Die Hexe – Waldrun Behncke

Die Hexe

Jan hatte einen Freund, und das war Willi Weseloh. Gleich wenn er aus der Schule kam, ging er zu Willi Weseloh hin. Willi Weseloh war der Hausmeister von dem Haus, in dem Jan wohnte. Immer hatten sie etwas zu tun. »Na, Jan«, sagte Willi Weseloh zum Beispiel, »dann wollen wir mal die Deckenlampe reparieren. Gib mir mal den Schraubenschlüssel Nummer fünf.« Jan gab ihm den Schraubenschlüssel, und dann schraubte Willi Weseloh die Lampe auf und sagte: »Ein Kurzschluss. Aha! Gib mir mal die Zange. So, jetzt stell die Sicherung aus.« Und so gab es immer etwas zu arbeiten. Oder Willi Weseloh sagte: »Dein Rad, Jan. Sieht ja schlimm aus. Hol mal einen Lappen. Und ein bisschen Seifenlauge.« Und dann putzten und wienerten sie an dem Rad herum, bis es ganz blank war.

Eines Tages sagte Willi Weseloh zu Jan: »Merkwürdig, merkwürdig. Komisches Geräusch. Geh mal ins Treppenhaus, Jan, guck nach, was es ist.« Sie waren nämlich gerade im Schuppen. Jan ging ins Treppenhaus. Und da – auf der Treppe – sprang eine kleine Hexe herum.

»Ich bin die böse Hexe«, sagte sie, »und du bist der blöde Jan, und gleich verhex ich dich.«

»In was denn?« sagte Jan.

»Das kommt darauf an«, sagte die kleine böse Hexe, »ich glaub, ich verhex dich in einen Pfannekuchen. Haha! Ich fresse dich, ich fresse dich!« Ihre Augen glitzerten gefährlich.

Jetzt wurde es Jan doch etwas unbehaglich. »I… in einen Pfannekuchen…«, stotterte er.

»Mit Zucker und Zimt!« rief die Hexe. »Mit Paprika!«

Und nun hüpfte und sprang sie mit dem Besen auf der Treppe herum. »Mit Pfeffer! Mit Pfeffer!«

Schon ging eine Tür auf. »Höi, was ist denn das hier für ein Lärm!« Willi Weseloh war es. »Na«, sagte er, »neuerdings trampeln die Hexen im Treppenhaus rum. Das wird ja immer schöner.« Er sah Jan an. »Habt ihr euch gestritten?«

»Ich streite mich nicht mit einer Hexe«, sagte er.

»Und du?« sagte Willi Weseloh zur kleinen Hexe. »Warst du böse?«

»Ja, war ich, böse! Klar war ich böse!« rief die kleine Hexe begeistert. »Ich bin ja überhaupt so böse!«

»Aha«, sagte er zur kleinen Hexe und packte sie am Kragen. »Dann geh dich mal waschen. Dahinten ist das Waschbecken.«

Er schob sie in die Küche hinein, gab ihr Waschlappen, Seife und Handtuch und passte genau auf, dass sie sich auch ordentlich wusch. Mit einer Kleiderbürste wurde sie mal tüchtig abgestaubt, und schließlich saß eine ganz nette gestriegelte Hexe in Willi Weselohs Lehnsessel. Sie biss behaglich in ein Marmeladenbrot und blinzelte Jan an. Und da merkte Jan es aber: Es war gar keine richtige Hexe. Es war ein kleines Mädchen. Sie hieß Emma Manuela Priebe und wohnte bei ihm nebenan, gleich um die Ecke. Er hatte aber noch nie mit ihr gespielt, weil sie viel kleiner war als er. Sie ging noch nicht in die Schule.

Emma Manuela Priebe sah ihn von der Seite an und nahm einen großen Bissen vom Marmeladenbrot.

»Na, na, nicht so hastig«, sagte Willi Weseloh.

»Nicht so hastig«, äffte ihn Emma nach. Und dann holte sie ein Kaninchen aus ihrer Rocktasche. »Nicht so hastig«, sagte sie zum Kaninchen, »nicht so hastig, mein Kind.«

Das Kaninchen sah sie ängstlich an, aber sie stopfte es seelenruhig wieder zurück in ihre Rocktasche.

»Nanu«, sagte Willi Weseloh, »was ist denn das?«

»Herr Höppner!« sagte Emma stolz. »Ich hab ihn natürlich verzaubert.«

Jan kriegte einen Schreck. Herr Höppner war nämlich kein anderer als Jans Vater.

»Zeig das Kaninchen noch mal her«, sagte Willi Weseloh.

Sie zog das Kaninchen wieder aus ihrer Tasche und setzte es auf den Tisch, und da saß es und schnupperte ängstlich an einem Marmeladenglas.

Ob das wohl mein Vater ist? dachte Jan. Das Kaninchen sah aber gar nicht wie sein Vater aus. Er war groß und hatte eine Brille.

»Äh… äh…«, sagte Jan, »warum hast du ihn denn verzaubert, angeblich?«

»Weil er frech war«, sagte Emma zufrieden. »Er hat gesagt, ich kann nicht zaubern, und da hab ich es natürlich gemacht.«

Und dann griff sie nach dem Kaninchen und guckte es ganz verliebt an, und gleichzeitig kniff sie ihm in den Schwanz. Das Kaninchen war jetzt ganz durcheinander. Aufgeregt sah es Jan an.

»Lass sofort das Kaninchen los!« sagte Jan. Aber da sagte Willi Weseloh: »So. Und jetzt bringst du es wieder in den Stall zurück. Wo du es herhast.«

Es war nämlich Willi Weselohs eigenes Kaninchen, er hatte im Hof einen kleinen Kaninchenstall.

»Mach ich, mach ich ja«, sagte Emma. Sie steckte das Kaninchen in ihre Rocktasche, und auf einmal… stürzte sie sich mit einem schrecklichen und unheimlichen Gebrüll auf Willi Weselohs Klavier und spielte den Flohwalzer. Lachend lief sie dann hinaus.

»So«, sagte Willi Weseloh, »und jetzt werden wir mal das Bord anbringen.« Aber Jan konnte sich gar nicht mehr darauf konzentrieren. Er musste immer an Emma denken. Was sie wohl jetzt Freches machte? Ob sie wohl wirklich zaubern konnte? Ein bisschen vielleicht?

»Na, Jan, nun gib mir mal endlich die Schraubenzange«, sagte Willi Weseloh. Jan hatte die ganze Zeit einen Hammer in die Luft gehalten und es nicht gemerkt.

Waldrun Behncke

Hans-Joachim Gelberg (Hrsg.): Die Erde ist mein Haus – Jahrbuch der Kinderliteratur.
Weinheim: Beltz&Gelberg 1988

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Kinder am von .

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