Jakob nimmt sich etwas vor

Jakob nimmt sich etwas vor

Susi kommt mit verweinten Augen in die Schule.

„Was ist los?” fragt Jakob.

„Mein Meerschweinchen ist gestorben”, sagt Susi. „Mein Sebastian mit dem schwarzen Fleck auf der Nase.”

„Oje”, sagt Jakob. „Und jetzt bist du traurig.”

Susi nickt.

„Kannst du deine Eltern nicht bitten, dass sie dir ein neues kaufen?” fragt Max.

„Ich könnte, aber ich mag nicht”, sagt Susi. „Der Sebastian war zum Schluss so arm. Er hat nichts mehr fressen wollen. Seine Beine waren gelähmt. Er hat mir so leidgetan.” Sie weint.

„Der Sebastian war ein besonders liebes Meerschweinchen”, sagt Kathi.

„Aber schon sehr alt”, sagt Rudi. „Auf einmal sterben sie, da kannst du gar nichts machen. Heul nicht so.”

Jesus, denkt Jakob. Warum hat der Sebastian so arm sein müssen –?

„Lass sie heulen”, sagt er zu Rudi.

„Da gibt’s ganz andere Sachen zum Heulen”, brummt Rudi.

Jakob schaut Rudi an.

„Ja”, sagt Rudi. „Aber man kann nicht die ganze Zeit heulen.”

Jakob wartet, aber Rudi will nichts mehr sagen. Erst auf dem Heimweg fängt er zu reden an.

Er sagt: „Meine Eltern wollen sich jetzt doch scheiden lassen.”

„Oh” sagt Jakob.

„Ich bleibe bei der Mama” erzählt Rudi. „Der Vati wird mich jeden zweiten Sonntag abholen. Die Mama geht wieder ganztags ins Büro.”

„Das ist wirklich nicht lustig”, sagt Jakob.

„Wenn ich nur lernen könnte, das Essen aufzuwärmen” sagt Rudi. „Dann müsste die Omama nicht jeden Tag kommen. Ich mag sie nicht. Dauernd schimpft sie auf den Vati.”

„Du kannst zu uns essen kommen” sagt Jakob. „Wenigstens ab und zu. Damit du deine Oma nicht jeden Tag aushalten musst.”

„Ja” sagt Rudi. „Red einmal mit deiner Mutter.”

Jakob verspricht es.

„Du weißt ja gar nicht” sagt Rudi plötzlich, „wie gut du es mit deinen Eltern hast. – Warum kann es bei uns nicht so sein? Verstehst du das?”

„Nein” sagt Jakob.

Am Nachmittag besucht Jakob mit seiner Mutter die Uroma.

„Heute war der Arzt bei ihr” sagt die Mutter. „Er hat ihr eine Spritze geben müssen wegen der Schmerzen.” Sie seufzt. „Dass die Uroma so viel leiden muss. Das ist schon arg.”

Die Uroma seufzt und klagt nicht. Sie ist nur sehr gelb im Gesicht. Sie schaut Jakob an und fragt: „Was gibt’s denn Neues in der Schule?”

Jakob erzählt von Susis Meerschweinchen und dass Rudis Eltern sich scheiden lassen.

„So ein Jammer”, sagt die Uroma. „Armer Sebastian. Arme Susi. Armer Rudi. Es gibt so viel Jammer auf der Welt.”

„Warum nur?!” fragt Jakob.

„Es ist ein Geheimnis”, sagt die Uroma. „Nur wenige Menschen wissen eine Antwort drauf.”

Still geht Jakob neben seiner Mutter nach Hause.

Jesus, denkt er. Warte nur, wenn ich einmal bei dir bin, werde ich dich immer wieder fragen, bis ich auf alles eine Antwort weiß.

Lene Mayer-Skumanz (Hrsg.): Jakob und Katharina.
Wien: Herder Verlag 1986

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