Die kleine Stickerin – Geschichte aus China

Die kleine Stickerin

Vor langer Zeit lebte in einem kleinen Dorf in der Nähe des Gelben Flusses ein junges Mädchen, das Mingming hieß. Sie war fleißig und eine über alle Maßen geschickte Stickerin und sie sah bezaubernd aus. Dabei war sie kein bisschen eitel oder hochmütig, sondern wurde von allen im Dorf wegen ihres liebenswerten, hilfsbereiten Wesens sehr geschätzt. Ihre Mutter hätte Mingming gerne verheiratet, aber immer wenn sie ihre Tochter zur Seite nahm, um diese Angelegenheit mit ihr zu besprechen, fand Mingming einen Grund, die Wahl eines Ehemanns noch zu verschieben: Einmal mussten die Reisfelder noch abgeerntet werden, ein anderes Mal hatten die Seidenraupen fleißig gesponnen und die Arbeit am Webstuhl wartete.

Eines Tages im Frühling, Mingming war gerade neunzehn Jahre alt geworden, sprach ihre Mutter: »Dein Vater und ich denken, dass es nun wirklich an der Zeit ist, dir einen Mann zu suchen. Er hat bereits mit den Alten im Dorf gesprochen, und sie sind auch unserer Meinung.«

Die Kunde, dass Mingming nun endlich einer Heirat zugestimmt hatte, verbreitete sich in Windeseile. Eine stattliche Anzahl junger Männer machte sich auf den Weg in das kleine Dorf am Gelben Fluss, in der Hoffnung, eine liebliche Braut mit nach Hause zu nehmen. Ungeduldig warteten sie vor Mingmings Haus. Schließlich öffnete sich die Tür und das junge Mädchen, in ein nachtblaues Seidenkleid gehüllt und mit Kirschblüten im Haar, schritt an der Hand ihres Vaters aus dem Haus.

»Dies ist meine Tochter Mingming«, sprach er, »sie ist nicht nur ein schönes, sondern auch ein kluges Kind und es tut mir leid, sie gehen zu lassen. Darum habe ich ihr gestattet, sich ihren Ehemann selbst auszuwählen.«

Den jungen Männern verschlug es bei ihrem Anblick zunächst die Sprache, doch fanden sie ihre Worte schnell wieder und begannen, wie wild durcheinander zu reden und mit ihren Geschenken zu prahlen.

Mingming hörte sich alles eine Weile an, dann raffte sie anmutig ihren Saum, stieg auf eine kleine Mauer und rief: »Es interessiert mich nicht, ob ihr fünfzig Mu Land besitzt oder ob ihr mich mit Gold und Silber überhäuft. Mir liegt nichts an Reichtum, ich möchte den Menschen helfen, glücklich zu sein. Es kann also nur der mein Ehemann werden, der im Herzen so ist wie ich und der mutig genug ist, mir die Perle, die nachts leuchtet, die goldene Nadel und die vier goldenen Seidenfäden zu bringen; denn diese Dinge braucht man, um Blumen zu sticken, die ewiges Glück bringen. Nichts anderes werde ich als mein Brautgeschenk annehmen!«

Als die jungen Burschen dies hörten, sank ihr Mut, denn alle wussten, dass es mit großen Gefahren verbunden war, Mingmings Wunsch zu erfüllen. Kein Mensch war bisher lebend vom Schloss des großen Schutzgeistes des Ostmeeres zurückgekehrt, der als einziger wusste, wo sich die Perle, die Nadel und die goldenen Seidenfäden befanden. Also machten sie sich enttäuscht und beschämt über ihre eigene Feigheit auf den Heimweg.

Als dies der junge Jun Er, ein armer Bursche aus dem Nachbardorf, hörte, hüpfte sein Herz vor Freude. Er warf seinen breiten Hut aus Reisstroh in die Ecke, zerrte die Kuh aus dem Stall und ritt zu Mingming.

»Ich weiß, ich bin nur ein armer Bauernbursche«, sagte er und bückte verlegen auf seine nackten Füße, »daher habe ich es auch nicht gewagt, um dich zu freien, als ich all die vornehmen jungen Herrn ins Dorf reiten sah. Aber ich kenne dich schon, seit wir Kinder sind, und ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als mit dir zusammen zu sein. Also will ich mich auf den Weg machen und versuchen, dir die Dinge, die du dir so sehnlich wünschst, zu beschaffen!«

Als Mingming Jun Ers Worte hörte, spürte sie, dass er es ehrlich meinte, und sprach: »Ich werde hier auf dich warten, egal wie lange du fort bleibst, denn ich weiß, dass du mir ein guter Mann sein wirst!«

Glücklich kehrte Jun Er am Abend in seine Hütte zurück. Am nächsten Morgen packte er noch vor dem ersten Hahnenschrei sein Bündel und marschierte seinem Abenteuer entgegen. Er wanderte viele Tage lang durch dichte Wälder und über unwirtliche Pässe, bis er eines Abends aus einem Tal eine Rauchfahne aufsteigen sah. Er kletterte den Abhang hinunter und kam zu einer kleinen Hütte, in der eine alte Frau wohnte.

»Ich bin unterwegs zum Ostmeer«, sagte Jun Er, als die Alte ihn nach seinem Weg fragte.

»Du musst sehr mutig sein, mein Junge, denn der Weg ist weit und voller Gefahren. Aber wenn du den Schutzgeist findest, dann frag ihn bitte für mich, warum mein Kind nicht sprechen kann!«

Das versprach der junge Mann gerne und nachdem er sich ein wenig gestärkt hatte, zog er weiter. Der Weg führte ihn durch zerklüftete Schluchten und karge Steppen und mehr als einmal war er kurz davor, den Mut zu verlieren. Doch bei dem Gedanken an seine liebliche Mingming fasste er stets wieder Mut, seinen Weg fortzusetzen.

So kam er eines Abends in ein Dorf namens Laolin. Dort lebte ein alter Mann, der ihm eine Unterkunft für die Nacht anbot. Als er das Herdfeuer geschürt und die Bastmatten auf dem Lehmboden der Hütte ausgerollt hatte, fragte er den jungen Mann, wohin wolle.

»Es verlangt großen Mut, den Schutzgeist des Ostmeeres aufzusuchen«, lobte ihn der Alte, »ich hoffe, dass du ihn finden kannst. Wenn du es tatsächlich bis zum Ostmeer schaffst, dann möchte ich dich bitten, den Schutzgeist für mich zu fragen, warum mein Seidenraupenpaar, das ich schon seit sieben Jahren füttere und pflege, bis jetzt noch nicht das kleinste Seidenfädchen gesponnen hat!«

Der junge Mann versprach, daran zu denken. Dann rollte er sich auf der Bastmatte zusammen und schlief vor Erschöpfung sofort ein. Am anderen Morgen bedankte er sich höflich für das Nachtlager und zog seines Weges. Er war voller Ungeduld und wollte das Ostmeer nun endlich erreichen, denn er vermisste Mingming und wollte zurück nach Hause. Er gönnte sich keine Rast, sondern marschierte mit schnellem Schritt durch den Wald. Er hatte den Wald bereits ein ordentliches Stück hinter sich gelassen, als er auf einmal ein Rauschen hörte, das immer lauter wurde. Es kam von einem gewaltigen Fluss, der sich donnernd seinen Weg bahnte.

Verzweifelt lief Jun Er am Ufer auf und ab, doch es gab weder eine Furt noch eine Brücke. »Jetzt bin ich so weit gekommen und habe so viele Entbehrungen auf mich genommen. Es muss einen Weg geben, wie ich über den Fluss zum Schutzgeist des Ostmeeres gelangen kann«, rief er verzweifelt.

»Wenn du mir einen Gefallen tust, dann bringe ich dich ans andere Ufer«, hörte Jun Er plötzlich eine Stimme. Erstaunt blickte er sich um. Schließlich entdeckte er im Wasser einen riesigen grün schillernden Fisch, der vor ihm hin und her schwamm.

»Ich will dir gerne helfen, wenn ich kann«, entgegnete der junge Mann, »aber wie willst du mich ans andere Ufer bringen?«

»Nicht so eilig, mein junger Freund«, erwiderte der Fisch, »lass mich dir erst von meinen Sorgen berichten. Schließlich findet man hier nicht alle Tage einen Menschen, mit dem man sich unterhalten kann. Stell dir vor«, fuhr er fort, während er ärgerlich auf und ab schwamm, »ich bin schon über tausend Jahre alt, aber die Wachen wollen mich nicht in den Drachenpalast lassen. Wenn du zum Schutzgeist kommst, dann frag ihn, was ich machen muss, um endlich dort eingelassen zu werden.«

Das versprach ihm Jun Er gerne. Der Fisch nahm den jungen Mann auf seinen gewaltigen Rücken und durchquerte mit ihm den reißenden Fluss. Am anderen Ufer bedankte sich der junge Mann für die Hilfe und setzte seinen Weg fort.

»Vergiss nicht zu fragen«, rief ihm der Fisch nach, bevor er zwischen den grünen Wellen verschwand. Jun Er spürte, dass er nun nicht mehr weit von seinem Ziel entfernt war, und er wanderte unermüdlich weiter, bis er endlich die weiße Gischt des Ostmeeres am Horizont aufspritzen sah.

Als er die Küste erreichte, stellte er jedoch zu seinem Entsetzen fest, dass es nichts gab außer Wasser, Sand und Wind. Vom Schloss des Schutzgeistes war nichts zu sehen. Verzweifelt stellte er sich vor die tosende Brandung und rief: »Schutzgeist, bitte zeige dich! Ich bin viele Monate gewandert, um zu dir zu kommen, ich muss dich etwas Wichtiges fragen!«

Da bäumten sich die Wellen zu einem Turm aus weißer Gischt auf, und als sich das Wasser wieder senkte, stand ein alter Mann vor Jun Er, der ihn wohlwollend musterte. Der junge Mann wusste sofort, dass dies der Schutzgeist sein musste, und so nahm er all seinen Mut zusammen und trug die Fragen vor, die ihm der Fisch, der alte Mann und die alte Frau mitgegeben hatten. Nachdem der Schutzgeist ihm alles beantwortet hatte, erzählte ihm Jun Er von dem eigentlichen Grund seines Kommens. Der alte Mann hörte aufmerksam zu und sprach dann lachend:

»Mach dir keine Sorgen, sondern geh zurück zu deiner Mingming. Die Dinge, nach denen ihr Herz verlangt, sind euch gewiss!« Dann drehte er sich um und war verschwunden.

Der junge Mann konnte sich auf die Worte des Schutzgeistes keinen Reim machen und war betrübt, dass er so wenig erreicht hatte. »Ach, was hilft’s«, sagte er zu sich, »wenn ich auch mein Ziel nicht erreicht habe, so konnte ich doch wenigstens den anderen helfen!« Und so machte er sich auf den Heimweg.

Als er am Fluss ankam, wartete der Fisch bereits auf ihn. »Und, hast du den Schutzgeist gefunden?«, fragte dieser ungeduldig.

»Ja, das habe ich«, sagte Jun Er, »und er hat gesagt, dass du die rote Perle ausspucken musst, die du im Mund hast. Dann kannst du in den Drachenpalast!«

»Wenn das alles ist«, rief der Fisch und spuckte die Perle im hohen Bogen ans Ufer. »Da ich ein Fisch bin, besitze ich leider nichts, womit ich einem Menschen eine Freude machen könnte. Alles, was ich dir geben kann, ist die rote Perle dort. Ich wäre glücklich, wenn du sie als Geschenk annehmen würdest!«

Jun Er bedankte sich tausendfach, hob die Perle vorsichtig auf, verabschiedete sich und zog seines Weges. Als er schließlich wieder in Laolin angekommen war, wartete der Alte bereits auf einen Bambusstock gestützt vor seiner Hütte.

»Hast du den Schutzgeist gefunden?«, wollte auch er wissen.

»Ja, das habe ich und er hat mir auch den Grund genannt, warum deine Raupen nicht spinnen wollen«, erwiderte Jun Er. »Sie sitzen zusammen in einer Schachtel, das verleidet ihnen die Lust am Spinnen. Wenn du sie in zwei verschiedene Schachteln setzt, werden sie auch zu spinnen anfangen.«

Der Alte bedankte sich und wollte dem jungen Mann als Dank seine Raupen schenken, doch Jun Er wollte davon nichts wissen. Als er jedoch einsah, dass er den Alten nicht würde umstimmen können, bedankte er sich und nahm die Raupen an.

So wanderte er immer weiter auf den Pfaden und Wegen, die ihn in seine Heimat zurückführten, bis er eines Tages wieder vor der armseligen Hütte stand, in der die alte Frau mit ihrem stummen Kind wohnte.

Als sie ihn kommen sah, winkte sie ihm zu und rief schon von weitem: »Hast du den Schutzgeist gefunden?«

»Ja, das habe ich«, rief der junge Mann zurück, »und ich weiß auch, wie du deinem Sohn helfen kannst«, und kam mit schnellem Schritt zur Hütte der Alten gelaufen. »Der Schutzgeist sagt, dass in der Kehle deines Kindes eine Nadel steckt. Du musst sie nur herausziehen, dann kann es wieder sprechen!«

Überglücklich lief die alte Frau in die Hütte und zog ihrem Kind die Nadel aus der Kehle. Wie der Schutzgeist gesagt hatte, fing es auch tatsächlich an zu sprechen.

»Ich weiß nicht, wie ich dir danken soll«, sagte sie zu Jun Er, »ich bin arm und besitze außer dieser Nadel nichts, was ich dir geben könnte. Bitte nimm sie an als Zeichen meiner Dankbarkeit.«

Der junge Mann bedankte sich, verstaute die Nadel in seinem Bündel und machte sich auf den Weg. Er war nun schon viele Monate unterwegs, und seine Sehnsucht nach Mingming war so groß geworden, dass er beschloss, auch bei Nacht weiterzuwandern. Als er so durch den dunklen Wald lief, sah er, dass ein seltsames Licht aus seinem Bündel strömte, das wie goldene Strahlen auf das feuchte Moos unter seinen Füßen fiel. Erstaunt knüpfte er das Tuch auf und sah, dass es die Perle und die Nadel waren, von denen dieses wundersame Licht ausging. Nun verstand er die Worte des Schutzgeistes und ihm wurde klar, dass er all die Dinge, die sich seine Mingming so sehnlichst gewünscht hatte, bei sich trug. Da wurde sein Herz froh, und alle Müdigkeit war vergessen. So schnell ihn seine bloßen Füße trugen, lief er nach Hause zurück. Als er endlich im Dorf seiner Braut angekommen war, wartete Mingming bereits auf ihn. Das Glück, ihn wiederzusehen, hatte sie noch schöner gemacht, so dass sie wie eine kleine Schwalbe aussah, als sie ihm mit wehenden Gewändern entgegenlief.

»Liebster Jun Er, ich habe dich so vermisst«, rief sie ihm zu.

»Aber meine Mühe hat sich gelohnt«, erwiderte der junge Mann glücklich, »hier in meinem Bündel ist all das, was du dir gewünscht hast. Ich habe die Perle, die Nadel und die Seidenraupen für dich gefunden!«

So zogen die beiden in das Dorf des jungen Mannes und lebten dort glücklich und zufrieden.

Und wenn man den alten Märchenerzählern glauben kann, dann wuchsen drei Tage, nachdem die beiden geheiratet hatten, überall im Land wundersame blaue Blumen, von denen noch heute erzählt wird, dass sie den Menschen Glück bringen.

Vera Wiltberger (Hrsg.): Aus China – Zaubermärchen und Schelmengeschichten.
Wien; München: Annette Betz Verlag 1997

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s