Die Enthauptung des Ostmeergeistes – aus China

Die Enthauptung des Ostmeergeistes

Vor langer, langer Zeit – es war zurzeit der Tang-Dynastie – war einst eine große Dürre über das Land hereingebrochen. Die anhaltende Hitze hatte Wiesen und Felder ausgedörrt und das Wasser in den Flüssen sinken lassen. Wenn der Regen weiterhin ausblieb, drohte allerorts bittere Not auszubrechen. Überall sprach man über die vernichtete Ernte, die die Preise in die Höhe treiben würde.

Auch einige Fischer saßen nach getaner Arbeit bedrückt am Ufer des Jangtsekiang, rauchten ihre Pfeifen und sprachen mit sorgenvollen Mienen über die immer geringer werdende Ausbeute ihrer Fischzüge.

Unter ihnen saß ein armselig gekleideter Jüngling und lauschte den Reden der Älteren. Die Fischer sprachen auch über die Weisheit des weithin bekannten Zauberers Li, der trotz seiner viel gerühmten Zauberkünste jedoch die eine Kunst nicht verstand, nämlich den ausbleibenden Regen herbeizuzaubern. Da kam dem jungen Fischer ein Gedanke. Er stand auf und sagte: »Ich werde zum Zauberer Li gehen und ihn bitten, mir ergiebigere Fischereiplätze zu nennen!«

Da er keine Verwandten mehr hatte, packte er seine Gerätschaften zusammen, setzte sich in seinen Kahn und ließ sich den Strom hinabtreiben.

Als er in der Stadt anlangte, in welcher der Zauberer Li wohnte, erkannte er an einer Menschenansammlung vor einem Hause, dass dort der berühmte Zauberer wohnen musste.

Diesem war die außerordentliche Gabe verliehen, mit Hilfe von Münzen alles über die Gegenwart und die Zukunft zu erfahren, ja er hatte es sogar so weit gebracht, dass er ins Jenseits blicken konnte. Über die Grenzen seines Landes hinaus rühmte man seine Fähigkeiten, und die Leute nahmen weite Reisen in Kauf, um sich bei ihm Rat zu holen.

Der junge Fischer musste mehrere Stunden warten, bis er an der Reihe war, doch dann empfing ihn der Zauberer freundlich und hörte aufmerksam seine Bitte an. Er warf seine Münzen auf den Boden, betrachtete sie eine Weile und sprach: »Folge dem Jangtsekiang, bis du ans Ostmeer gelangst. Folge darauf der Küste in südlicher Richtung. Gegenüber einer Insel, auf der ein verfallener Tempel des Ostmeergeistes steht, findest du eine stille Bucht. Versuche dort dein Glück!«

Der junge Fischer dankte mit vielen Verbeugungen, bestieg freudig seinen Kahn und schaukelte dem offenen Meer entgegen.

Nach vielen Tagen erreichte er das Ostmeer und fand jene einsame Bucht, wie es der Zauberer beschrieben hatte. Hier war das Meer wunderbar klar, und der Jüngling beugte sich über das Wasser, und rief: »Dem Zauberer Li sei Dank, hier ist sicher eine fischreiche Stelle!«

Den freudigen Ruf aber hatte der Meeresdrache vernommen, der nichts Eiligeres wusste, als die Neuigkeit dem Ostmeergeist zu melden. Im Korallenschloss, das am Grund der stillen Bucht lag, war gerade ein munteres Gelage im Gange. Der Ostmeergeist feierte mit dem Hofstaat und seinen Gästen ein ausgelassenes Fest.

Jäh brachen Gelächter und Tanz ab, als die Nachricht eintraf. Der Ostmeergeist ergrimmte. »Das wird mir der Zauberer Li büßen!« rief er. Das Fest wurde abgebrochen, die Gäste wurden nach Hause geschickt. Seinen Wächtern, den Meeresschlangen und Meereskrebsen, befahl der Ostmeergeist, den Korallenpalast während seiner Abwesenheit abzuschirmen, damit keiner seiner Untertanen in die Netze dieses Fischers gerate.

In menschlicher Gestalt ging der Ostmeergeist auf die Stadt zu, in der der Zauberer wohnte.

Unterwegs sah er, was die große Trockenheit alles angerichtet hatte. Er erblickte die verdorrten Wiesen und Felder, all die ausgetrockneten Bäche, und das brachte ihn auf einen Gedanken, wie er sich an Li rächen könnte. Hähmisch lachend schüttelte er seinen Schlüsselbund, an dem unter anderem der Schlüssel zu den Wolkenkammern hing. Vom Himmel war er zum Regenhüter eingesetzt worden, und wenn die Weisung an ihn erging, hatte er die Wolkenkammern aufzusperren und den Regen herauszulassen.

Inzwischen war der Ostmeergeist vor Lis Haus angekommen, wo wie immer eine große Menschenmenge wartete. Als die Reihe an ihn kam, trat er würdevoll ein, verbeugte sich und stellte seine Frage: »Wann, o weiser Li, wird es wieder Regen geben?«

Der Zauberer Li schaute seinen Besucher forschend an, nahm darauf seine Münzen und warf sie auf den Boden. Lange betrachtete er die Münzen.

Endlich blickte er auf und antwortete: »Am dritten Tag des sechsten Monats wird es regnen. Am Vormittag wird ein Gewitter heraufziehen und ein Sturm losbrechen, und um die Mittagszeit wird der Regen vom Himmel herabrauschen.«

»Und was, wenn es nun nicht regnet?«, entgegnete dreist der Fragende.

»Dann kannst du mein Schild von der Haustür reißen und herumerzählen, welch elender Lügner ich bin«, erwiderte verärgert der Zauberer und bat, für den nächsten Ratsuchenden Platz zu machen.

Der vorhergesagte Tag kam. Das Gewitter zog herauf, der Sturm setzte ein — doch aus den dahin jagenden, dunklen Wolken fiel kein einziger Tropfen auf die sehnsüchtig zum Himmel aufblickenden Menschen.

Tags darauf kam der verkleidete Ostmeergeist wieder in die Stadt, drängte sich durch die Menschenmenge vor dem Haus des Zauberers und trat höhnisch lachend ein. »Sag‘ an, Zauberer, wo ist der Regen geblieben?« rief er. »Keinen Tropfen habe ich verspürt! Denk an unsere Abmachung, du hast verloren! Jetzt bereite ich deinem Gewerbe ein Ende, und niemand wird mehr kommen, dich um deinen klugen Rat zu fragen!«

Der Zauberer ließ die Beschimpfung schweigend über sich ergehen. Nun stand er auf, schüttelte lange seine Münzen und warf sie auf die Erde. Voll Spannung betrachtete er seinen Wurf. Plötzlich fuhr er auf und rief heftig: »Ich hatte nicht geirrt, der vorhergesagte Tag war der richtige! Du aber, Ostmeergeist und Regenhüter, hast dich in frevelhafter Weise gegen den Auftrag des Himmels vergangen und hast den Regen zurückgehalten! Der himmlische Kaiser ist wegen deiner Eigenmächtigkeit sehr erzürnt und hat dem himmlischen Scharfrichter Ngui-dschin befohlen, dich zu ergreifen und zu enthaupten.«

Da erbleichte der Ostmeergeist, und er fiel zitternd dem Zauberer zu Füßen. »O hilf mir, du Weisester aller Weisen«, stammelte er, »rate mir, wie ich dem Zorn des himmlischen Kaisers entgehen könnte!«

Er bot einen so jämmerlichen Anblick, dass der Zorn des Zauberers verrauchte und Mitleid in ihm aufstieg. Wiederum warf er seine Münzen, studierte eingehend ihre Lage zueinander, schüttelte bedenklich den Kopf und sagte dann endlich: »Ich kann dir nur einen einzigen Rat geben, Regenhüter. Geh‘ zum himmlischen Sekretär und flehe ihn an, deinen Kopf zu retten! Wenn du ihn mit deinen Bitten erweichen kannst, wirst du vielleicht mit heiler Haut davonkommen.«

Unverzüglich machte sich der Ostmeergeist und Regenhüter zum himmlischen Sekretär auf und bat ihn weinend und händeringend, ihn vor der Enthauptung zu bewahren. Der Sekretär wollte ihn gleich schroff abweisen, denn er hatte keine Lust, sich den Zorn des Himmelskaisers zuzuziehen. Doch der Regenhüter verstand es so gut, seine Tränen fließen zu lassen und um Rettung zu flehen, dass sein Jammer schließlich des Sekretärs Mitleid erweckte und er dem Regenhüter schwor, ihn vor der Strafe zu bewahren.

Erleichtert kehrte der Ostmeergeist in seinen Korallenpalast zurück. Währenddessen war es dem Sekretär wegen des abgegebenen Versprechens unbehaglich zumute geworden, Unruhig lief er hin und her und grübelte darüber nach, wie er es nun tatsächlich einlösen sollte. Ihm fiel ein, dass der Scharfrichter Ngui-dschin ein begeisterter Schachspieler war. Wenn es ihm gelänge, ihn vor der festgesetzten Stunde der Enthauptung in ein spannendes Spiel zu verwickeln und ihn so zu fesseln, dass er den rechtzeitigen Aufbruch vergäße, wäre der Regenhüter gerettet. Denn nach altem Geistergesetz wird ein Verurteilter, nachdem der Zeitpunkt der Hinrichtung verstrichen ist, freigesprochen.

Der Scharfrichter nahm die Aufforderung des Sekretärs an, und das Schachspiel begann. Je näher der Zeitpunkt der Hinrichtung rückte, desto spannender gestaltete der Sekretär das Spiel. Immer heftiger bedrängte er den König seines Gegners, und der Scharfrichter musste mit aller Aufmerksamkeit und Konzentration parieren, um nicht schachmatt gesetzt zu werden. In der Aufregung fiel ihm einer der Türme zu Boden. Als er sich nach ihm bückte, ruhte für eine Weile sein Kopf auf dem Tisch. Und da es ein glühend heißer Tag war und ihn die Leidenschaft des Spiels ermüdet hatte, fielen ihm die Augen zu und er schlief ein. Der Sekretär war hocherfreut, denn nun glaubte er den Regenhüter in Sicherheit. Im Schlaf rollten dem Scharfrichter dicke Schweißtropfen von der Stirn, und mehrfach keuchte er, wie wenn er eine harte Arbeit zu verrichten hätte.

Lange nachdem der festgesetzte Zeitpunkt der Hinrichtung verstrichen war, erwachte der Scharfrichter, blickte sich verwirrt um und schien sich in seiner Umgebung nicht gleich zurechtzufinden.

Der Sekretär erzählte ihm, dass er beim Spiel eingeschlafen sei, und fragte ihn voll Anteilnahme, was er geträumt habe, dass er im Schlaf so tief geseufzt und geschwitzt habe. »Ich habe ein Urteil vollstrecken und den Regenhüter, der eigenmächtig den Regen zurückgehalten hat, enthaupten müssen. Das war keine angenehme Arbeit.«

»Und ich dachte, du schläfst«, rief der Sekretär und rang die Hände. »Oje, jetzt wird der Regenhüter kommen und seinen Kopf von mir zurückfordern, denn ich habe ihm geschworen, ihn vor der Hinrichtung zu bewahren!« Der Scharfrichter erhob sich lachend und verspottete den himmlischen Sekretär für seine misslungene List.

Und wirklich, in der Nacht erschien der enthauptete Ostmeergeist beim Sekretär, rüttelte ihn aus dem Schlaf und forderte böse seinen Kopf zurück. Von nun an kam er jede Nacht und bedrängte ihn, so dass der Sekretär keine Ruhe mehr fand. Unausgeschlafen und missgelaunt lief er tagsüber umher, und schließlich ging er zum Scharfrichter, ob dieser ihm vielleicht einen Rat wüsste.

»Klebe mein Bildnis an deine Tür, dann wird er es nicht wagen, wiederzukommen«, riet ihm Ngui-dschin. Und lachend fügte er hinzu: »Er hat am eigenen Leib verspürt, dass mit mir nicht zu spaßen ist!« — Er hatte recht, seit dieser Nacht wurde der Sekretär in Ruhe gelassen.

Noch lange war es in China Brauch, in der Neujahrsnacht Bilder des Scharfrichters an die Wohnungstüren zu heften: Denn Ngui-dschin soll die bösen Geister abschrecken und von den Häusern fernhalten.

Erika Sanders (Hrsg.)
Märchen aus aller Welt – China
München: Wilhelm Heyne Verlag 1978

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