Das Loch im Garten

Das Loch im Garten

Hinten im Garten war ein großes Loch. Das Loch war kreisrund und so tief, dass vielleicht ein kleiner Elefant darin hätte baden können. Das hatte der Großvater Oliver einmal erzählt, sonst hätte der von dem Loch gar nichts gewusst. Es war angefüllt mit Bauschutt und leeren Flaschen, Dosen und allerhand Gerumpel.

Oliver musste immer wieder an das Loch denken, in dem ein kleiner Elefant hätte baden können. Er saß oft hinten im Garten und schaute auf den Müll.

»Ich will das Loch sehen«, sagte Oliver eines Tages zu seinem Großvater. »Machen wir es wieder auf!«

Der Großvater wurde nachdenklich. »Eine Bombe hat es gemacht. Es war ein hässliches Loch«, sagte er. »Lassen wir es lieber zu!«

Eines Tages aber, als im Nachbargarten ein kleiner gelber Bagger stand, um dort einen Swimmingpool auszubaggern, ging der Großvater zu dem Nachbarn hinüber, und bald stand der kleine gelbe Bagger vor dem Gerumpel hinten im Garten und baggerte das Loch wieder frei. Und da lag es nun.

»Kriegen wir jetzt auch einen Swimmingpool?« fragte Oliver. Von dem Elefanten sagte er nichts. Er wusste ja, dass man kleine Elefanten nicht so leicht bekommt.

»Wir kriegen etwas anderes«, sagte der Großvater.

»Was denn?« fragte Oliver.

»Du musst Geduld haben«, sagte der Großvater. »Dann wirst du es selber merken.«

Eine Weile unterhielt sich Oliver damit, in dem Loch auf- und abzu-klettern. Manchmal fand er Glasscherben oder eine Schraube, einmal ein Sesselbein. Dann war in dem Loch nichts mehr als Erde und Steine und da und dort eine Wurzel.

Dann, eines Tages, fing es zu regnen an, und das Loch wurde nass. Es regnete lange, und unten im Loch bildete sich eine kleine Pfütze. Der Großvater und Oliver gingen die Pfütze anschauen.

»Das ist noch zu wenig«, sagte Oliver. »Darin kann er noch nicht baden!«

»Wer denn?« fragte der Großvater.

»Der kleine Elefant«, sagte Oliver.

Nach ein paar Tagen Sonnenschein war die Pfütze wieder fort. »Können wir es nicht mit dem Gartenschlauch anfüllen?« fragte Oliver.

»Wir können schon«, sagte der Großvater. »Aber Geduld haben ist besser. Geduld bringt Rosen.«

Im Herbst regnete es viel mehr, und die kleine Pfütze unten im Loch kam wieder und blieb. »Weil die Erde lehmig ist«, sagte der Großvater. »Da kann das Wasser nicht so leicht abrinnen.« Und der Wind wehte Blätter in die Pfütze, die deckten das Wasser zu. Aber es war trotzdem da. Oliver merkte es, als er hinunterkletterte. Er kam mit Schuhen voll Wasser wieder herauf.

»Stör unseren Teich nicht«, sagte der Großvater.

»Wird das unser Teich?«

»Vielleicht.«

Es schneite, und das Loch wurde zugeschneit, und im Frühjahr war schon mehr Wasser im Teich. Und damit er nicht so bald wieder austrocknete, half der Großvater ihm manchmal mit dem Garten
schlauch. Der Teich war dankbar. Er war noch klein, aber er blieb.

Schön war er nicht. Er sah aus wie eine dreckige große Pfütze. Nebenan lachte der Swimmingpool des Nachbarn kristallblau herüber. Olivers Teich war dunkel und fing an, grauslich zu riechen. Faulige Blätter schwammen obendrauf und dunkle kleine Algen.

»Pfui!« sagte Oliver.

»Geduld bringt Rosen!« sagte der Großvater.

Eines Tages erwischte er Oliver dabei, wie er den Teich saubermachte. Oliver wühlte im Schlamm und warf faulige Blätter und Algen hinauf auf das Teichufer.

»Du machst unseren Teich kaputt!« sagte der Großvater. »In den Algen wohnen kleine Lebewesen. Die müssen sein. Sonst wird unser Teich nie ein wirklicher Teich!« Da warf Oliver das faulige Schlammzeug wieder hinein.

Der Teich wurde älter. Er wurde größer. Er roch nicht mehr so grauslich. An seinen Rändern wuchsen Binsen und ein wenig Schilf und allerhand Krauter und Gräser, die der Wind als Samen hergetragen hatte. Auch Wasserpflanzen wuchsen, die das Wasser sauber hielten. Eines Tages war eine Libelle da und dann eine zweite. Der Teich war jetzt schon so groß, dass ein kleiner Elefant drin hätte baden können. Aber das wollte Oliver jetzt gar nicht mehr.

»Ein Elefant verscheucht uns die Libellen«, sagte er. »Aber ein Frosch soll kommen!«

Der Nachbar blickte über den Zaun und sagte: »Das wird ja ein kleines Paradies! Wer hätte das gedacht! Aber wenn du Frösche haben willst, musst du Kaulquappen fangen und sie drin aussetzen. Aus Kaulquappen werden Frösche.«

Oliver und der Großvater gingen Kaulquappen fangen und setzten sie in den Teich, und es wurden Frösche daraus.

Aber eines Tages waren die Frösche wieder fort.

»Ich habe es mir gleich gedacht«, sagte der Großvater. »Wenn die Frösche Eier legen wollen, kehren sie dorthin zurück, wo sie zur Welt gekommen sind. Aber bis zum nächsten Teich müssen sie über ein paar Asphaltstraßen hüpfen. Hoffentlich fährt sie kein Auto tot!«

Die Frösche kamen nicht wieder. Oliver weinte. »Vielleicht sind sie bloß zuhause geblieben in ihrem alten Teich«, sagte er dann.

»Hoffentlich«, sagte der Großvater.

Eines Tages kam eine wilde Ente geflogen und ruhte sich auf dem Teich im Garten aus. Es war schon ein richtiger Teich mit Wasserpflanzen und Schilf, ein paar Wasserspinnen und allerhand Getier. Und Schmetterlinge gab es auch. Oliver fütterte die Ente, aber sie flog nach ein paar Tagen wieder fort.

»Wenn wir Glück haben, gibt es doch noch Frösche in unserem Teich«, sagte der Großvater.

Sie hatten Glück. Die Ente hatte auf ihrem Gefieder den Laich, die Froscheier, von einem fremden Teich in Olivers Teich gebracht. Jetzt kamen in Olivers Teich kleine Frösche aus den Eiern, und es wurde ihr Heimatteich, weil sie ja da zur Welt gekommen waren. Und sie zogen nie wieder fort und quakten fröhlich.

»Geduld bringt Rosen«, sagte der Großvater.

»Geduld bringt Frösche«, sagte Oliver.

Friedl Hofbauer

Lene Mayer-Skumanz (Hrsg.): Hoffentlich bald.
Wien: Herder Verlag 1986

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