Die verzauberte Lotusblume – aus China

Die verzauberte Lotusblume

In einer Gegend, wo weit und breit kein Haus zu finden ist, steht einsam am Ufer des Jangtsekiang auf einer Anhöhe eine fünfstöckige Pagode. Diese Pagode hat weder Türen noch Fenster; man kann weder hineingehen noch hinausschauen. Es heißt, ein Zauberer habe sie geschaffen, und kein Mensch hat je gewagt, in die Pagode einzudringen. An den sechs Ecken eines jeden Stockwerks hängen Glöckchen, jedoch ohne Schlägel. Aber wenn der Wind weht und die Glöckchen aneinanderschwingen, erklingt ein wundersames Läuten. Es klingt wie fernes, glockenhelles Mädchenlachen, und die Schiffer, die auf dem Jangtsekiang vorüberziehen, werfen einen scheuen Blick hinüber und flüstern sich zu: »Hört ihr das Lachen der verzauberten Lotusblume?« Hat ein Schiffer die Geschichte von der einsamen Pagode noch nie gehört, so beginnt gleich ein Alter sie ihm zu erzählen:

Vor langer Zeit lebte in einem entfernten Dorf der Bauer Chang. Seine Frau war schon früh gestorben, und als einziges war ihm seine Tochter Lotusblume geblieben. Lotusblume war sein ganzes Glück und sein ganzer Stolz. Unter allen jungen Mädchen des Dorfes und der Umgebung stachen ihre Schönheit und ihr Liebreiz hervor. Ihre Augen strahlten wie Sterne, ihr Mund leuchtete wie die Farbe der Korallen, und ihre Haut war so glatt wie Seide. Ihre Bewegungen waren so anmutig, dass es eine Freude war, ihr zuzusehen. Immer war sie fröhlich, und oft ertönte ihr glockenhelles Lachen. Jeden Jüngling berührte ihr Liebreiz, jedoch der Bauer Chang dachte noch gar nicht daran, Lotusblume jemandem zur Frau zu geben.

Eines Tages kam ein Zauberer, der die Kunst verstand, sich in jedes beliebige Tier zu verwandeln, als Schwalbe durchs Dorf geflogen. Inmitten der Mädchenschar gewahrte er Lotusblume, und es ergriff ihn tiefe Liebe zu ihr.

Am nächsten Tag kam er in Gestalt einer Fliege wieder, setzte sich still auf ihren Arm und genoss es, unbemerkt ihr ganz nahe zu sein. Seine Liebe zu ihr wurde so groß, dass er beschloss, am darauffolgenden Tag den Vater von Lotusblume aufzusuchen und um ihre Hand zu bitten.

Doch der Zauberer war unsagbar hässlich. Obwohl er es in der Kunst des Zauberns sehr weit gebracht hatte, vermochte er eines nicht: Er konnte sich nicht in einen Menschen mit schönerem Antlitz verwandeln. Da aber sein Äußeres jeden, der ihm begegnete, abstieß, musste er bei Chang auf seine Zauberkünste hoffen, damit er das, was er von ihm wollte, auch erreichte. Es gelang ihm tatsächlich, Chang für sich einzunehmen, und dank seiner Zauberei gelang es ihm auch, seine Wünsche durchzusetzen.

Chang schien seine abgrundtiefe Hässlichkeit nicht zu bemerken, glaubte, einen guten Mann für seine Tochter gefunden zu haben und versprach, sie ihm zur Frau zu geben. Der Zauberer schaffte am folgenden Tag viele kostbare Hochzeitsgeschenke herbei, worauf der Heiratsvertrag unterschrieben wurde.

Froh rief Chang seine Tochter herbei, damit sie ihren Bräutigam kennenlerne. Lotusblume kam herein, hörte verwundert, was der Vater ihr zu sagen hatte und starrte ungläubig das scheußliche Wesen an, das ihr Mann werden sollte. Schließlich brach sie in Gelächter aus und rief: »Vater, du treibst wohl Scherz mit mir, nie und nimmer will ich diesen Menschen heiraten!« Und sie wollte gar nicht mehr aufhören zu lachen.
Den Zauberer kränkte das Lachen sehr. Er liebte Lotusblume von ganzem Herzen und hoffte, sie für sich gewinnen zu können, wenn sie erst einmal eine Weile zusammengelebt hatten. Nach und nach merkte Lotusblume, dass ihr Vater nicht gescherzt hatte. Wohl oder übel musste sie sich in ihr Schicksal fügen, und bald schon wurden die Hochzeitsfeierlichkeiten abgehalten. Lotusblume verstand nicht, warum der Vater sie zu dieser Heirat zwang, und schluchzend verließ sie mit ihrem Mann das Haus.

Die Leute schüttelten über diese Verbindung die Köpfe und raunten einander zu, der alte Chang sei wohl nicht mehr ganz klug im Kopfe. Doch Chang, noch immer im Bann der Zauberkünste, war guten Muts, seine Tochter einem reichen Manne verheiratet zu haben. Er trat ans Fenster, blickte den beiden nach und war gerührt über die Anhänglichkeit seiner Tochter, denn er deutete ihre Tränen als Trennungsschmerz von ihrem guten Vater.

Allmählich ließen die Zauberkünste nach, und Chang fiel es wie Schuppen von den Augen. Was hatte er seiner inniggeliebten Tochter, seinem einzigen Glück, nur angetan!

Tagelang irrte er umher und suchte sie, doch er fand sie nirgendwo. Immer wieder lief er weit ins Land hinein und fragte jeden, ob er das ungleiche Paar gesehen habe, doch niemand hatte die beiden zu Gesicht bekommen. Und der Schmerz des Alten war so groß, dass ihm das Herz brach.

Inzwischen waren der Zauberer und Lotusblume weit gewandert. Sie hatten den Jangtsekiang erreicht, und im fahlen Licht des Mondes waren sie dem mächtigen Fluss gefolgt. Die Gegend wurde immer unwirtlicher, und inmitten einer wüsten, steinigen Ebene wies der Zauberer auf einen Fels und bat Lotusblume, sich zu setzen und auszurasten. Missmutig ließ Lotusblume sich nieder, und nun begann der Zauberer leise von, seiner Liebe zu ihr zu sprechen. Er erzählte, wie er als Schwalbe durchs Dorf geflogen war und sie zum ersten Mal erblickt habe, und wie er als Fliege wiedergekommen sei und lange mit sehnsüchtigem Herzen auf ihrem Arm gesessen habe. Und der Zauberer fuhr fort: »Nun sind wir angekommen. Hier ist mein Reich, hier sollst du glücklich sein!«

Da sprang Lotusblume auf, lachte höhnisch und rief: »Wie könnte ich hier glücklich sein! Ich sehe nur eine öde Landschaft voller Steine und Felsen! Sollen sie mir Gesellschaft leisten und mich erheitern?« — Da streckte der Zauberer die Hand aus, und aus dem Boden stieg ein prächtiger Palast empor, und um den Palast breitete sich ein Garten voller Bäume und wohlduftender Blumen aus. Lotusblume ging verwundert auf den Palast zu, und am Tor kamen ihr Dienerinnen entgegen, die sie nach ihren Wünschen fragten.

Lotusblume spazierte umher und betrachtete stundenlang all die Herrlichkeiten. Der Zauberer folgte ihr schweigsam. Als sie auch den hintersten Winkel gesehen hatte, begann der Zauberer wieder um ihre Liebe zu werben: »Gefällt es dir? All das, und noch viel mehr, gehört mir und soll von nun an auch dir gehören. Wirst du mich nun lieben können, schöne Lotusblume?«

Lotusblume blickte ihn kalt an, lachte wieder ihr höhnisches Lachen und spottete: »Das ist doch alles nur Zauberei! Der Palast ist in Wirklichkeit ein Fels, der Garten eine öde Wüste, in der noch nicht einmal eine Pagode steht. Und du – du bist ein alter Zauberer, ich werde niemals bei dir bleiben! Lass mich wieder zu meinem Vater zurück, dort hat es mir tausendmal besser gefallen!«

Der Zauberer hatte traurig ihre heftigen Worte angehört. Nun streckte er ein zweites Mal seine Hand aus, und vor Lotusblumes staunenden Augen erhob sich auf einer leichten Anhöhe eine fünfstöckige Pagode. »Lache nicht über mich, Lotusblume, denn ich liebe dich über alle Maßen«, begann der Zauberer aufs neue, »und ich hoffe immer noch, deine Liebe zu gewinnen.«

Doch auch diese Worte und das neue Wunderwerk vermochten die Gefühle des Mädchens nicht zu verändern. Es lachte nur noch lauter und rief: »Niemals werde ich deine Liebe erwidern, denn du bist so hässlich, dass ich Abscheu vor dir empfinde!«

Diese Worte ergrimmten den Zauberer. Zornig schrie er: »Du törichtes Ding! Meine Liebe und meine Schätze verachtest du, nur weil ich dir zu hässlich bin. Niemand kann etwas dafür, ob er hässlich oder schön geboren wurde! Auf alles, was ich dir sage, weißt du nur mit deinem törichten La¬chen zu antworten. Ich will deinen Hochmut strafen und dich für ewig in jene Pagode hineinzaubern!« Die Erde erzitterte und öffnete sich, und mit einem furchtbaren Getöse versanken Palast und Garten in den Erdspalten.

Einsam übrig blieb nur die Pagode. Der Wind wehte, ließ die Glöckchen aneinanderschwingen, und es war, wie wenn aus der Ferne Lotusblumes glockenhelles Lachen erklänge.

Ein Wanderer war des Wegs gekommen und hatte in einem Versteck unbemerkt den Zauber beobachtet. Er hat die Begebenheit in den Dörfern, und auch in Changs Dorf erzählt. Sie ging von Mund zu Mund, und viele Leute erfuhren davon. Und wenn die Schiffe heute auf dem Jangtsekiang vorbeiziehen, so lauschen die Schiffer, ob sie das Lachen von Lotusblume hören können.

Erika Sanders (Hrsg.)
Märchen aus aller Welt – China
München: Wilhelm Heyne Verlag 1978

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