dann würde er selber auch anders werden. Nicht auf der Stelle, aber mit der Zeit. Er würde nicht mehr so angeben müssen und niemanden mehr sekkieren. Denn dann hätte er das nicht mehr nötig. Ihr müsstet halt Geduld mit ihm haben. Aber probieren tat ich’s an eurer Stelle.

JAKOB: Auch wenn er zuerst sehr patzig ist?

MUTTER: Ja, auch dann! Das müsstet ihr halt riskieren. Einfach überhören.

KATHI: Ich zwinker’ dir zu, Jakob, wenn der Karli patzig wird. Dann brauchst du dich nicht ärgern.

MUTTER: Jakob, du hast eine gescheite Freundin! (Kathi kichert)

JAKOB: Naja, probieren können wir’s ja –

2. Szene

 

(Schulhof. Pattsenlärm. Schulglocke.)

JAKOB: Also, Karli, abgemacht, du gehst heute mit zum Tommi.

KARLI: Nein, ich glaub, mich freut’s doch nicht.

KATHI: Das ist uns im Moment ganz wurscht, ob’s dich freut oder nicht. Du musst mitgehen, weil wir dich brauchen.

JAKOB: Du bist der einzige, der auf den Händen gehen kann.

KATHI: Oder kannst du uns einen anderen empfehlen, der auf den Händen gehen kann?

KARLI: Nein!

JAKOB: Na, siehst du!

KATHI: Dich muss es ja nicht freuen, Karli, aber der Tommi wird sich freuen. Der hat noch nie in seinem Leben einen gesehen, der auf den Händen gehen kann.

JAKOB: Du, Kathi, wir müssen dem Karli noch erklären, wie er es merkt, dass der Tommi sich freut.

KARLI: Ich bin ja nicht blöd.

KATHI:Aber der Tommi ist – der Tommi kann nämlich nur Ä-Ä-Ä sagen. Also, wenn er lacht und mit dem Kopf wackelt und Ä-Ä-Ä sagt, dann heißt das NOCHEINMAL und du muss deine Nummer wiederholen!

KARLI: Und wenn er sich nicht freut?

JAKOB: Dann verzieht er den Mund und sagt Ä-Ä-Ä.

KATHI: Aber er wird sich freuen, wirst sehen, so eine Glanznummer hat er ja noch nie erlebt – (Kurze Musik).

3. Szene

 

(Hof. Kinderlachen.)

KARLI (leise): Das ist euer Tommi? Na servus, der schaut aus!

KATHI (leise): Man gewöhnt sich. Wart, wenn er lacht, dann schaut er auf einmal ganz anders aus. Richtig lieb.

JAKOB: Meine Damen und Herren, hochverehrtes Publikum, nun folgt der Höhepunkt des heutigen Galaprogramms – Susi, bitte, trommeln – (Trommelwirbel) – Wir begrüßen Mister Karli Karlowitsch! (Applaus)

KARLI: Naja, also dann. Weil ich schon einmal da bin . . . Ela hopp!

KINDER: Oh – (erst Stille, dann Applaus)

TOMMI: Ä-Ä-Ä!

KARLI: Was meinst du, Tommi? Meinst du mich?

TOMMI: Ä-Ä-Ä!

KATHI: Er meint: Nocheinmal!

KARLI: Aber bitte sehr (Stille, Händeklatschen) –

KATHI: Schau, Karli, der Tommi applaudiert dir. Du muss dich verneigen! Wir verneigen uns immer, wie echte Zirkusleute!

TOMMI: Ä-Ä-Ä!

JAKOB: Das hab ich mir ja gedacht, dass ihn das freuen wird.

KARLI: Nocheinmal, Tommi? Ja? Also gut, schau her! – Ela hopp!

HAUSMEISTERIN: Na, da bin ich aber paff! Der geht auf den Händen!

KATHI: Das ist die Hausmeisterin, Karli. Sie bringt uns immer Limonade.

HAUSMEISTERIN: Jetzt wedelt er sogar mit den Füßen, also sowas, kein Wunder, dass sich der Tommi so freut. (Applaus) Komm her, lass dich einmal anschauen, du bist ja ein Neuer. Wie heißt du denn?

KARLI: Karli.

HAUSMEISTERIN: Der Karli bist du. Du hast ja direkt eine Begabung zu einem echten Clown! Das ist schön, dass du dich für den Tommi strapaziert hast –

KARLI: Ich hab mich nicht strapaziert.

HAUSMEISTERIN: Da ist eure Limonade, Kinder. Nehmt mir das Tablett ab. Dem Tommi muss man das Häferl halten, dass er trinken kann.

KATHI: Das mach ich schon.

KARLI: Gib her, Kathi. Das mach ich. Da, Tommi, trink. Komm, gib die Hände ums Häferl. Selber halten. Na, probier’s nur. – Schau, Kathi, er versucht es.

KATHI: Seine Mutter übt mit ihm jeden Tag Häferl halten, aber man muss Geduld mit ihm haben.

KARLI: Brav, Tommi. Noch einen Schluck. – Ja, wir beide halten das Häferl. So. – Du, Kathi, jetzt schaut er nicht mehr so – so – ich mein, er schaut lieb aus.

KATHI: Weil er sich freut, Karli.

KARLI: Meinst du, tat ihm eine Clown-Nummer Spaß machen, mit einer kleinen Ziehharmonika, die furchtbar quietscht? Oder eine Reifen-Nummer? Da braucht ich aber einen zweiten!

KATHI: Muss der sehr viel können?

KARLI: Aber wo! Nur den Reifen halten und ela hopp schreien!

KATHI: Also das könnt ich sehr gut – wenn’s dich freut, mit mir zusammen. –

KARLI: Klar tat mich das – tat mich das freuen –

(Ein paar Takte Musik zum Abschluss)

Lene Mayer-Skumanz (Hrsg.): Jakob und Katharina.

Wien: Herder Verlag 1986

 

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