Das war ich nicht

Das war ich nicht

Mama hängt ein Schild an den Küchenschrank. Sie ruft die ganze Familie zusammen und zeigt auf das Schild.

»Ausreden gelten nicht« steht da.

Mama hat das Schild aufgehängt, obwohl sie genau weiß, dass die beiden noch gar nicht lesen können. Aber Mama weiß, dass Robert und Lisa genau verstehen, was auf dem Schild steht.

Denn gestern war Mama sehr böse.

Robert hatte Lisa geschubst. Lisa war hingefallen und hatte sich dabei ganz schön wehgetan. Robert hatte sofort gerufen: »Die hat aber angefangen!« Dabei hatte Mama gesehen, dass Robert einfach so auf Lisa zugeschossen war. Lisa war gerade erst ins Zimmer gekommen. Deswegen konnte sie Robert vorher gar nicht geärgert haben.

Mama hatte Robert ärgerlich angesehen und ihn hinten am Schlafittchen gepackt: »Robert, du hast angefangen. Ich finde das ziemlich feige, wenn wir immer Ausreden gebrauchen.«

So war das gestern. Und heute guckt Mama alle der Reihe nach an.

Zuerst Robert, der braucht oft Ausreden. Dann Lisa. Die braucht oft Ausreden. Schließlich Papa. Der braucht oft Ausreden. Und zum Schluss fasst sich Mama an die eigene Nase: »Ich brauche auch oft Ausreden. Ich bin die reinste Ausredenerfinderin.«

Mama holt tief Luft und sagt: »Wir alle gebrauchen Ausreden. Ganz typische Sätze sagen wir immer wieder: >Der hat angefangen. War doch bloß Spaß. Ich war das doch gar nicht. Das war ein Versehen.«

»Wir wollen uns immer herausreden. Nie waren wir es, immer zeigen wir auf die anderen«, sagt Papa.

»Das ist feige«, sagt Robert und guckt Mama an.

»Und ungerecht!«, meint Lisa und stupst Robert an.

»Dann wollen wir uns jetzt versprechen, dass wir keine Ausreden mehr benutzen!«, sagt Mama. Da geben sich alle die Hand und versprechen es.

Nun will Mama eine Tafel Schokolade spendieren und zieht die Süßigkeitenschublade auf.

Mama erstarrt, schaut in die Schublade und sagt ärgerlich: »Das darf nicht wahr sein!«

Sie holt ein leeres Schokoladenpapier aus der Schublade und hält es hoch. Alle gucken verlegen auf den Tisch oder in die Luft.

»Ich war das nicht«, sagt Papa. »Ich esse ja gar nicht viel Schokolade.«

»Ich habe nur das letzte Stück gegessen!«, ruft Robert.

»Und ich habe bloß aus Spaß ein bisschen genascht«, murmelt Lisa.

Mama hält immer noch das Schokoladenpapier in der Hand und sagt: »Das Papier ist aber leer. Haben wir denn Mäuse im Haus, die einfach eine ganze Tafel Schokolade aufessen?«

Alle müssen lachen.

Da sagt Papa: »Ich habe den zweiten Riegel gegessen. Jawohl!«

»Und ich den ersten«, murmelt Mama. Sie wird dabei richtig rot.

»Und ich habe das Stück gegessen, das noch übrig war«, sagt Robert.

»Und ich«, sagt Lisa, »ich habe die Riegel dazwischen genommen.«

»Der Schokoladenfall ist geklärt«, sagt Papa erleichtert.

»Wir alle sind echte Naschmäuse«, stellt Mama fest. »Und ich war die Erste.«

»Und ich leider der Zweite«, sagt Papa und grinst.

Da lachen Lisa und Robert, und Lisa sagt: »Wir alle sind Naschmäuse, eine große Naschfamilie.«

»Und das Einzige, was wir ändern müssen, ist, dass wir Verantwortung übernehmen müssen und >Ich war es< sagen«, sagt Papa.

»Und >Tut mir leid<«, sagt Mama ein bisschen leiser.

»Keine Ausreden mehr!«, sagen Robert und Lisa im Chor.

Elisabeth Zöller; Brigitte Kollog: Stopp, das will ich nicht!
Ellerman: Hamburg, 2007

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