Thomas und sein toller Zoo

Thomas und sein toller Zoo

Thomas will Tierpfleger werden. Er war mit Onkel Alfred im Tierpark. Dort hat es ihm gut gefallen. Von diesem Tag an weiß es Thomas genau: Er will Tierpfleger werden.

Tierpfleger ist ein herrlicher Beruf. Ein Tierpfleger kann Löwen füttern und den Seehunden Fische ins Maul werfen. Er muss die Kamele bürsten und darf Kaninchen streicheln.

Wenn der Tierpfleger es will, dann reitet er sogar auf einem Pony.

Thomas möchte sehr gern bürsten, füttern und reiten. Vor allem aber träumt er davon, ein Kaninchen zu streicheln. Ein schneeweißes Kaninchen soll es sein, weiß das Fell und rot die Augen.

»Ein Tierpfleger muss Mist fahren, Ställe scheuern und Stroh schleppen«, sagt Onkel Alfred.

Das macht Thomas nichts aus. Er will Tierpfleger werden. Aber Thomas ist erst sieben Jahre alt. Er muss noch lange Jahre warten, bis er Tierpfleger werden kann.

Thomas will nicht warten. Er will bald Tierpfleger werden. Im Tierpark aber werden Kinder als Tierpfleger nicht angenommen.

Deshalb will Thomas selbst einen Zoo eröffnen. Am besten schon in der nächsten Woche. Zehn Pfennig Eintritt wird er nehmen. Karla aus der dritten Klasse kann gut rechnen, sie führt die Kasse. Norbert soll Direktor sein. Thomas wird natürlich Tierpfleger.

Woher soll Thomas die Tiere nehmen? Wer schenkt dem Jungen einen Löwen? Wo findet er ein Kamel? Unsinn. Thomas will klein beginnen.

Am nächsten Samstag soll der Zoo eröffnet werden.

Onkel Alfred hat Thomas zum Geburtstag einen Distelfinken geschenkt. Das ist ein bunter Vogel, der sehr schön singt. Der Vogel im Käfig, das ist ein guter Anfang.

Karla wird ihren Goldhamster Bippo mitbringen.

Norbert züchtet weiße Mäuse. Sieben hat er schon. Ist das nicht bereits ein stattlicher Zoo?

Norbert sagt: »Der Zoo ist groß genug. Von dem Eintrittsgeld kaufen wir neue Tiere.«

Aber Thomas will gleich viele Tiere haben.

Am Montag geht er mit seiner großen Schwester Miriam in den Steinbruch. Dort fängt er eine Eidechse.

Er richtet eine Kiste her. Vater hilft ihm dabei. In der Kiste soll die Eidechse wohnen. Steine gehören hinein und ein kleines Wasserbecken.

Am Dienstag wandern Norbert und Thomas zum Baggersee. Thomas trägt eine Angel über der Schulter. Das ist ein Nussstecken mit einem Zwirnsfaden. In der Mitte des Fadens ist ein Streichholz festgebunden.

Norbert trägt einen Eimer und die Dose mit den kleinen Würmern.

»Die Angel hat keinen Angelhaken«, sagt Norbert. »Das ist nicht nötig«, antwortet Thomas, »wir wollen Stichlinge fangen. Wir binden einen Wurm an das Ende der Schnur. Ein Stichling beißt an. Das Streichholz zittert und schlägt kleine Wellen. Dann ziehen wir den Stichling heraus. Er hat sich an dem Wurm festgebissen.«

»Gut«, sagt Norbert, »mit einem Angelhaken würden wir ihn verletzen.«

Er schweigt eine Weile. Dann sagt er: »Aber wenn wir den Fisch an Land gezogen haben, dann erstickt er. Fische können nur im Wasser atmen.«

»So ist es«, gibt Thomas zu. Er klopft mit dem Ende des Angelstocks gegen den Eimer.

»Aha«, sagt Norbert.

»Ja«, sagt Thomas, »du schöpfst Wasser. Da hinein setzen wir die Stichlinge.«

»Wenn wir Fische fangen!«, sagt Norbert.

»Wir werden Fische fangen«, verspricht Thomas.

Norbert und Thomas fangen sieben Stichlinge. Ein Fisch hat einen roten Bauch.

»Das ist ein Männchen«, weiß Thomas.

Zu Hause richten die Jungen ein Aquarium ein.

Das Glasbecken hat im Schuppen gestanden.

»Von früher«, sagt Vater, »ihr könnt es nehmen.«

Am Mittwoch weihen die Kinder Willi Knappers in ihre Plane ein. Der will mitmachen. Willi Knappers besitzt einen blauen Wellensittich. Sein Name ist Wikki.

Wikki kann sprechen. Zwei Worte sind deutlich zu verstehen.

»Du Doofmann!«, kann er sagen. Mehr nicht.

Sie wollen Wikki an den Ausgang des Zoos setzen.

Am Donnerstag bringt Karla einen fetten Regenwurm.

»Was sollen wir mit einem Wurm anfangen?«, mault Norbert.

»Dieser Regenwurm hat einen lateinischen Namen«, behauptet Karla. »Meine Tante Eise hat gesagt er heißt >Lumbricida<.« »Das ist gut«, sagt Thomas, »wir füllen Gartenerde in ein Glas. Auf einen weißen Zettel schreiben wir ganz groß LUMBRICIDA. Alle Besucher werden staunen.« Am Freitag bastelt Thomas Käfige. Die kleinen Schubladen von Streichholzschachteln hat er vergittert. Die Gitter sind Stecknadeln. Sichere Käfige sind es geworden für die Tiere, die Thomas fangen will. Ganz still sitzt der Junge vor der Fensterbank. Auf der Fensterbank liegen tote Fliegen. Thomas will lebendige Fliegen fangen. Ssssss! Da kommt das erste Tier. Es ist ein dicker Brummer. Thomas schiebt vorsichtig seine Hand ganz nahe an die Fliege heran. Jetzt schnellt er genauso vorwärts. Er macht es, wie es ihm der Großvater gezeigt hat. Der Brummer surrt in der hohlen Faust, Seine Flügel schwirren. Das kitzelt. Thomas zieht zwei Nadeln aus dem Gitter heraus, steckt seinen Fang hinein und schiebt die Nadeln wieder ein. Der Brummer fliegt wild umher. Der ganze Käfig wackelt. Bald hat Thomas seine Käfige gefüllt. Im Garten hat er sogar eine grasgrüne Heuschrecke gefangen. Am Samstag wird der Zoo aufgebaut. Gleich am Eingang steht die Fischabteilung. Daran schließt sich die Mäuseabteilung an. Der Regenwurm Lumbricida und die Eidechse haben ihren Platz mitten im Zoo. Die Fliegenabteilung steht auf einer Apfelsinenkiste. Zum Schluss kommt man in das Vogelhaus. Willi Knappers ermahnt seinen Wellensittich: »Du musst zu jedem Besucher >Du Doofmann< sagen.«

Es spricht sich herum, dass Thomas seinen Zoo aufgemacht hat.

Zuerst kommt Siegfried mit seiner Schwester Ute. Dann zahlen Lambert und Erich das Eintrittsgeld. Um fünf Uhr am Nachmittag haben die Zoobesitzer bereits zwei Mark und sechzig Pfennige in der Kasse.

Da kommt Onkel Alfred. »Was macht ihr denn da?«, fragt er.

Er sieht nicht freundlich aus. »Ihr seid wohl verrückt geworden«, schimpft er. Er wird zornig. »Die armen Fliegen! Der arme Regenwurm!«

Schwups, er stülpt die Erde mit Lumbricida in den Garten. Wups, er zieht die Stecknadelgitter vor den Fliegenkäfigen weg. Die Fliegen können kaum noch fliegen. Die Heuschrecke hüpft matt ins Gras. Thomas heult.

»Weine nicht«, sagte Onkel Alfred.

Er geht ins Zimmer. Von der Fensterbank nimmt er eine tote Fliege.

»Mach sie wieder lebendig«, sagt er zu Thomas, »mach, dass sie wieder fliegen kann.«

Das kann Thomas nicht. »Siehst du«, sagt Onkel Alfred.

Dann ruft er Karla, Norbert und Willi Knappers herbei. Er sagt: »Der Zoodirektor muss dafür sorgen, dass es allen Tieren gut geht. Der Tierpfleger muss auch dafür sorgen, dass sich alle Tiere wohl fühlen. Ich zeige euch, wie Stichlinge gepflegt werden. Ich bringe euch bei, wie man eine Eidechse hält. Ich werde euch verraten, wie ihr mit Tieren umgehen müsst. Für die Fliegen und für den Regenwurm schenke ich euch etwas sehr Schönes.«

»Was?«, rufen die Kinder. »Was schenkst du uns?«

»Ich schenke euch Rapunzel«, antwortet Onkel Alfred.

»Rapunzel? Wer ist das?«, fragt Karla.

Onkel Alfred antwortet: »Rapunzel, das ist ein Kaninchen mit einem schneeweißen Fell und mit roten Augen.«

»Herrlich«, schreit Thomas, »sind wir nicht ein toller Zoo?«

»Du Doofmann«, kreischt der Wellensittich.

Willi Fährmann
Geschichten machen stark – Zum lesen und Vorlesen für Kinder
Würzburg: Arena Verlag 2002

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