In 10 minuten gibt’s essen – Achim Broger

In 10 minuten gibt’s essen

Vor dem Fußgängerüberweg an der Kreuzung bleibe ich stehen. Autos drängeln sich dicht hintereinander an mir vorbei. Meine Schultasche stelle ich neben mir auf dem Pflaster ab; sie ist heute ziemlich schwer, schwerer als sonst. Wir hatten in der zweiten Stunde Erdkunde, dafür muss ich jedes Mal den Atlas mitschleppen, der wiegt allein zwei Pfund. Kein Wunder, wenn ich mir vorstelle, dass darin alle Flüsse, Berge, Meere, Städte und Länder eingepackt sind – oder wenigstens fast alle. Da unten, in dieser Tasche neben meinen Füßen, stecken sie. Komische Vorstellung. Hoffentlich laufen die Flüsse und Meere nicht aus, sonst würden das Lesebuch und alle anderen Bücher und Hefte, die ich mithabe, nass werden… Jedenfalls ist die Tasche heute verdammt schwer.

Die Autos bleiben stehen. Das ist das Startzeichen für mich, ich drängle mich neben anderen Fußgängern an den Stoßstangen vorbei. Mutter schimpft oft über diesen Schulweg. Eine Zumutung für Kinder ist das, meint sie. Obwohl mich der Weg überhaupt nicht stört, auch die Autos nicht. Vielleicht kommt so etwas erst später, wenn man älter ist.

Da vorne, an der nächsten Hausecke, beim Tabakgeschäft, will ich meine Tasche in die andere Hand wechseln. Das tue ich immer an dieser Stelle. Der Tabakladen ist meine Wechselmarke. Bis ich dort angekommen bin, hat das Leder des Taschengriffs mir einen roten Striemen in die Hand gedrückt.

Gleich bin ich zu Hause. Um diese Ecke muss ich gehen; einen Augenblick noch, dann sehe ich unser gelbes, neu gestrichenes Haus. Was heißt hier unser Haus? Es ist das Haus, in dem wir und viele Familien wohnen.

Zuerst gucke ich immer, ob ich meine Mutter irgendwo hinter den Fensterscheiben sehen kann. Manchmal stelle ich mir vor, sie würde dort auf mich warten und mir entgegensehen. Das tut sie aber auch heute nicht. Früher, als ich in die erste Klasse ging, stand sie oft da oben und winkte mir zu, wenn sie mich sah. Ich rannte dann das letzte Stück.

Wahrscheinlich steht meine Mutter in der Küche und bereitet das Mittagessen vor. „Wahrscheinlich“ klingt nicht sicher genug, und ich bin ganz sicher, dass es so ist. Sie wird in der Küche sein. So ist es immer.

Ich muss ihr unbedingt erzählen, dass mir heute in der Schule eine irre Sache passiert ist. Seit der ersten Stunde sitze ich neben einem neuen Banknachbarn, Rainer heißt er. Mir wird ganz warm, wenn ich daran denke. Ich freue mich nämlich unheimlich darüber; ich mag ihn von allen Kindern in der Klasse am liebsten. Und er hat heute gefragt, ob er sich nicht neben mich setzen dürfte.

Ob meine Mutter den Briefkasten schon geleert hat? Doch, sie war schon unten im Hausflur, hat die Post hochgeholt. Der Kasten ist leer, keine Zeitung steckt mehr drin, nichts.

Jetzt habe ich ganz vergessen, die Tasche in die andere Hand zu wechseln. Das werde ich auch nicht mehr tun, obwohl das Leder jetzt in der Hand brennt. Die paar Stufen schaffe ich bestimmt noch. Zwanzig sind es, bis man bei uns auf dem Flur steht.

Irgendwie bin ich ganz froh, dass ich von der Schlepperei schon Hornhaut auf der Innenseite der Hand habe. Wenn man mit einer Nadel ein bisschen reinpiekt, spürt man gar nichts davon.

Zuerst sehe ich die Wohnungstür von unseren Nachbarn, Bambinek heißen die. Wenn ich den Namen lese, finde ich ihn jedes Mal zum Kichern. Ich weiß nicht mal genau warum. So… und jetzt kann ich klingeln.

Meine Mutter ist zu Hause, wie immer. Sie kommt über den Flur, gleich wird sie die Tür öffnen.

„Tag“, sagt sie, weiter nichts. Sonst fragt sie immer, was gab’s denn? Was macht die Schule? Dann erzähle ich, was in der Schule los war, und frage sie: Was gibt’s denn heute zu Mittag? Wenn ich Glück habe, antwortet sie: Spaghetti mit Fleischsauce. Aber heute sagt sie nur: Tag. Dann dreht sie mir gleich den Rücken zu und geht in die Küche. Dabei will ich ihr doch erzählen, was ich in der Schule erlebt habe.

Als ich in die Küche gehe, sehe ich wieder nur ihren Rücken. Was hat sie denn? Ich lege meine Tasche in den Flur. Mensch, die Hand tut ziemlich weh. Wir sollten wirklich mal fragen, ob wir nicht wenigstens den Atlas in der Schule lassen können.

Ihr Rücken beugt sich inzwischen über den Herd, gleich darauf über den Tisch, um Zwiebeln zu schneiden. Das geht alles blitzschnell bei ihr. Jetzt schneidet sie Kartoffeln, streut Salz ins Wasser. Sie braucht gar nicht zu sagen: In zehn Minuten gibt’s Essen. Ihr Rücken macht mir das klar.

Dabei ist es mir ziemlich egal, ob es das Essen in zehn oder zwanzig Minuten gibt. Sie sollte sich ruhig Zeit lassen. Aber sie meint wohl, dass ich sterben müsste, wenn das Essen nicht gleich auf dem Tisch steht. Abends, wenn sie für Vater kocht, macht sie es genauso. Sie ist immer sehr pünktlich.

„In der Schule war heute was los“, erzähle ich und will dann gleich weiterreden. Aber da sie in zehn Minuten – jetzt sind’s wohl nur noch neun – das Essen fertig haben will, hört sie mir nicht zu. Sie sagt nur: „Tu mir einen Gefallen, deck den Tisch.“ Und dann: „In zehn Minuten gibt’s Essen.“ Das weiß ich ja nun langsam schon.

Und dann decke ich den Tisch. Ich gehe ins Wohnzimmer, hole die Teller aus dem Schrank und zwar die Sonntagsteller, weil mir heute danach zumute ist.

Meine Mutter muss sich die Finger am Dampftopf verbrannt haben. Sie flucht mächtig. Ich lasse die Bestecke liegen und renne in die Küche. „BlöderTopf“, schimpft sie.

„Du, in der Schule sitze ich jetzt neben…“ Aber ich merke deutlich, dass das wohl der falsche Augenblick war, damit anzufangen. Ihr Finger tut immer noch weh. Sie halt ihn unter fließendes Wasser.

„Hast du jetzt endlich den Tisch gedeckt?“ fragt sie.

„Hmm“, murmele ich und verschwinde wieder im Wohnzimmer. Sie kommt gleich darauf hinter mir her, zetert: „Wie oft soll ich dir eigentlich noch klarmachen, dass du deinen Ranzen nicht so in den Flur zu pfeffern hast? Hab’ ich dir das nicht schon hundertmal gesagt? Du sollst ihn an den Haken hängen. Himmelkreuzdonnerwetter!“

Den Fluch hat sie von meinem Vater. Ich höre ihn heute das erste Mal von ihr. Und ich kann nichts dagegen machen, es klingt komisch, und ich grinse.

Zum Glück fängt Klaus, mein kleiner Bruder, jetzt an zu brüllen. Mutter sieht mich entsetzt an, so, als hätte sie etwas ganz Wichtiges vergessen. Sie läuft ins Kinderzimmer. Nein, sie läuft nicht, sie stürzt ins Kinderzimmer.

„Soll ich etwas reintragen?“ frage ich. Ich bin aber wirklich nur noch mal in die Küche gegangen, um ihr von meinem neuen Nebenmann zu erzählen. Ich freue mich immer noch riesig darüber.

„Ja“, antwortete sie, „nimm schon mal die Untersetzer mit ins Wohnzimmer.“

„Du, ich wollte dir erzählen, dass ich jetzt einen neuen Nachbarn…“

„Später“, sagt sie, „bitte, lass jetzt, die Kartoffeln sind fertig. Wenn du mir einen Gefallen tun willst, bring bitte den Mülleimer nach unten. In fünf Minuten gibt’s Essen. Beeil dich und wasch danach deine Hände.“

Ich nehme den Mülleimer und gehe nach unten. Die Tür lasse ich möglichst laut zufallen, obwohl sie sich darüber ärgert. Ich werde mich nicht beeilen, kein bisschen. Am liebsten würde ich erstmal eine Stunde nicht wiederkommen.

Ich bin nur froh, dass es nicht immer so ist, bei mir zu Hause. Und eines ist klar, dass ich einen neuen Nebenmann habe, werde ich ihr heute auch nicht mehr erzählen. Mir ist die Lust dazu vergangen.

Achim Broger

Michael Ende; Irmela Brender (Hrsg.): Bei uns zu Hause und Anderswo.
Stuttgart: K. Thienemanns Verlag 1976

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